Familienfilm: Ailos Reise

Europas letzte Wildnis in Lappland

Ailo und seine Mutter auf der Suche nach der Herde.
Ailo und seine Mutter auf der Suche nach der Herde. Foto: NFP

Für ein kleines Rentier wie Ailo ist die Welt ein großes und sehr gefährliches Abenteuer. Zumal wenn es vorzeitig im April geboren wird, wo in der wilden und majestätischen Natur Lapplands noch tiefer Winter herrscht. Die erste Einstellung im 84-minütigen Naturfilm Ailos Reise des französischen Biologen und Dokumentarfilmers Guillaume Maidatchevsky entpuppt sich auf den zweiten Blick als Nahaufnahme vom Schnee auf dem Fell eines Rentiers. Der Instinkt treibt die Herde von den Bergen herab zu den Sommerweiden - durch die noch gefrorene Taiga, vorbei an imposanten Fjorden und unwegsamen Höhen.

Ailos Mutter hat alle Mühen, nach der Niederkunft und einer kleinen Ruhepause zusammen mit dem noch auf unsicheren Beinen staksenden Nachwuchs wieder Anschluss an die inzwischen stoisch weiter gezogene Herde zu finden. Bereits an seinem ersten Lebenstag muss Ailo in bitterster Kälte lernen, seine vier Beine beim Laufen zu koordinieren. Und einen eiskalten Fluss zu überqueren. Unterwegs treffen sie auf Polarfüchse, Lemminge, Eichhörnchen und Hermeline, aber auch auf weitaus gefährlichere Tiere wie Steinadler, Vielfraße und Wölfe.

Am glücklichen Ende erreichen Ailo und seine Mutter den Fjord, an dessen Ufern die Sommerweiden liegen und finden Anschluss an die Herde, in der Ailo auf viele gleichaltrige Artgenossen stößt. Die Gefahren werden nicht geringer unter dem Schutz der vielen: eine Wölfin verfolgt mit ihren beiden Jungen die Herde noch eine ganze Weile. Nach dem kurzen Sommer, in dem sich Ailo gefräßigen Mückenschwärmen ausgesetzt sieht, folgt die herbstliche Paarungszeit. Ailo geht den Duellen der ausgewachsenen Ren-Hirsche aus dem Weg und stößt auf eine eingepferchte Herde von Zucht-Rentieren. Zurück bei seiner Mutter beginnt die Wanderung zurück ins Winterquartier. Dort wird Ailos Mutter wieder schwanger – und für den Einjährigen wird es allmählich Zeit, allein zurecht zu kommen…

Lappland, diese Landschaft voller Mythen und Legenden, erstreckt sich entlang des Polarkreises von Norwegen über Schweden bis nach Finnland, Alois Reise zeigt die spektakuläre Natur dieser noch weitgehend unberührten Region mit grandiosen Aufnahmen auf der großen Kinoleinwand. Regisseur Guillaume Maidatchevsky und sein Team folgten in einem Zeitraum von zwei Jahren mehrere Monate lang der „Finse“-Herde, einer der letzten vier verbliebenen wilden Rentierherden Lapplands mit über 300 Tieren, meist unter extremen Bedingungen. „Dieser Film führt uns in eine Welt, die verschwinden könnte, wenn nicht dringend etwas getan wird. Mir geht es immer darum, vor solchen Veränderungen zu warnen, wo immer auf der Welt ich auf solche magischen Orte stoße“, so der Regisseur. „Und Europas letzte Wildnis in Lappland ist ganz besonders vom Klimawandel bedroht. Ich wollte aber keine klassische Tier-Doku zu diesem Thema machen, bei der die Information im Vordergrund steht, sondern eine Tiergeschichte erzählen, eine starke Story mit starken, ausgeprägten Persönlichkeiten. Eben keine bloße Abfolge von tierischen Verhaltensweisen, bei der man zwar Dutzende Tiere kennenlernt, aber mit ihnen keine Emotionen verbindet. Das Kino ist für mich die Kunst des nicht Gesagten. Was könnte es besseres geben als einen Film mit Tieren in den Hauptrollen, bei dem man Emotionen einfach durch ihre Blicke und durch vielerlei andere Details einfängt?“

Die spektakulären Bilder, entstanden zwischen Mai 2017 und Juli 2018 mit speziellen Kameras, aber auch mit Drohnen und Mini-Luftschiffen, werden leider mit einer allzu herzerwärmenden Geschichte unterlegt, erzählt von Anke Engelke, die aus der Naturdokumentation einen melodramatischen Spielfilm für die ganze Familie machen soll. Es menschelt in beinahe jeder Minute, und das ist nicht nur unfreiwillig komisch, sondern schlichtweg kaum zum Aushalten. „Ich sehe die Tiere, die ich filme, als echte Charaktere und nicht bloß als Vertreter einer Spezies“ gibt der Regisseur zu Protokoll. Bei aller Kritik soll das große Verdienst des Films, auf die Gefahren der Abholzungen, welche die althergebrachten Wanderrouten der Rentiere zerstören, hinzuweisen, aber nicht unterschlagen werden. Wer von Anke Engelkes Gesülze abstrahieren kann, die etwa von „erbarmungslosen Raubtieren“ spricht, als sei der Mensch in seinem Gewinnstreben nicht das erbarmungsloseste Tier auf unserer Erde, kann einen der bildmächtigsten Naturfilme der letzten Jahre im deutschen Kino genießen – am Sonntag, 15. März 2020, um 13 Uhr auf der Großbildleinwand des klassischen 50er-Jahre-Kinos Eulenspiegel an der Steeler Straße 208-212 in Essen und am Sonntag, 22. März 2020, um 15 Uhr in der Endstation im Kulturbahnhof Bochum-Langendreer.

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