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Döndü Tekin (re.) und Christian Koßek sind das Team des neuen Beratungsangebotes für Kinder, Jugend und Familien.

Neues Beratungsangebot für Kinder, Jugendliche und Familien

'Hilfe holen ist keine Schwäche'

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind circa eine Million Kinder in Deutschland von sexueller Gewalt betroffen. Dies beträfe zwei bis drei Kinder in jeder Schulklasse. Für viele Betroffenen ist es schwer, über das Geschehene zu sprechen und sich Hilfe zu suchen. Hier möchte das neue Beratungsangebot der städtischen Familien- und Schulberatungsstelle ansetzen.

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Richtet sich an Betroffene von null bis 27 Jahren

Das Team der Spezialisierten Beratung bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche, das bei der Familienberatungsstelle angegliedert ist, mit Sitz an der Wilhelmstraße 88 möchte Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen von null bis 27 Jahre, die betroffen von sexualisierter Gewalt sind oder waren, sowie deren Angehörigen ein kostenloses, und wenn gewünscht, auch anonymes Angebot zur Beratung und psychosozialen Begleitung machen.

'Erzählen, was auf dem Herzen liegt'

„Nach den Vorkommnissen wie beispielweise in Lügde haben die Bundes- und Landesregierung beschlossen, spezielle Beratungsangebote für Kinder und Jugendliche in den Fokus zu rücken", berichtet Sozialpädagoge Christian Koßek im Gespräch mit halloherne. „Daher gibt es nun unser neues Beratungsangebot. Es wurden vom Land maximal zwei Stellen ausgeschrieben. Diese besetzen in Herne nun meine Kollegin Döndü Tekin und ich."

Döndü Tekin (li.) und Christian Koßek haben ein offenes Ohr für die Anliegen der Kinder und Jugendlichen.

Diese Stellen werden zu 80 Prozent vom Land und zu 20 Prozent von der Stadt gefördert.

Anonym und kostenlos

Das neue Angebot schließe auch eine Lücke der Beratungssituation in Herne, denn erstmals können schon sehr junge Kinder und auch expliziert Jungen das Angebot in Anspruch nehmen. „Wir möchten den Kindern und Jugendlichen ein niederschwelliges Angebot machen. Sie können sich zunächst erst einmal telefonisch bei uns melden und uns schildern, was ihnen auf dem Herzen liegt", sagt Traumapädagogin Döndü Tekin gegenüber halloherne.

Danach könne ein Termin zu einem Erstgespräch vereinbart werden, bei dem nicht unbedingt die Eltern dabei sein müssten. Wenn es dann zu später zu einer Beratung komme, werden bei minderjährigen Betroffenen die Eltern mit ins Boot geholt.

'Gespräche unter vier Augen'

„Jedoch, und das ist uns ganz wichtig zu betonen: Alles, was uns die Kinder und Jugendlichen anvertrauen, bleibt unter uns. Es sei denn, es handelt sich um eine akute Kindeswohlgefährdung, da müssen wir dann das Jugendamt informieren", sagt Koßek.

Relevant ist es für die beiden Sozialpädagogen auch, dass sich sowohl Eltern, Erziehungsberechtigte, Freunde von Betroffenen, aber ebenso Fachkräfte wie Lehrer, Schulsozialarbeiter, Kinderschutzfachkräfte aus Kitas oder Mitarbeitende der Jugendhilfe an das Team wenden können.

Kinder und Jugendliche, die solch eine traumatische Erfahrung durchleben, zeigten zumeist eine Veränderung im Verhalten. „Betroffene reagieren sehr unterschiedlich auf das Erfahrene. Manche ziehen sich komplett zurück, andere können aber vermehrt aggressives Verhalten an den Tag legen", so Tekin.

'Wir hören ihnen zu'

In den Beratungen, die sich über Wochen oder auch Monate erstrecken können, bauen die Pädagogen ein Vertrauensverhältnis zur betroffenen Person auf. „Statistisch gesehen ist es so, dass ein Kind bis zu vier Erwachsene ansprechen muss, bis ihm geglaubt und geholfen wird. Daher ist wichtig, dass die Kinder und Jugendlichen wissen, dass sie sich an uns wenden können. Wir nehmen sie ernst. Wir hören ihnen zu", betont Christian Koßek.

Vielfach sei das Aufsuchen einer Beratungsstelle mit Scham verbunden. „Wir erleben es immer wieder, dass sich Betroffene die Schuld an den Geschehnissen geben. Aber Schuld hat immer der Täter. Hilfsangebote in Anspruch zunehmen hat nichts mit Schwäche zu tun", so der Sozialpädagoge weiter.

Christian Koßek beim Blick in eine Fallakte.

Da sich die Beratungsstelle auf die Arbeit mit Betroffenen konzentriert, finde hier keine 'Täterarbeit' statt. Vielfach seien Täter auch nicht die Fremden oder Unbekannten. Täter können genauso Familienmitglieder und Vertrauenspersonen sein. „Wir erleben es leider häufiger in unserer Arbeit, dass Täter eben nicht die ominösen Unbekannten sind, sondern Vertrauenspersonen von Kindern", berichtet Döndü Tekin.

Weiter führt sie aus: „Wir schauen bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen immer, was sie gerade benötigen. Vielfach wird ja geraten, Fälle von sexualisierter Gewalt sofort zur Anzeige zu bringen. Aber man sollte schauen, was die betroffene Person in einer akuten Situation gerade braucht. Aufgrund der Verfassung des Kindes oder Jugendlichen kann zu diesem Zeitpunkt eine Anzeige dann eher traumatisierend sein."

Anonyme Spurensicherung für spätere Anzeige

Ein Mittel, um dennoch Beweise für eine spätere Anzeige zu sichern, ist die anonyme Spurensicherung (ASS). Sie helfe dabei, gerichtsfeste Beweise zu erhalten. Betroffene können sich von einem Arzt untersuchen lassen. Bei Kindern bis 14 Jahren mit Einwilligung der Eltern. Ab 14 Jahren liege es dann im Ermessen des Arztes zu entscheiden, ob die betroffene Person die Reife besitze, eigenständig über die Untersuchung zu entscheiden, berichten die Sozialpädagogen.

Bei der ASS werden DNA, beispielsweise Spermaspuren, und Verletzungen gesichert. Betroffene erhalten dann einen Code, mit dem sie, wenn sie sich doch noch zu einer Anzeige entschließen, die Beweismittel erhalten können. Jedoch bedeutet die ASS keine Anonymität bei der Sicherung der Spuren, sondern dass die Sicherung der gewonnenen Spuren anonym - nämlich über den Code, den man erhält - erfolge.

Doch wie gelingt es Döndü Tekkin und Christian Koßek die Schicksale, mit denen sie tagtäglich zu tun haben, nicht mit nach Hause zu nehmen? „Mir hilft der Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen immer sehr gut", sagt Koßek.

'Eher aufs Positive, als aufs Negative konzentrieren'

Döndü Tekin ergänzt: „Ich versuche mich eher auf das Positive als auf das Negative zu konzentrieren. Wenn ich beispielsweise sehe, dass ein betroffenes Kind oder Jugendlicher nach der Beratung wieder lächeln kann, dann gibt mir das sehr viel."

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Wer selbst betroffen ist oder jemanden kennen könnte, der von sexualisierter Gewalt betroffen sein könnte und Kontakt mit dem Team aufnehmen möchte, kann dies unter Tel 02323/163640 tun. Das Angebot ist kostenlos und wenn gewünscht, anonym.

| Autor: Julia Blesgen
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