Et iss, wie et iss un et kütt, wie et kütt...

Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Kamelle in Coronazeiten - jet dat joot?
Kamelle in Coronazeiten - jet dat joot? Illustrator: Jörg Lippmeyer

...aber ob wir im April 2022 sagen können: „Et hätt noch immer joot jejange“, das wage ich doch sehr zu bezweifeln.

Eigentlich hatte ich seit meiner letzten Kolumne („2G, was sonst) eine Schreibblockade. Ich hatte das Gefühl, alles sei gesagt. Und tatsächlich ist den inzwischen sattsam bekannten und vielfach wissenschaftlich belegten Fakten nichts mehr hinzuzufügen.

Der politische Umgang mit den Zwängen der Pandemie hat sich nicht nennenswert geändert. Nach wie vor läuft man der Entwicklung hinterher. Immer noch warnen die Experten vor den Folgen der Handlungsunfähigkeit. Immer noch sind die politisch Verantwortlichen überrascht, wenn eintritt, was prognostiziert wurde. Immer noch faseln die Liberalen, insbesondere ihr Chef, den gleichen infektiologischen Blödsinn. Ja, und immer noch interessiert es niemanden wirklich, dass man das Gesundheitswesen „zuschanden reitet“.

Kein auf dem Markt befindlicher Impfstoff gegen irgendeine Erkrankung ist derart umfassend wissenschaftlich überprüft wie die derzeitigen Corona-Impfstoffe. Von keinem anderen Impfstoff sind in derart kurzer Zeit so viele Daten gesammelt worden. Von keinem anderen Impfstoff kennen wir die möglichen Risiken durch Impfreaktion und eventuelle Nebenwirkungen so genau, wie von den Corona-Impfstoffen. Aber über keinen anderen Impfstoff ist soviel absurder Schwachsinn verbreitet worden.

Immer noch begreift die politisch verantwortliche Szene nicht, dass man die Impfschlamper und Impfverweigerer mit den Folgen ihrer Haltung konfrontieren muss. Denen, die jetzt noch glauben, irgendeiner der verfügbaren Impfstoffe, egal ob Vektor-, mRNA- oder Totimpfstoff wäre ansatzweise so gefährlich oder gar gefährlicher als eine Covid-19-Infektion, ist nicht mehr zu helfen. Es ist wahrlich Zeitverschwendung, ihnen immer noch hinterher zu laufen und zu versuchen, ihnen zu erklären, was sie nicht begreifen wollen. Die Konfrontation mit der „normativen Kraft des Faktischen“, sei es im biologischen oder rechtlichen Sinn, ist die einzige Möglichkeit des Umganges mit diesem Personenkreis.

Mit Impfpflicht hat das nicht das geringste zu tun. Schließlich lässt man auch keinen Koch mit Hepatitis in die Küche. Jeder LKW-Fahrer benötigt einen entsprechenden Führerschein. Wenn Köche von neuen Hygienebestimmungen oder LKW-Fahrer von neuen Lenkzeitregelungen betroffen sind, haben sie diese einzuhalten. Piloten müssen eine Flugtauglichkeitsuntersuchung über sich ergehen lassen. Wer das ablehnt, kann eben in diesen Berufen nicht arbeiten. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Pflegekräfte bei ihrer Berufswahl noch nichts von dieser Pandemie ahnen konnten. Aber was ist das für eine Haltung, schutzbedürftige Menschen in Kliniken und Altenheimen einem völlig unkalkulierbaren Infektionsrisiko auszusetzen. Die Sorge der Gesundheitsunternehmen, die impfunwilligen Pflegekräfte würden in Scharen von der Fahne gehen, wenn sie nur mit Impfung zu ihrer Tätigkeit zugelassen würden, ist angesichts der auf Kante genähten Personalschlüssel zwar nachvollziehbar. In den Nachbarländern, wie Frankreich, Italien oder Österreich haben sich allerdings die meisten impfen lassen, bevor sie ihren Job verloren hätten.

