Jetzt gehen wir ins Detail - Lebendimpfstoffe

Impflexikon 6 - von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Lebendimpfstoffe können als Spritzimpfung oder als Schluckimpfung verabreicht werden.
Lebendimpfstoffe können als Spritzimpfung oder als Schluckimpfung verabreicht werden. Illustrator: Jörg Lippmeyer

Lebendimpfstoffe imitieren eine natürliche Infektion. Dafür verwendet man Erreger, denen man die Fähigkeit, eine Krankheit zu erzeugen, die sogenannten Virulenz, abgezüchtet hat. Sie heißen „attenuierte“ (von lat. attenuare: „dünn werden, schwächen, vermindern“) Erreger. Sie sind so abgeschwächt, dass sie sich zwar noch vermehren, die Krankheit aber bei immunkompetenten Impflingen nicht mehr auslösen können. Es handelt sich dabei um genetische Veränderungen, die natürlicherweise erfolgen können durch spontane Mutation oder im Labor durch gentechnische Maßnahmen. Bei dem frühen Kuhpocken-Impfstoff könnte es sich um eine spontane Zufallsmutation gehandelt haben. Überprüft werden kann das nicht mehr, weil dieses Impfvirus im Zuge der weiteren Impfstoffentwicklung gegen Pocken verloren gegangen ist.

Die Immunreaktion kann humoral erfolgen. Als solche bezeichnet man die Produktion von neutralisierenden Antikörpern, die im Serum gelöst sind. Die werden von Plasmazellen, die aus B-Zellen entstanden sind, gebildet. Oder sie kann zellvermittelt sein. Das erfolgt durch die Entwicklung von erregerabtötenden T-Zellen.

Der besondere Vorteil von Lebendimpfstoffen besteht in dem besonders langen Schutz gegen die jeweilige Krankheit. Die Impfstoffe gegen Mumps, Masern und Röteln enthalten solche attenuierten Viren und bewirken meist lebenslangen Impfschutz.

An der Art dieser Impfung wird auch die Irrationalität von „Masern-Partys“ deutlich. Dabei werden Kinder dem hochgradig aggressiven Wildtyp des Virus ausgesetzt mit allen Risiken der Krankheit. Andrerseits wird das Impfvirus, das aus dem Wildtyp gezüchtet wurde, aber so gut wie nie nennenswerte Symptome hervorruft, als Teufelszeug diskreditiert.

Dennoch ist ein minimales Restrisiko ähnlicher Beschwerden wie bei der Krankheit nicht mit letzter Sicherheit auszuschließen. Doch die Symptome fallen fast immer sehr schwach aus und dauern nur wenige Tage an.

Impfungen mit Lebendimpfstoffen werden nur bei immunkompetenten Personen durchgeführt. Für immungeschwächte Patienten kommen sie nicht infrage, da bei einer Immunschwäche die Impferreger sich zu stark ausbreiten könnten. Nach aktuellen Empfehlungen des Robert Koch-Instituts sollte auch eine Schwangerschaft mindestens einen Monat nach Impfung mit Lebendimpfstoffen vermieden werden. In Deutschland gilt die Impfung mit Lebendimpfstoffen während der gesamten Schwangerschaft als kontraindiziert. Allerdings haben in anderen Ländern hunderte kurz vor oder während der Schwangerschaft durchgeführte Impfungen keine Fehlbildungen ergeben. Ein Schwangerschaftsabbruch nur wegen einer Impfung mit Lebendimpfstoff ist daher keineswegs zwingend. In der Stillzeit sind die gängigen Impfungen generell ohne Beschränkungen möglich.

Lebendimpfstoffe können als Spritzimpfung (Injektion) oder als Schluckimpfung (oral) verabreicht werden.

