Filmforum der Volkshochschule startet

Auftakt mit „Deutschstunde“

Auftakt mit Levi Eisenblätter und Tobias Moretti.
Auftakt mit Levi Eisenblätter und Tobias Moretti. Foto: Georges Pauly/Wild Bunch

Am Sonntag, 9. Februar 2020, startet in der Filmwelt Herne das Semesterprogramm des Filmforums der Volkshochschule. Vierzehn bemerkenswerte Streifen stehen bereits fest, der fünfzehnte ergibt sich aus der demnächst anstehenden „Oscar“-Wahl. Verändert hat sich sonst nichts: Alle Filme werden sonntags um 11 Uhr, montags um 17.30 Uhr und mittwochs um 20.15 Uhr zum Einheitspreis von fünf Euro bei freier Platzwahl gezeigt. Änderungen bei der Anfangszeit und beim Preis ergeben sich nur bei Filmen mit Überlänge, so kommt die Ende April laufende südkoreanische Produktion „Burning“ auf satte 148 Minuten. Mit „Parasite“ steht Mitte Februar übrigens ein weiterer südkoreanischer Film auf dem Programm. Das Gros aber machen wie gewohnt europäische und US-amerikanische Filme aus.

Zum Auftakt läuft Christian Schwochows Verfilmung des gleichnamigen Weltbestsellers von Siegfried Lenz „Deutschstunde“: am 9., 10. und 12. Februar 2020. „Die Freuden der Pflicht“: Siggi Jepsen (Tom Gronau) sitzt in einer Jugendstrafanstalt und soll zu diesem Thema einen Aufsatz schreiben. Der Vollzug im unmittelbaren Nachkriegs-Deutschland übernimmt nahtlos die gewaltsamen Methoden der Demütigung aus der Nazi-Diktatur. Der Heranwachsende muss sich in seiner Zelle immer wieder nackt ausziehen und wird einer menschenverachtenden Leibesvisitation unterzogen. Siggi gibt am Ende der Stunde ein leeres Blatt ab – weil er zu diesem Thema so viel zu erzählen hat, dass die vorgegebene Zeit bei weitem nicht ausreicht. Zur Strafe soll er die Aufgabe in seiner Zelle nachholen…

Rückblende. Der Zweite Weltkrieg kehrt in sein Ursprungsland zurück, anglo-amerikanische Bomberstaffeln auf dem Weg nach Hamburg dröhnen über den kleinen Ort an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste, in dem der überregional bekannte Künstler Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti) lebt, hinweg. Bei Ebbe ist er mit seiner Staffelei ins Watt gezogen, wo ihm Siggis Vater, der Polizist Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen), ein Schreiben „aus der Hauptstadt“ überreicht: Nansens Malerei gilt den Nationalsozialisten als entartet, sie wird aus öffentlichen Sammlungen entfernt. Das gegen den Künstler ausgesprochene Malverbot soll ausgerechnet Jepsen überwachen, dem Nansen einst das Leben rettete.

Audrey Lamy in „Der Glanz der Unsichtbaren“.
Audrey Lamy in „Der Glanz der Unsichtbaren“. Foto: Piffl Medien

Der Maler ist zudem Patenonkel des elfjährigen Siggi Jepsen (Levi Eisenblätter) und auch dessen älteren Geschwister Hilke (sinnlicher als im Roman: Maria Dragus) und Klaas (Louis Hofmann) sind für ihn und seine Gattin Ditte (Johanna Wokalek) wie eigene Kinder. Trotz dieser engen Bande, die natürlich jeder im fiktiven Ort Rugbüll kennt und später in der Gastwirtschaft eifrig diskutiert, will der Polizeibeamte den Befehlen aus Berlin folgen. Ja, er macht sich sogar das Verdikt der Blut-und-Boden-Ideologen zu eigen, dass Nansens Bilder Ausdruck eines kranken Geistes sind und hängt das im Schlafzimmer hängende Porträt seiner Frau Gudrun (die dänische „Kommissar Lund“-Schauspielerin Sonja Richter), das ihr viel bedeutet, ab.

