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Der Profi-Dieb Nemo (Willem Dafoe) scheint es sich gemütlich zu machen in der luxuriösen Penthouse-Wohnung. Doch der Schein trügt.

Psychothriller mit Willem Dafoe

„Inside“ neu im Kino

„Kunst bleibt für immer“ lässt uns der Ich-Erzähler aus dem Off wissen, der gerade im Hubschrauber über New York kreist. Dem professionellen Einbrecher Nemo (eindrucksvolle One-Man-Show: Willem Dafoe) bleiben, als ihn der Heli auf der Terrasse eines Wolkenkratzers abgesetzt hat, ganze drei Minuten, um das Sicherungssystem einer luxuriösen Penthousewohnung zu deaktivieren, die einem mit dem Pritzker-Preis ausgezeichneten Architekten gehört und eine bedeutende Kunstsammlung beherbergt.

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Nemo hat es auf fünf wertvolle Gemälde des österreichischen Expressionisten Egon Schiele abgesehen. Ausgerechnet das Prunkstück des betuchten, augenscheinlich die sündhaft teuren Räume nicht als Wohnung, sondern nur als repräsentative Galerie nutzenden Sammlers (Gene Bervoets), ein Selbstporträt Schieles, hängt nicht am angestammten Ort im Schlafzimmer. Was den kunstsinnigen Dieb noch nicht aus der Ruhe bringt.

Ganz anders die auf Dauer enervierende Alarmsirene, ausgelöst durch einen plötzlichen Systemfehler. Der Dauerton hindert Nemo daran, einen klaren Gedanken zu fassen. Weshalb er mit Brachialgewalt der Steuerungseinheit zu Leibe rückt und sie damit endgültig zerstört. Die Folge: Nichts geht mehr – außer dem mit Musik sprechenden Hightech-Kühlschrank, der aufgefüllt werden will. Und der Klimaanlage, die tropische Heißluft in die bald über 40 Grad Celsius geheizten Räume strömen lässt.

Da alle Systeme ausgefallen sind, muss Nemo (Willem Dafoe) alle Möglichkeiten nutzen, um weder zu verhungern noch zu verdursten.

Nemos kräftezehrenden Anstalten, die schwere Wohnungstür aufzubrechen, sind ebenso zum Scheitern verurteilt wie alle Versuche einer Kontaktaufnahme mit der Außenwelt. Dabei kann er über Monitore das Leben in dieser Luxus-Wohnanlage live verfolgen, vom Portier über Besucher oder Bewohner des Hochhauses bis hin zur Putzfrau. Die er aus Langeweile mit wenigen Strichen skizziert und dabei durchaus künstlerisches Talent offenbart.

Weil aus Tagen nicht nur Wochen, sondern sogar Monate werden in diesem Goldenen Käfig, muss sich Nemo nicht nur mit der Frage beschäftigen, wie er es schafft, an das Glasdach zu kommen und dieses zu durchdringen. Sondern auch die Temperatur- und Ernährungsfragen klären. Dabei helfen ihm ein ordentlicher Wodka-Vorrat, die Berieselungsanlage einer Grünzone mit exotischen Pflanzen, die durch offenes Feuer in Gang gesetzte Sprinkleranlage, ein Indoor-Pool und das störanfällige Thermostat der Klimaanlage, die plötzlich Kaltluft verströmt.

Nemo fühlt sich zunehmend lebendig begraben in diesem Luxussarg, erinnert sich an eine Vernissage mit dem Architekten und hat Alpträume: „Ich bin eine Insel.“ Ihm bleibt viel Zeit, über Kunst und Leben, freien Willen und gesellschaftlichen Zwang zu philosophieren, weil er sich immer größere Erholungspausen gönnen muss bei der Errichtung seines Turms zu Babel aus dem vorhandenen Mobiliar ohne entsprechendes Werkzeug. Nemo stößt körperlich und emotional an seine Grenzen. Durch die raumhohen Fenster schweift sein Blick über die Skyline des Big Apple: ein Feuerwerk kündigt vom Jahreswechsel, Schneefall vom Wintereinbruch…

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„Inside“, das Spielfilmdebüt des griechischen Dokumentaristen Vassilis Katsoupis („My Friend Larry Gus“), der auch der Ideenlieferant für den Drehbuchautor Ben Hopkins gewesen ist, entpuppt sich als klaustrophobischer Psychothriller, als ein über 105 Minuten hochspannendes, in den Kölner MMC-Studios gedrehtes Kammerspiel mit einem herausragenden, vor der Kamera Steven Annis‘ selbst bis ans Äußerste gehenden William Dafoe. Dessen mutiges Spiel über so manche Küchenphilosophie hinwegsehen lässt. Uraufgeführt am Montag (20.2.2023) im Panorama-Wettbewerb der 73. Internationale Filmfestspiele Berlin, kommt „Inside“ am Donnerstag, 16. März 2023, in die Kinos, bei uns zu sehen im Casablanca Bochum, in der Galerie Cinema in Essen sowie im Cinema Düsseldorf.

| Autor: Pitt Herrmann