Die Spitze des Eisberges oder die Dunkelziffer

Eine Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.
Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey. Foto: Wolfgang Quickels

Ein riesiges Problem, vor dem Wissenschaftler, Journalisten und vor allem politische Entscheidungsträger stehen, ist die unklare Datenlage zu Covid-19. Betrachtet man die aktuellen Meldungen über die Entwicklung der Covid-19-Seuche, fallen vor allem die dramatisch unterschiedlichen Zahlen der Verstorbenen im Verhältnis zu den nachgewiesenen Infektionen auf. In Deutschland beträgt die so ermittelte Prozentzahl der Todesopfer derzeit 1,19 Prozent. In den nordeuropäischen Staaten liegt sie bei maximal 3 Prozent (Finnland 1,12 Prozent, Norwegen 0,92 Prozent, Irland 2,5 Prozent, Dänemark 3,1 Prozent). Im Gegensatz dazu haben Länder wie Italien 11,9 Prozent, Spanien 9 Prozent, Frankreich bei 7,1 Prozentund Großbritannien 8 Prozentzu vermelden. Das Verhältnis zwischen Deutschland und Italien beträgt 1 zu 10.

Diese exorbitanten Diskrepanzen sind mit unterschiedlichen Sozialstrukturen nicht ansatzweise zu erklären. Auch ein höheres durchschnittliches Lebensalter der Betroffenen ist so gering, dass sich das allenfalls auf Stellen hinter dem Komma auswirkt. Selbst die möglicherweise weniger opulente Versorgung mit intensivmedizinischen Kapazitäten kann für dieses Auseinanderklaffen der Zahlen nicht ursächlich sein. Die einzige mögliche Erklärung liegt in einer dramatisch unterschiedlichen Dunkelziffer bei den tatsächlich Infizierten.

Das wird deutlich, wenn man die – oft mangels ausreichender Kapazitäten – gewählten Test-Algorithmen in den Ländern vergleicht. So wurden vor allem in der Anfangsphase der Welle in Italien nur die Patienten auf SARS-CoV2 getestet, die mit einer typischen Symptomatik ins Krankenhaus kamen. Als der erste Patient am 21. Februar entdeckt wurde, hatte die Seuche sich offenbar schon mehrere Wochen ungehindert ausbreiten können. Mit dieser Test-Strategie musste man der Realität meilenweit hinterher laufen.

Deutschland und die meisten anderen Länder mit relativ niedrigen Sterberaten haben dagegen einen sehr viel breiteren Ansatz. Hier werden vor allem Personen mit einem begründeten Verdacht auf Covid-19 sowie ihre unmittelbaren Kontaktpersonen getestet. Auch wenn man so wohl deutlich näher an die Realität heranreicht, sind auch hier die so ermittelten Zahlen nur die Spitze des Eisberges. So wird eine große Dunkelziffer an Infizierten, weil sie keine oder nur sehr milde Symptome zeigen, durch das Netz der Testungen rutschen. Wer gar nicht merkt, dass er sich infiziert hat, lässt sich auch nicht testen, isoliert sich nicht und wird den Virus verbreiten.

Ich habe für mich ein anderes Verfahren für die Einschätzung der Daten, die aus den unterschiedlichen Ländern übermittelt werden, zurecht gelegt. So schätzen namhafte Wissenschaftler die Sterberate von Covid-19 über alle Infizierten auf etwa 0,3 – 1 Prozent ein. Ich nehme - willkürlich – eine Sterberate von 0,5 Prozent an. Die Zahl der Toten ist relativ leicht zu ermitteln und daher derzeit die einzige, die in die Nähe der Realität kommt. Wenn man diese Zahl mit 200 (100 Prozent geteilt durch 0,5 Prozent) multipliziert, bekommt man eine ungefähre Vorstellung von der Größenordnung der tatsächlich Infizierten. Wenn heute weltweit 50.230 Tote gezählt werden, kommt man so auf circa gut 10 Millionen Infizierte, 10 mal so viele wie aufgrund von Testungen gezählt.

Italien hätte rund 2,8 Millionen, entdeckt aber nur 115.000, Spanien hätte 2 Millionen gegenüber 110.000 gezählten Infizierten. Das entspricht einer Aufdeckungsquote von 4 bzw. 5 Prozent. Im Gegensatz dazu hätte Deutschland eine Aufdeckungsquote von circa 41Prozent, Finnland 40 Prozent, Norwegen 53 Prozent. Eine solche Größenordnung vermutet auch der Präsident des RKI, Lothar Wieler, wenn er sagt: „Nach aktuellem Stand erkrankt die Hälfte der Infizierten tatsächlich auch an der Krankheit Covid-19, die andere Hälfte sehen wir gar nicht.“ Aber schon Dänemark und Schweden liegen nur noch bei rund 10 Prozent, Großbritannien schon unter 6 Prozent. Die USA würden, obwohl sie schon über 5.600 Tote zu beklagen haben, landesweit immerhin auf eine Aufdeckungsquote von 20 Prozent kommen.

Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass meine Berechnung weit weg ist von wissenschaftlicher Präzision. Dennoch erlaubt sie, die ungefähre Dimension der Dunkelziffer zu erahnen. Und sie kann eine Vorstellung davon vermitteln, weshalb die Gesundheitssysteme in Italien und Spanien nicht nur in die Knie gehen, sondern schon am Boden liegen. Diese riesige, unkontrollierbare Masse ist der Grund für die fulminante Entwicklung der Zahlen an Toten und Schwerkranken.

Noch sind wir auch in Deutschland mit all unserer Disziplin, mit den extremen Anstrengungen zur Identifizierung von Infizierten und allen Einschränkungen unserer Aktionsfreiheit noch weit hinter der Welle. Die kritische Größenordnung für die Belastbarkeit des Gesundheitssystems ist die absolute Zahl der aktiven Infektionen. Erst wenn wir vor die Welle kommen und sowohl die Neuinfektionen als auch die Todesfälle deutlich sinken, kann man – allmählich und sehr vorsichtig – die Restriktionen zurückfahren. Solange wir noch über Verdopplungszeiten reden, steigt die Zahl aktiver Infektionen. Da kann man die Realisierung von Ausstiegsszenarien nur als mörderisch bezeichnen.

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