Unterschiedliche Lebendimpfstoffe sollen normalerweise simultan verabreicht werden. Der Grund ist: Lebendimpfstoffe können die Produktion spezieller Proteine, die eine immunstimulierende, antivirale Wirkung entfalten, hervorrufen. Diese Proteine heißen Interferone. Sie können dann die Wirkung einer zweiten Impfung mit Lebendimpfstoff unterdrücken, wenn diese in zu kurzem Abstand erfolgt. Aus eben diesem Grunde werden die Impfungen gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken (Varizellen) heute fast ausnahmslos als Kombinationsimpfung (MMRV-Impfung) verabreicht. Bei nicht gleichzeitiger Impfung zweier Lebendimpfstoffe soll der Abstand mindestens vier Wochen betragen. Totimpfstoffe oder eine Kombination mit ihnen betrifft dies nicht.

Eine spezielle Variante der Lebendimpfstoffe sind die sog. Vektorviren-Impfstoffe. Vektorviren sind harmlose Erreger, die zwar in menschliche Zellen eindringen und sich eventuell dort auch vermehren können, aber keine Krankheitssymptome hervorrufen. Ein solches Virus, von dem genau bekannt ist, wie es im Körper reagiert, bekommt eine Beiladung verpasst. Das kann auf zweierlei Art geschehen: Bei der einen Methode werden Oberflächenproteine des neuen Erregers im Labor an das Virus-Taxi gebastelt. In diesem Falle lösen die ersetzten Oberflächenproteine die Immunantwort aus. In dem zweiten, noch sehr neuen Verfahren werden in das Vektorviruserbgut einzelne Gensequenzen des neuartigen Krankheitserregers (z.B. des Ebola-Virus) eingebaut. Auch die Covid-19-Vakzine von Astra-Zeneca ist ein Vektor-Impfstoff, bei dem der genetische Code des SARS-CoV-2-Spike-Proteins in das Genom eines Adenovirus von Schimpansen eingefügt wurde. Das künstliche Genom des Vektorvirus löst die Produktion des Antigens (Spike-Protein) durch die Wirtszelle aus. Diese Impfstoffe nennt man genbasierte Impfstoffe (siehe dort).

Als harmlose Vektorviren kommen unter anderem die Impfviren aus Pocken- und Masern-Impfstoffen oder auch Affen-Adenoviren in Betracht.

Lebendimpfstoffe

  • Masernimpfstoff (lebenslange sterile Immunität)
  • Mumpsimpfstoff (lebenslange sterile Immunität)
  • Rötelnimpfstoff (lebenslange sterile Immunität)
  • Gelbfieberimpfstoff (lebenslange sterile Immunität)
  • Varicellaimpfstoff - Windpocken (lebenslange sterile Immunität, schützt vor allem vor der gefürchteten Gürtelrose im höheren Lebensalter)
  • BCG (= Tuberkulose-Impfstoff, wird in Deutschland wegen begrenzter Wirkung und häufigen Nebenwirkungen sehr selten verabreicht)
  • Typhusimpfstoff (Schluckimpfung mit abgeschwächten Salmonellen, wird in Deutschland nicht routinemäßig verabreicht, keine lebenslange Immunität)
  • Rotavirusimpfstoff (Schluckimpfung, Infektionen mit dem Rotavirus können schwere Durchfallerkrankungen hervorrufen, die bei Säuglingen und Kleinkindern lebensbedrohlich sein können. Erfolgt in Deutschland nicht routinemäßig)
  • nasaler Influenzaimpfstoff (wegen relativ häufiger Nebenwirkungen nur für Personen zwischen 3 und 50 Jahren zugelassen)
  • oraler Polioimpfstoff - Kinderlähmung (Seit 1998 wird die Anwendung des oralen Polioimpfstoffs in Europa nicht mehr empfohlen, da durch diesen Impfstoff ein, wenn auch extrem geringes, Risiko einer sogenannten Vakzin-assoziierten paralytischen Poliomyelitis besteht)
  • Pockenimpfstoff (älteste Impfung, Pocken gelten seit 1980 als ausgerottet. Seit 1992 werden attenuierte Pockenviren vor allem als virale Impfvektoren [siehe Vektor-Impfstoffe] gegen andere Erkrankungen eingesetzt)
  • Choleraimpfstoff (Schluckimpfung, nur in Endemiegebieten im Einsatz)
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