Diese Woche nicht wie jede Woche….

Eine Kolumne von Hans-Jürgen Jaworski

Hans-Jürgen Jaworski.
Hans-Jürgen Jaworski. Foto: Günter Mottyll

Manchmal schießt einem plötzlich ein Gedanke durch den Kopf, wenn man absolut nicht damit rechnet, also in völlig unbedeutenden Alltagssituationen. So ist das bei mir am letzten Sonntag , dem sogenannten Palmsonntag, gewesen. Aber wen juckt das schon! Ich meine den Palmsonntag! Und daß danach eine ganz stille Woche kommt, eben die Karwoche, interessiert schon normalerweise kaum jemanden und jetzt wahrscheinlichen niemanden. Umso mehr hat es mich gewundert - das schoß mir plötzlich auf der Fahrt zu meinem Atelier durch den Kopf- dass am Ende der Tagesthemen am Abend vorher der Moderator Ingo Zamperoni den Zuschauern noch einen schönen Palmsonntag wünschte. Offenbar kann er mit diesem Sonntag etwas anfangen!

Zur Erinnerung

Der Hintergrund dieses Sonntags ist Jesu Einzug in Jerusalem auf einem Esel. An den Straßenrändern stehen die Menschen dicht gedrängt, wedeln Jesus mit Palmzweigen zu und rufen in Sprechchören „Hosianna“. - Das ist doch traumhaft! An Straßenrändern zu stehen, dicht an dicht, um zu jubeln - natürlich nicht um Jesus zuzujubeln, aber vielleicht so wie beim Karneval in Heinsberg den Jecken auf den Wagen. Aber zur Zeit würde es wohl keine 5 Minuten dauern, bis die Versammlung aufgelöst wäre. Gut, ich gebe zu, mich als strammen Protestant würde das nicht tangieren. Das einzige Mal, daß ich am Straßenrand stand und jedoch mehr staunte als jubelte, war am Schalker Markt in Gelsenkirchen, als die Schalker Mannschaft als Deutscher Meister nach Hause kam und Berni Klodt die berühmte Schale in den Händen hoch hielt. Aber das war im Mai 1958, ich war zehneinhalb Jahre alt. Seitdem habe ich wohl ein Trauma und träume nie davon, irgendwann und irgendwo am Straßenrand zu jubeln.

Aber etwas anderes tangiert mich wirklich, immer wieder in diesen Tagen: Was wäre wohl passiert, wenn am Palmsonntag die Kirchen für Gottesdienste geöffnet gewesen wären? Da wären ja nicht die jubelnden Massen gekommen, da hätte man nicht Schlange gestanden wie an den Kassen von Toom oder Rewe, die Kirchenparkplätze wären längst nicht so voll gewesen wie die von Lidl und Co. Da hätte jeder mindestens 5 m Abstand gehabt in seiner eigenen Bank. Gestern war ich wieder einmal einkaufen - in drei Aldi-Läden, erst zwischen 20 und 21 Uhr, weil dann weniger Leute kommen. Dennoch musste ich immer wieder hustenden Idioten ausweichen, die mir beständig auf die Pelle rückten. Will sagen: Einzukaufen, zum Arzt zu gehen, über die Bahnhofstraße zu laufen, all das ist garantiert gefährlicher als an einem Palmsonntag, erst recht an Karfreitag und Ostern eine Kirche zu betreten.( Natürlich gibt es bei den Gemeinde-Gottesdiensten Ausnahmen, da wird man sich bestimmt etwas einfallen lassen. Ich bin gespannt.) Und jetzt sind wir mitten in dieser stillen Woche; doch nur eine Fahrt durch Herne hat mir klargemacht, dass ich völlig weltfremd sein muss: Früher war die Karwoche ohne Corona hundertmal ruhiger als jetzt diese Woche mit Corona!

Nach wenigen Minuten war ich dann, wie gesagt am Sonntag, an meinem Atelier angekommen, stand mit dem Schlüssel in der Hand vor dieser Tür - wie x-mal am Tag oder in der Woche.

Ausstellungsplakate von Hans-Jürgen Jaworski.
Ausstellungsplakate von Hans-Jürgen Jaworski. Foto: Hans-Jürgen Jaworski

Wie aus heiterem Himmel wurde auf einmal diese Tür mit den beiden Ausstellungsplakaten für mich so etwas wie ein Symbol für unsere Vergänglichkeit, für unsere Endlichkeit. Ich fühlte, wie zerbrechlich alles ist, was wir leisten können. Was wir tun, ist immer Stückwerk.

Ausstellungsplakate von Hans-Jürgen Jaworski.
Ausstellungsplakate von Hans-Jürgen Jaworski. Foto: Hans-Jürgen Jaworski

Die Plakate stehen natürlich in erster Linie für zwei Ausstellungen, die gut angefangen haben, aber nicht fortgeführt werden konnten. Und es ist absolut keine Katastrophe, wenn man Kunstwerke eine zeitlang nicht präsentieren kann. Da gibt es wahrlich zu viele wirkliche Katastrophen in dieser Welt. Auch dachte ich wieder daran, dass man (wenn man von den Vernissagen absieht) sich kaum bei einem Besuch unserer Herner Kunstorte anstecken kann. So viel Abstand hat man nirgendwo sonst. Oft braucht man keinen, weil man sowieso alleine dort ist. Mir wurde vielmehr deutlich, dass hinter allem etwas steckt, demgegenüber wir trotz unseres Wissens und Könnens ohnmächtig sind: die Macht des Todes. Mit dem Umdrehen des Schlüssels drehte ich fast synchron meinen Kopf nach links und ich sah die andere Tür links im Eingang:

Ausstellungsplakate von Hans-Jürgen Jaworski.
Ausstellungsplakate von Hans-Jürgen Jaworski. Foto: Hans-Jürgen Jaworski

Dieses Ausstellungsplakat zeigt das letzte Bild meiner Serie zu Psalm 23: …und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar. So auch der Titel der Ausstellung. Das ist ein österliches Bild, ein Bild der Hoffnung und des Vertrauens. Mir tat der Blick nach links in diesemAugenblick richtig gut (der Blick nach Rechts weniger zur Zeit) Eigentlich ist diese sogenannte stille Woche keine stille, erst recht keine totenstille Woche, sondern eine recht aufregende Woche. Es fing mit dem Einzug in Jerusalem an (Palmsonntag), es geht durch die tiefste Dunkelheit (Karfreitag) und wird Ostern vollendet: das Leben siegt, der Tod hat nicht mehr das letzte Wort. Die meisten Kirchen sind auch in dieser Woche mit den höchsten christlichen Feiertagen geschlossen; aber es liegt an uns, die Chance dieser Woche zu nutzen. Corona hin, Corona her: Karfreitag und Ostern gibt es ein wenig länger. Dagegen sollte man nie immun werden.

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