'Freud über Freud'

Sigmund Freud -Doku neu im Kino

Anna und Sigmund Freud im Jahr 1929.
Sigmund und Anna Freud 1939 in London. Foto: Freud Museum London

Löwenzahn-Wiese vor einem Bauernhof. Drei Kinder im Alter von zwei und drei Jahren spielen miteinander: Sigmund, sein Cousin und dessen Schwester. Sie streiten um ihr Spielzeug und später wird sich Sigmund Freund an diese Szene zurückerinnern und daraus seine Schlüsse ziehen: „Einem Mädchen die Blumen wegnehmen, das heißt ja deflorieren.“ Im Wien der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert entwickelt ein visionärer und bahnbrechender Wissenschaftler, der im Alter von vier Jahren mit seinen Eltern in die Donaumetropole gekommen ist, die Psychoanalyse - bis er 1938 von den Nationalsozialisten ins Exil nach London gezwungen wird.

Sigismund Schlomo Freud wurde 1856 im mährischen Freiberg geboren. Sein Vater Jacob entschloss sich im Herbst 1859, nach Wien überzusiedeln und bezog eine kleine Wohnung in der von Ostjuden bevorzugten Leopoldstadt. Einem „Ghetto ohne Mauern“, wie der Erzähler André Jung erläutert. Nach der Heirat mit der Hamburger Rabbinertochter Martha eröffnete Freud 1886 in der größeren Wohnung an der Berggasse, in der inzwischen auch Tante Minna, die Schwester seiner Mutter, lebt, eine Arztpraxis.

Sigmund und Anna Freud 1939 in London.
Anna und Sigmund Freud im Jahr 1929. Foto: Freud Museum London

Seinem engsten Freund Wilhelm Fließ schildert er die von großen Ambitionen wie von Selbstzweifeln geprägten Anfangsjahre bis zum Tod des Vaters Jacob 1896. Freud erkennt die Traumdeutung als Königsweg zum Erkennen des Unbewussten, die Publikation seiner Erkenntnisse begründet 1900 die Psychoanalyse. Aus der „Mittwochsgesellschaft“ seiner Freunde und Anhänger wird 1908 die Wiener Psychoanalytische Gesellschaft, noch im gleichen Jahr kann in Salzburg der erste internationale Kongress abgehalten werden. Und 1909 unternimmt Freud u.a. mit seinem Schüler Carl Gustav Jung (Sprecher: Roland Koch) eine USA-Reise.

Der Erste Weltkrieg bedeutet für Freud eine Zäsur nicht nur in wissenschaftlicher Hinsicht: „Die Humanität scheint wirklich tot zu sein.“ Mit dem Untergang des Habsburger Reiches beginnt für ihn eine „finstere Epoche“, zu der auch die Diagnose Mundhöhlenkrebs gehört: Über dreißig Operationen haben keinen Erfolg, eine Prothese schafft nur vorübergehend Linderung. Parallel verbreitet sich die Psychoanalyse international, der 5. Kongress 1918 in Budapest lässt auf eine Institutionalisierung der Forschung hoffen. 1930 nimmt Freud mit der Schrift „Das Unbehagen in der Kultur“ die weitere, von ihm selbst lange verdrängte Entwicklung Österreichs über den Austrofaschismus zum Nationalsozialismus vorweg.

Mit „Sigmund Freud – Freud über Freud“ hat der französische Regisseur David Teboul ein intimes Porträt als Triptychon zusammengestellt: Geburt, Traum und Zusammenbruch. Es basiert auf Freuds Korrespondenzen und Texten (gesprochen von Johannes Silberschneider), wird aber auch aus der Perspektive von Freuds Tochter Anna (gesprochen von Birgit Minichmayr) erzählt, welche durch die Systematisierung und Weiterentwicklung der Kinderpsychoanalyse eine eigenständige Therapieform schuf. Bisher unveröffentlichte Archivbilder vergegenwärtigen Freud in dieser 97-minütigen Filmbiographie aus zeitgenössischen Dokumenten nicht nur als genialen Denker, sondern auch als Privatmenschen in all‘ seinen unterschiedlichen Facetten.

Der Film gibt zwei wichtigen Außenperspektiven Raum. Lou Andreas-Salomé (Sprecherin: Andrea Jonasson), die „Dichterin der Psychoanalyse“, ist nach der Jahrhundertwende aus Göttingen nach Wien gezogen, um an den Mittwochsgesellschaften teilnehmen zu können. Sie entwickelte sich von einer Freud-Schülerin zur engen Freundin der Familie mit einem besonders innigen Verhältnis zu Anna. Ihr eigenes wissenschaftliches Interesse galt der Sexualität, Freud nannte die aus ihr gewonnene Lebensenergie Libido („Vom Himmel durch die Welt zur Hölle“), und den Unterschieden der Geschlechter.

Die französisch-griechische Prinzessin Marie Bonaparte (Sprecherin: Catherine Deneuve), zunächst von Freud als Patientin abgelehnt, mutiert nach der Gründung der Psychoanalytischen Gesellschaft Paris zur Grande Dame der Psychoanalyse in Frankreich. Sie hat Freuds Werke ins Französische übersetzt und selbst über 50 Aufsätze und rund 20 Bücher veröffentlicht. Nicht zuletzt hat sie dafür gesorgt, dass Sigmund Freud und seine drei Frauen (Gattin, Tante, Tochter) 1938 über Paris nach London ausreisen konnten. Von ihr stammen die ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit vorgesehenen Farbaufnahmen aus den letzten Jahren im grünen Vorort Mauer. Freuds Schwestern, die in Wien zurückblieben, wurden in Konzentrationslagern ermordet: Mitzi, Paula und Rosa in Treblinka, Dolphi in Theresienstadt. Die letzten Londoner Wochen des schwerkranken Freud hat seine Schwiegertochter Lucie (Sprecherin: Sylvie Rohrer) festgehalten.

Der Kinostart dieser eindrucksvollen, bereits am 6. April 2020 in Frankreich unter dem Titel „Sigmund Freud, un juif sans Dieu“ uraufgeführten Dokumentation ist am 5. Mai 2022 zu Freuds 166. Geburtstag am Tag darauf. Bei uns zu sehen im Casablanca Bochum, im Filmstudio Glückauf Essen sowie im Bambi Düsseldorf.

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