Einst Statusymbol, heute eher ungeliebt

Wohin nur mit dem peinlichen Pelzmantel

Was macht das Tier auf dem Tier?
Was macht das Tier auf dem Tier? Illustrator: Jörg Lippmeyer

Die Kleiderschränke der Nachkriegszeit waren deutlich anders bestückt als zur heutigen Zeit. Kaum ein Schrank der gutbürgerlichen Haushalte, der damals nicht das eine oder andere tote Tier in Form eines Jäckchens, Mantels oder Huts beherbergte. So auch der Schrank meiner Oma, die unter anderem einen wadenlangen Persianermantel ihr eigen nannte. Ich erinnere mich noch ganz schwach, es muss in den 1960er Jahren gewesen sein, als mein Opa ihr den Mantel kaufte.

Und wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, war Opa stolzer als Oma, die sich eigentlich in einen weinroten, auf Taille gearbeiteten Wollmantel mit drei großen Knöpfen verguckt hatte. Aber mein Opa setzte sich durch und kaufte Oma den Persianer. Mit seinem schicken Nerzkragen kostete das gute Stück damals 8.000 Deutsche Mark und wurde jeden Sonntag - frei nach Motto: man zeigt, was man hat - ausgeführt. Es ging in den Zoo nach Gelsenkirchen, den Volksgarten in Eickel oder auch nur einmal die Hauptstraße rauf und wieder runter.

Pelzmäntel sind schon lange kein Statussymbol mehr.
Pelzmäntel sind schon lange kein Statussymbol mehr. Foto: Carola Quickels

Jahre später setzte meine Oma sich endlich durch und weigerte sich, den Persianer zu tragen: zu auffällig, zu elegant und überhaupt viel zu schwer. Also wurde er meiner Mutter vermacht. Die freute sich nur bedingt, mein Vater hingegen sehr. Ich habe noch Sätze im Ohr wie: „Steht dir doch gut. Sieht doch flott aus.“ Flott fand meine Mutter ihn nun überhaupt nicht. Mein Vater ließ das nicht gelten und fand: „Das kann man doch ändern.“ Und so gingen sie zum Pelzgeschäft ihres Vertrauens, das natürlich das Geschäft war, in dem Opa seinerzeit das edle Stück erstanden hatte.

Dort ging es dem Erbstück an den Kragen: Selbiger aus Nerz wurde entfernt und von der Schulter bis zum Saum wurden lange Bahnen von weichem glänzenden Leder eingesetzt. Das machte das große schwarze Ungetüm leichter - sowohl im Tragen als auch in der Optik. Rund 1.000 DM kostete dieses Umarbeiten meine Eltern. Ja, und ich musste zugeben, flotter sah der Persianer jetzt aus. Allerdings: Ein totes Tier war er immer noch.

Aber die Zeiten, die Mode und auch die Figur meiner Mutter (hier vornehmlich ihre Größe) änderten sich. Heute reicht der Mantel meiner Mutter bis an die Knöchel, und Pelz ist schon lange keine Statussymbol mehr. Seit Jahren hängt er also zwischen Mottenpapier im Schrank und als wir den Kleiderschrank meiner Mutter entrümpelten, hielt sie das „Erbstück“ in der Hand und sagte: „Schau mal, zieh ihn doch mal über.“

Ich weigerte mich und sagte: „Nein, das müffelt nach Tier.“ Aber was tun mit dem Teil, das meine Mutter mir nun großzügig vermachte? Verkaufe ich es und schlage aus dem Leid der Tiere nachträglich noch mal Gewinn? Ziehe ich es an und laufe Gefahr, auf der Straße im günstigsten Fall „nur“ todbringende Blicke zu kassieren? Werde ich mich eventuell auf lange Diskussionen mit Tierfreunden und Pelzhassern einstellen müssen? Oder entsorge ich es einfach - still und heimlich?

Der ungeliebte Persianer.
Der ungeliebte Persianer. Foto: Lucas Quickels

Nein. Ich ging, der geneigte Leser ahnt es sicherlich schon, zum Pelzgeschäft, dem schon mein Opa und mein Vater ihr Vertrauen entgegenbrachten. In dem Wissen, dass der Mantel ja flott, leicht und summa sumarum sehr teuer war, hoffte ich darauf, dort zumindest einige hundert Euro zu bekommen, die ich dann einem sozialen Zweck zuführen oder vielleicht dem Tierheim vermachen könnte.

Schön gedacht, aber leider... In dem Geschäft erhielt ich eine Absage mit der Begründung: Dafür hätten sie keine Kundinnen. Ich sollte es über ebay probieren. Geschätzter maximal Preis: 100 Euro. Der Bedarf an Pelzmäntel ginge halt immer weiter zurück. Umarbeiten sei heute das Wort der Stunde, und dazu bekam ich auch gleich den Tipp, mir daraus eine schicke Kamin-Decke schneidern zu lassen.

Ich überlege es mir noch und mache erst einmal ein Foto von dem flotten Mantel, damit ich diesen Artikel bebildern kann und hänge ihn anschließend wieder mit Mottenpaier in den Schrank.

Warum der Persianer Persianer heißt

Warum der Persianer Persianer heißt, das erfuhr ich übrigens bei meiner Recherche ganz nebenbei: Persianer wird das Fell der kleinen Karakul- oder Fettschwanzschafe genannt. Diese Schafe stammen ursprünglich aus Russland. Da die Felle über Persien in den Welthandel gelangten, bekamen sie irgendwann diese Bezeichnung.

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