Siggi, der für seinen Vater im Atelier des Künstlers spionieren soll, ist hin und hergerissen. Seinem Vater ist er zu Gehorsam verpflichtet, seinem „Onkel“ Max zu Loyalität. Der ihm den Umgang mit Bleistift und Pinsel beibringt, um so das Malverbot umgehen zu können. Als alle in den letzten fünf Jahren entstandenen Bilder nach Berlin gebracht werden sollen, versteckt Siggi kurzentschlossen zumindest ein Gemälde und versteckt es in einem verlassenen Gehöft. In dem sich überall noch Spuren der offenbar geflüchteten – oder verhafteten – einstigen Bewohner finden. Hierher bringt Siggi auch seinen verwundeten Bruder Klaas, der desertiert ist, nachdem aufflog, dass er sich im Krieg selbst in den Arm geschossen hat.

Lara (Corinna Harfouch) mit ihrem Sohn Viktor (Tom Schilling).
Lara (Corinna Harfouch) mit ihrem Sohn Viktor (Tom Schilling). Foto: Frederic Batier / Studiocanal

Die Mutter, bei Lenz eine glühende Hitler-Verehrerin, bei Schwochow eine herzensgute, aber schwache Frau, steckt Siggi heimlich Brot für Klaas zu. Als dieser jedoch bei einem Tiefflieger-Angriff in den Dünen schwer verwundet wird, bleibt Siggi nichts anderes übrig, als seinen Vater um Hilfe zu bitten. Der zwar die Sanitäter ruft, gleichzeitig aber den Deserteur den Behörden übergibt – Pflicht ist Pflicht. Auch im allerletzten Moment, als die Engländer bereits am Dorfrand stehen: Jepsen findet unter den Trauergästen an Dittes Beerdigung nicht einen einzigen Freiwilligen für ein letztes Volkssturm-Aufgebot.

Als Jens Ole Jepsen aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrt, übernimmt er ganz selbstverständlich wieder seinen Polizeiposten. Die Verhältnisse haben sich ja auch nicht verändert, Pflicht bleibt immer noch Pflicht, da hat er sich nichts vorzuwerfen. Der Maler Max Ludwig Nansen aber feiert nun große Erfolge – bei einem internationalen Publikum…

In ihrer Romanadaption des 1968 erschienenen und mit 2,2 Millionen Exemplaren weltweit erfolgreichen Romans von Siegfried Lenz (1926 – 2014) hat Heide Schwochow, die Mutter des Regisseurs, Siggi Jepsen Rolle gestärkt – als ein von zwei Erwachsenen Missbrauchter, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird. Um jeden Verdacht eines verfilmten Schlüsselromans zu vermeiden, Lenz hatte sich an der wie wir heute wissen arg verfälschten Biographie des Malers Emil Nolde (1867 – 1956) orientiert, hat Gabriele Vinzer für die Bilder Nansens einen eigenen Stil entwickelt zwischen Expressionismus und Neuer Sachlichkeit.

Herausragend die Darsteller der beiden Antagonisten, Ulrich Noethen und Tobias Moretti. Beide versuchen mit kleinen Zeichen der Schwarz-Weiß-Zeichnung ihrer Rollen Gut versus Böse zu entkommen. Völlig zu Recht preisgekrönt die Arbeit des Bildgestalters Frank Lamm, der von März bis Mai in Schleswig-Holstein und Dänemark die symbolhafte Natur der Romanvorlage auf die Leinwand brachte: metaphorische Wolken und Wellen, stürmische See und wie gemalte Watt- und Dünenlandschaften. Nach „Paula“ (2016) wurde ihm am 17. Januar 2020 im Münchner Prinzregententheater bereits der zweite Bayerische Filmpreis überreicht, zwischenzeitlich war für den „NSU“-Mehrteiler noch der Deutsche Fernsehpreis drin.

Die nächsten Filme: „Parasite“ von Bong Joon-ho am 16., 17. und 19. Februar, „Lara“ von Jan-Ole Gerster am 23., 24. und 26. Februar sowie „Der Glanz der Unsichtbaren“ von Louis-Julien Petit am 1., 2. und 4. März 2020 in der Filmwelt Herne. Das Programmheft liegt sowohl im Kino als auch in beiden Volkshochschul-Standorten aus.

Februar
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Sonntag
Sonntag, 09. Februar 2020, um 11 Uhr Filmwelt Herne , Berliner Platz 7 - 9 , 44623 Herne

Weitere Termine:

  • Montag, 10. Februar 2020, um 17:30 Uhr
  • Mittwoch, 12. Februar 2020, um 20:15 Uhr
Quelle: