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Der Waisenjunge Andreas Egger (Ivan Gustafik) fühlt sich bei der alten Ahnl (Marianne Sägebrecht) geborgen.

Kongenial verfilmte Dorfgeschichte

Ein ganzes Leben

Robert Seethalers 2014 erschienener Roman „Ein ganzes Leben“ beginnt im Februar 1933: Andreas Egger (im Film: Stefan Gorski) trägt den scheinbar sterbenskranken Ziegenhirten Johannes Kalischka (Peter Mitterrutzner) ins Tal. Als er stürzt, klettert der „Hörnerhannes“ plötzlich quicklebendig aus der Kraxe. Wovon sich Egger erstmal im Wirtshaus „Zum goldenen Gamser“ mit Schmalzkrapfen und selbstgebranntem Krauterer erholen muss.

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Elektrizität und Seilbahn kommt ins Dorf

Dreimonatiger Zeitsprung. Die Firma Bittermann & Söhne kommt mit vier Ingenieuren, zwölf Maschinenmeistern, 260 Arbeitern und sieben italienischen Köchinnen ins Tal, um eine Seilbahn für Touristen zu errichten, die 1.300 Höhenmeter überwinden soll. Mit dem Bautrupp kommt auch die Elektrizität ins Dorf.

Rückblick, Sommer 1902. Als kleiner, vielleicht vierjähriger Bub ist Andreas Egger (Ivan Gustafik) mit dem Pferdefuhrwerk aus einer Stadt jenseits der Berge zum Großbauern Hubert Kranzstocker (Andreas Lust) gekommen, der den Waisenjungen, einziges Kind seiner Schwägerin, als billige Arbeitskraft missbraucht und ihn unter „Herrgottverzeih“-Rufen regelmäßig mit der Haselnuss-Gerte verprügelt. Einmal so stark, dass der „Knochenrichter“ Alois Klammerer geholt wird. Der kann den gebrochenen Oberschenkel aber nicht „richten“, sodass der Knabe von der Dorfjugend als „Hinkebein“ verspottet wird.

Holzhütte, Frau und Gemüsegärtchen

Das gemeinsame Glück von Marie (Julia Franz Richter) und Andreas Egger (Stefan Gorski) ist nur von kurzer Dauer.

Allein „Ahnl“ (Marianne Sägebrecht), die Mutter der Bäuerin, kümmert sich liebevoll um Andreas, der in der 1910 errichteten Dorfschule rasch vorankommt. Und an seinem 18. Geburtstag den Hof verlässt, um sich in Wald und Feld als Tagelöhner zu verdingen. Mit 29 Jahren kann er vom Wirt (Robert Stadlober) ein Grundstück mit Holzhütte pachten und sich mit Marie (Julia Franz Richter), die im Wirtshaus bedient und ebenfalls eine Zugereiste ist, sonntags nach der Kirche an seinem Gemüsegärtchen erfreuen.

Zur Hochzeit reichts freilich noch nicht, weshalb er bei Bittermann & Söhne anheuert zum Bau der Bergstation unter dem Karleitnergipfel. 1935 ist es soweit: die „Blaue Liesl“ genannte Luftseilbahn wird eingeweiht und Andreas kann seine Marie Reisenbacher heiraten. Doch ihr stilles Glück wird jäh durch eine Lawine beendet, die das Haus und damit auch die schwangere Marie unter sich begräbt.

„Man kann einem Mann seine Stunden abkaufen, man kann ihm seine Tage stehlen oder ihm sein ganzes Leben rauben. Aber niemand kann einem Mann auch nur einen einzigen Augenblick nehmen“: Der empathische Prokurist (Robert Reinagl) traut dem verzweifelten Witwer eine nicht ungefährliche Arbeit zu, die Wartung mehrerer Seilbahnen der Region in schwindelerregender Höhe.

'Verwirrt, aber nicht verrückt'

1942 wird Egger einberufen und in den Kaukasus abkommandiert und wird erst 1951, sechs Jahre nach Kriegsende, aus russischer Gefangenschaft entlassen. Nun ist der Bürgermeister kein Nazi mehr und das Dorf mehr denn je Touristen-Hotspot. Andreas Egger (August Zirner) führt wohlhabende Fremde in die Berge und nutzt erstmals den Postbus der „Siebentälerlinie“. Den Avancen der neuen Dorfschullehrerin Anna Holler (Maria Hofstätter) kann er sich nur mit Müh und Not entziehen. Staunend auf die hinter ihm liegenden Jahrzehnte zurückblickend zieht er sich als Einsiedler zurück und stirbt, vermutlich 79-jährig, an seinem Schreibtisch: „Verwirrt, aber nicht verrückt“ wie der Erzähler resümiert. Als mit sich und der Welt zufriedener Mann wird Andreas Egger neben seiner Frau Marie begraben.

Aus Robert Seethalers 154seitiger Vorlage hat Hans Steinbichler eine knapp zweistündige, in Osttirol, Südtirol und im Chiemgau gedrehte Dorfgeschichte aus gar nicht so alter Zeit mit herrlichen Panoramaaufnahmen Armin Franzens destilliert. Welche die Zeitgeschichte noch stärker als der sehr lakonisch erzählte Roman berücksichtigt, etwa wenn die Goebbels-Rede aus dem Berliner Sportpalast („Wollt ihr den totalen Krieg?“) kollektiv am Wirtshaus-Volksempfänger verfolgt wird.

Im sehr zurückgenommenen, nur kongenial zu nennenden Film kann Andreas zum Ärger der etablierten Bauern seinen Musterungsbefehl selbst lesen und lässt einen Teller absichtsvoll vom Tisch fallen, weil er zum Essen beim Gesinde sitzen muss statt bei der sich so gottesfürchtig gebenden Bauernfamilie. Und nur in Ulrich Limmers Leinwand-Adaption deponiert Andreas seine Briefe an Marie in ihrem Grab auf dem Friedhof. Beim Verfassen des letzten bricht der am Schreibtisch zusammen.

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„Ein ganzes Leben“ startet am 9. November 2023 in unseren Kinos, zu sehen im Casablanca Bochum, im Atelier Düsseldorf sowie den beiden Essener Lichtspielhäusern Eulenspiegel und Rio.

| Autor: Pitt Herrmann
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