Spät, viel zu spät scheint auch dem einen oder anderen Politiker allmählich zu dämmern, dass die bisherigen Schnelltests dermaßen unsicher sind, dass dadurch eine Impfung auch nicht ansatzweise ersetzt werden kann.

Man ist also wie vor einem Jahr sehenden Auges in die vierte Welle gelaufen!

Gut, man wollte die Schließung von Schulen, Kindergärten und Universitäten unter allen Umständen vermeiden. Um das sicher zu stellen, hätte man harte Grenzen im Sinne eine 2G-Regel durchsetzen müssen. Zu glauben, dass ohne konsequente Einschränkung der Gruppe der Ungeimpften ein normaler Bildungs- und Betreuungsbetrieb realisierbar sei, grenzt für mich an Ignoranz, Realitätsverweigerung oder Dummheit.

Eine harte Grenze zwischen verfassungsrechtlichen Freiheitsrechten für Geimpfte und Genesene und deren Einschränkung für Ungeimpfte hat nichts damit zu tun, die letzteren zur Impfung schikanieren zu wollen. Es war für mich von Anfang an ein Unding, die Beschränkungen für Ungeimpfte als etwas anderes, als den Schutz der Allgemeinheit zu definieren. Nur das kann der Zweck sein, wenn die künftige Bundesregierung den öffentlichen Nah- und Fernverkehr für Ungeimpfte tatsächlich schließt.

Es führt kein Weg daran vorbei: Der Bewegungsradius der Ungeimpften muss massiv begrenzt werden, denn ein Lockdown für alle wäre die wirkliche Katastrophe, die weder wirtschaftlich noch sozial verkraftbar wäre. Der Infektions-Tzunami nähert sich, täglich, stündlich, minütlich.

Noch einmal: Impfpflicht heißt, das Verweigern dieser Pflicht ist ein Straftatbestand, zumindest eine Ordnungswidrigkeit, die mit Geld- oder gar Freiheitsstrafe geahndet werden könnte. Davon sind wir aber meilenweit entfernt.

Liebe Kollegen in den Kliniken (ich meine euch alle, Pflegekräfte und Ärzte, Reinigungs- und Küchenpersonal, alle die mit der Katastrophe Covid-19 konfrontiert sind), es wird wieder heftig werden in den kommenden Wochen, nicht nur auf den Intensivstationen. Das Infektionsgeschehen von heute wird in 2 - 3 Wochen bei euch ankommen. Keine der Maßnahmen, die jetzt erst eingeleitet werden, wird daran etwas ändern. Da müsst ihr jetzt durch, koste es was es wolle. Und es wird etwas kosten. Viele derjenigen, die derzeit von der politischen Handlungsunfähigkeit verheizt werden, beginnen zu begreifen, dass ihre berufliche Realität seit jeher von Gleichgültigkeit und zynischer Ignoranz gegenüber ihren psychischen und körperlichen Belastungen geprägt ist. Junge Leute, die sich für einen medizinischen oder pflegerischen Beruf interessieren, erkennen, dass dies des Teufels Küche eher ähneln könnte als dem Himmel beruflicher Zufriedenheit.

Aber ich habe auch eine – vielleicht etwas zynische – perspektivische Überlegung. Wenn die bisherige wissenschaftliche Erkenntnis, dass die Letalität von Covid-19 (der Heinsberg-Studie hat niemand in dieser Frage widersprochen) 0,37 % beträgt, zutrifft, müssten wir derzeit ca. 27 Millionen Menschen haben, die sich in den letzten 2 Jahren infiziert haben. Erfasst wurden aber nur gut 5 Millionen. Wenn man das ein wenig herunterbricht, dürften „nur“ noch ca. 10 Millionen und nicht 25 Millionen Ungeimpfte durch die Lande streifen. Die Delta-Variante ist so hochinfektiös, dass diese 10 Millionen in den nächsten 2 – 3 Monaten erwischt werden dürften, dazu noch ein paar, die nicht bei drei auf dem „Booster-Baum“ sind. Wenn das zutrifft, dürfte im Januar 2022 das meiste geschafft sein.

Autor: