Gift. Eine Ehegeschichte.

Grandioses Kammerspiel in Bochum

Steven van Watermeulen und Elsie de Brauw.
Steven van Watermeulen und Elsie de Brauw. Foto: Phile Deprez

Die Türen des Zuschauerraums der Bochumer Kammerspiele stehen offen, das Saallicht ist an, als der Mann durch das Parkett schleicht, in sich versunken in sein Handy tippend. Dann stürmt die Frau herein, freut sich, ihn zu sehen, will ihn sogleich umarmen – aber er blockt ab. Betretene Stille, nervöse Befangenheit. Worüber sprechen, wenn man sich nach zehn Jahren das erste Mal wiederbegegnet? Über das Wetter, das geht immer. Und über die Tulpenzwiebeln, die sie am Grab ihres gemeinsamen Kindes zu pflanzen gedenkt. Obwohl dieses verlegt werden soll, so steht es jedenfalls im Brief der Friedhofsverwaltung.

In der Trauerhalle, die Leo De Nijs durch eine Holz-Tribüne mit aufgeschraubten Sitzen angedeutet hat im ansonsten nackten Bühnenraum, kommen der Mann („Er“: Steven van Watermeulen, Gast von der Toneelgroep Amsterdam) und eine seine Ex-Frau („Sie“: Elsie de Brauw) zusammen, weil Gift im Boden gefunden worden ist und 200 Gräber verlegt werden müssen, darunter das ihres Sohnes Jacob. Nach der Beerdigung sind sie getrennte Wege gegangen, um das größte mögliche Unglück zu verarbeiten: Während er in Frankreich noch einmal von vorn begonnen und vor zweieinhalb Jahren mit der nun schwangeren Valerie eine neue Liebe gefunden hat, ist sie im gemeinsamen Haus in Holland wohnen geblieben und hält weiterhin Kontakt zu seiner Mutter. „Ich hasse Glück, ich hasse glückliche Menschen“: Sie hat sich ganz in ihrer Trauer eingekapselt. Jeder Gedanke an eine Veränderung ihrer äußeren Umstände bereitet ihr geradezu körperliche Schmerzen, obwohl sie sich sehr einsam fühlt in ihrer Trauer. Und sich uneingestanden und heimlich nach einem Partner, nach „dem“ Partner sehnt, um mit ihm ihre Trauer zu teilen.

„Ich weiß nicht so recht, was ich sagen soll“: Elsie de Brauws Frau ist so nervös, dass sie erst einmal auf die Toilette gehen muss – und sich dafür beim Publikum entschuldigt. Steven van Watermeulens Mann ist kaum weniger unsicher. Als er es wagt, die Zurückgekehrte leicht zu berühren, kreischt diese laut auf: „Nicht anfassen!“ Rückblende: 31. Dezember 1999, die Millennium-Nacht. In der haben die beiden, durch einen zu schnell fahrenden Autolenker, erst ihren Sohn Jacob verloren und dann einander – und schließlich sich selbst. Vor allem die Frau, die mit Schlaftabletten und Schokolade zu kompensieren versucht. Letztere offeriert er ihr mit der Erkenntnis: „Leiden macht süchtig. Dafür müsste es Entzugsanstalten geben.“ Der Mann schreibt – zu ihrem Entsetzen - an einem Buch über den Unfall und die Folgen für ihre Ehe. Sie resümiert bitter: „Was habe ich hieraus zu lernen? Nichts. Dass das Leben Scheiße ist. Manchmal. Für manche Leute so richtig Scheiße.“

In Gift. Eine Ehegeschichte, dem am Niederländischen Theater Gent durch den heutigen Bochumer Intendanten Johan Simons uraufgeführten und inzwischen in der ganzen Welt gespielten Erfolgsstück der holländischen Theater-Macherin Lot Vekemans geht es um den Versuch zweier Menschen, ihre Sprachlosigkeit, die Kluft, die der Schmerz über den Tod des Kindes gerissen hat, nach zehn Jahren zu überwinden. Und zumindest aus Sicht der Frau auch darum, Halt zu finden in gemeinsamer Erinnerung – und letztlich auch in körperlicher Annäherung. Weshalb sie es gewesen ist, die den nur scheinbar von der Behörde verfassten Brief geschrieben hat.

Im März 2015, als Heike M. Götze das Zwei-Personen-Kammerspiel in Bochum mit einer überragenden Bettina Engelhardt an der Seite von Dietmar Bär herausbrachte, donnerten Düsenjäger im Tiefflug über den völlig in Nebel gehüllten Friedhof: Ihr ohrenbetäubender Lärm behinderte ihr aneinander vorbeireden zusätzlich akustisch. Regen vertrieb die Nebelschwaden ins Parkett und es begann, auf Precis-Form gekürzt, ein zweiter Blick auf die Geschichte mit vertauschten Rollen. Wodurch sich freilich nichts Grundsätzliches änderte. Am Ende nach 75 pausenlosen Minuten nahm Dietmar Bär – endlich – Bettina Engelhardt tröstend in die Arme...

Johan Simons hat sich bei der Uraufführung naturgemäß solche Regie-Freiheiten nicht genommen. Seine mehrfach preisgekrönte Inszenierung, die in deutscher Sprache nun an der Bochumer Königsallee gezeigt wird, nimmt sich einhundert Minuten Zeit für die beiden Hauptpersonen. Die zunächst einmal, in der Fremdsprache Deutsch, schärfer artikulieren. Aber nicht nur phonetisch: Sie gehen auch härter miteinander ins Gericht – bis zum reinigenden Gewitter einer Dusche, deren Sprühnebel ein großer Propeller bis in die vorderen Parkettreihen treibt. Am Ende, physisch und psychisch ermattet, sprechen beide friedlich miteinander statt nur übereinander: gemeinsame Erinnerungen und die tröstlich-melancholischen Lieder John Dowlands aus dem 16. Jahrhundert, im englischen Original mitten im Publikum vorgetragen vom exzellenten belgischen Countertenor Steve Dugardin, sorgen für ein versöhnliches Finale.

Im Mittelpunkt die niederländische Star-Schauspielerin Elsie de Brauw, die ihrem Gatten Johan Simons schon zu Ruhrtriennale ins Revier folgte und seit 2018 dem Bochumer Ensemble angehört: für die ihr erklärterweise auf den Leib geschriebene Frauenrolle in „Gift“ wurde sie bereits zum zweiten Mal mit dem „Theo d’Or“ als beste Schauspielerin des Jahres ausgezeichnet, so etwas wie der niederländische Theater-Oscar. Simons aber gibt dem Multi-Künstler und Amsterdamer Kunsthochschul-Lehrer Stevan van Watermeulen den Raum, sich als gleichgewichtiger Bühnenpartner zu behaupten.

Lot Vekemans, 1965 in Oss geboren, schreibt seit 1995 Stücke für Kinder und Erwachsene und hat 2005 ihre eigene Company MAM (Meerdere Antwoorden Mogelijk) gegründet. Für „Gif“, so der Originaltitel, wurde sie 2010 mit dem „Taalunie Toneelschrijfprijs“ ausgezeichnet, der in den Niederlanden jährlich für das beste aufgeführte Stück der vorhergehenden Spielzeit vergeben wird.

Die Autorin in einem Gastbeitrag für das Bochumer Programmheft: „Der wichtigste Unterschied zwischen dem Mann und der Frau in diesem Stück ist, dass die eine in die Vergangenheit schaut und der andere eigentlich nach vorne schauen will. Vor allem der Mann will ein neues Kapitel beginnen, obwohl er auch zögert: Ist es möglich? Ist es erlaubt? Es scheint, als würde er immer noch um die Erlaubnis seiner Ex-Frau bitten. Während sie sich völlig auf die Vergangenheit konzentriert, wird sie von ihr vollständig absorbiert. Sie kann und will den Verlust ihres Kindes nicht loslassen. Die beiden stehen sozusagen Rücken an Rücken, ihre Augen in die jeweils entgegengesetzte Richtung.“

Als Gastspiel der Münchner Kammerspiele steht mit „Judas“ – und dem überragenden Steven Scharf – ein weiteres Stück der Niederländerin Lot Vekemans auf dem Spielplan des Schauspielhauses Bochum. Wo „Gift. Eine Ehegeschichte“ wieder am 11. November 2019 sowie am 2. und 28. Dezember 2019 in den Kammerspielen gezeigt wird, Karten gibt es auf der Homepage oder Tel 0334 – 33 33 55 55.

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