Globalisierungskrimi - Der Ball ist rund

Für alle Menschen ab zehn Jahren

Überbordend spielfreudiges Ensemble: „Der Ball ist rund“.
Überbordend spielfreudiges Ensemble: „Der Ball ist rund“. Foto: feinSchnitt

Wie aktuell heute der Globalisierungskrimi, so der Untertitel zum am 22. Oktober 2003 uraufgeführten Stück Der Ball ist rund von Thomas Ahrens am Berliner Grips-Theater, ist, zeigt sich 17 Jahre später coronabedingt auf dem Bildschirm: der Repertoire-Evergreen kann von Freitag-Donnerstag, 22.-28. Mai 2020 (18-17:55 Uhr) kostenlos gestreamt werden unter grips.online/sehen als 105-minütige feinSchnitt-Aufzeichnung (ohne Pause) einer Aufführung aus dem Jahr 2004.

Es beginnt wie eine biedere Gemeinschaftskunde-Unterrichtsstunde an der Oberschule Thomas Müntzer: Lehrer Liebchen („Grips“-Urgestein Dietrich Lehmann) doziert über Ausbeutung in der Dritten Welt, über Globalisierung, Fairen Handel und Menschenrechte. Die Kids, allen voran das Sportler-Trio Nicolas (Jens Mondalski), Timo (Christian Giese) und Gerrit (Frank Engelhardt), sind jedoch nicht recht bei der Sache. Ihre Elf will ins Halbfinale der Berliner Fußball-Schulmeisterschaften einziehen. Denn dann winkt nicht nur eine neue Ausrüstung der Firma „Gigas“, die mit Macht in Deutschland Fuß fassen will, sondern auch ein lukrativer Sponsorenvertrag für die ganze Schule einschließlich der längst fälligen Computer-Ausstattung.

Sportlehrer Horst Strebe (der Stückautor Thomas Ahrens) ist sogleich Feuer und Flamme und kann auch Kollegin Weitendorf (Michaela Hanser auch als flotte „Gigas“-Repräsentantin Stella Winter) auf seine Seite ziehen. Da muss der olle Liebchen schon ’mal Fünfe gerade sein lassen.

Nicolas legt den Grundstein für den Deal, indem er die Vorausscheidungen für einen Solo-Werbevertrag gewinnt. Beeindruckt vom neuen, stadtweit plakatierten „Star“ ist auch Klassenkameradin Hira (Katja Hiller) – bis sie eines Tages nagelneue „Gigas“-Klamotten daheim anschleppt und die entsetzte Reaktion ihrer Mutter Sulabha (erneut Michaela Hanser) mitbekommt.

Doch die rückt mit der Wahrheit so lange nicht heraus, bis Hira mit Hilfe des Bruders ihres Freundes, dem Computerfreak Daniel (Paraderolle für Christian Giese), aus dem Internet näheres über den weltweit agierenden „Gigas“-Konzern erfährt. Auch stellt sich heraus, dass ihr Onkel, der als aktiver Gewerkschafter die ausbeuterischen Machenschaften des Global Player anprangerte, für sein Engagement mit dem Leben bezahlen musste. Bei der aufwendigen „Gigas“-Marketingaktion in der Schule lassen Hira, Timo und Gerrit die „Bombe“ platzen, indem sie emotional aufwühlende Fotos aus dem Internet in die Videoprojektion des Konzerns „schmuggeln“. Der Deal droht zu platzen, doch die „Thomas Müntzer“-Elf wird Berliner Meister. Und das mit abgedeckten Firmenlogos auf den neuen Sportklamotten. Denn nun hat auch Nicolas erkannt, wie wichtig Alternativen zum globalisierten Kapitalismus der Konzerne sind, neue PCs hin oder her. So lösen sich nach gut zwei Stunden unter dem tosenden Jubel des jungen Publikums ab zehn Jahren auch die zwischenzeitlichen Irritationen zwischen Hira und Nicolas in Wohlgefallen auf...

Zugegeben: Die Klischees, die Rüdiger Wandels Inszenierung in der Ausstattung von Mathias Fischer-Dieskau (Bühne) und Barbara Kremer (Kostüme) am „Grips“ transportiert, sind platt, die Typenzeichnung holzschnittartig, die Welt wie einst zu ideologischeren Zeiten am Berliner Hansaplatz in Gut und Böse aufgeteilt, das Ende klattrig-schmalzig. Doch das erneut grandios aufgelegte, überbordend spielfreudige Ensemble begeistert rundum – und die zunächst arg dröge, oberlehrhafte Story gewinnt durch das persönliche, nachvollziehbare Einzelschicksal der Familie Baumann an Authentizität. Was die Inszenierung spürbar beflügelt: Sie nimmt an Fahrt zu und tatsächlich auch an Spannung.

Und die Moral von der Geschicht’? Glaubt nicht den Marketingstrategen, dass das individuelle Glück von teuren, allein selig machenden Markenklamotten abhängt, die irgendwo in finsteren Dritte-Welt-Hütten unter unmenschlichen Bedingungen und zum Schaden der Umwelt produziert werden. Die naturgemäß arg vereinfachende, deshalb aber keineswegs falsche Botschaft kommt im Publikum am Hansaplatz ’rüber. Ob die Kids diese allerdings auch beim nächsten Einkauf mit den Eltern in die Tat umsetzen?

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