Die Kunst der Nächstenliebe

Neu im Kino

Überzeugungsarbeit: Der erfolglose Fahrschullehrer Attila (Alban Ivanov) wird von Isabelle (Agnes Jaoui) zu dem Projekt einer sozialen Fahrschule „überredet“.
Überzeugungsarbeit: Der erfolglose Fahrschullehrer Attila (Alban Ivanov) wird von Isabelle (Agnes Jaoui) zu dem Projekt einer sozialen Fahrschule „überredet“. Foto: Neue Visionen

Isabelle (Agnes Jaoui) ist eine sehr engagierte Frau. Sie hilft bei gemeinnützigen Einrichtungen, eilt von einem Bedürftigen zum nächsten, von der Kleiderspende zur Suppenküche. Isabelle ist einfach süchtig nach Wohltätigkeit, ein wandelndes Helfersyndrom. Mit viel Leidenschaft unterrichtet sie Lesen und Schreiben in einem Sozialzentrum. Ihre Schüler können ihren Methoden zwar nicht immer folgen, doch die Klasse hat Isabelle als überfürsorgliche Beschützerin akzeptiert.

In der Parallelklasse unterrichtet mit der jungen und klugen Elke (Claire Sermonne) eine Deutsche, die mit ihren modernen, musikunterstützten Methoden regelrechte Alphabetisierungs-Wunder bewirkt. Was auch daran liegt, dass sich die „Preußin“, eine seit 15 Jahren in Frankreich lebende Enkelin einer Nazi-Größe, mehr als Sozialarbeiterin denn als Französisch-Lehrerin versteht: Sie vermittelt ihren Schützlingen nach Möglichkeit erste Jobs. Wenn auch ungewollt, lockt sie damit Isabelles Schüler in ihren Kurs. Plötzlich ist es mit Isabelles Sanftmut vorbei. Eifersüchtig steigert sie sich in den Wahn, ihre Kursteilnehmer mit allen Mitteln halten zu wollen: Sie geht mit ihnen ins Theater, spendiert Drinks, unternimmt kollektive Fahrradtouren und bietet sich sogar als Babysitterin an.

Der Clou aber sind kostenlose Fahrstunden beim benachbarten Fahrlehrer Attila (Alban Ivanov), der finanziell in der Klemme steckt und hofft, mit den erwarteten öffentlichen Fördermitteln über die Runden zu kommen. Ein waghalsiges Abenteuer, schließlich haben einige Schüler noch nicht einmal den Französisch-Sprachkurs erfolgreich abgeschlossen. Der Besitz eines Führerscheins aber ist für viele Jobs Voraussetzung: Isabelles erste soziale Fahrschule könnte ein voller Erfolg werden, zumal auch die Medien und damit vorgesetzte Behörden auf dieses Experiment aufmerksam werden.

Nach dem Theater noch ein Drink mit „Cyrano de Bergerac“: Isabelle (Agnes Jaoui) freut sich über einen gelungenen Abend, und ihre Schützlinge auch.
Nach dem Theater noch ein Drink mit „Cyrano de Bergerac“: Isabelle (Agnes Jaoui) freut sich über einen gelungenen Abend, und ihre Schützlinge auch. Foto: Neue Visionen

Der ganze Rummel ist freilich Gift für diejenigen Menschen, die Isabelle am nächsten stehen, es jedenfalls sein sollten: ihre Familie. Zu Weihnachten gibt’s Spenden für Bedürftige statt Geschenke. Ehemann Ajdin (großartig: der Münchner Deutsch-Türke Tim Seyfi), ein Versicherungsvertreter, der die regelmäßige Plünderung des Familienkontos leid ist, will auf keinen Fall allein zur Hochzeit ihres Neffen nach Bosnien reisen – und Tochter Zoe (Lucy Ryan), deren Klamotten allzu häufig ungefragt in der Kleiderkammer des Sozialzentrums landen, fühlt sich schon lange mit ihrem typischen Teenager-Problemen allein gelassen...

„Um den Figuren Glaubwürdigkeit zu geben, erschien es mir wichtig, dass das Publikum sie nicht identifizieren konnte“: Für seine familientaugliche Sozialkomödie „Les Bonnes intentions“ hat Regisseur Gilles Legrand seiner wunderbaren Hauptdarstellerin Agnes Jaoui (Europäischer Filmpreis für „Schau mich an“) weitgehend unbekannte Schauspieler an die Seite gestellt, darunter auch Laien und sogar Analphabeten wie Romeo Hustiac. Der Roma lebte mit seiner Familie unter einer Seine-Brücke. Auch Chantal Yam, deren chinesische Eltern in Paris einen Tabakladen besitzen, stand erstmals vor einer Kamera.

Mit geschärftem Blick und messerscharfen Dialogen geht „Die Kunst der Nächstenliebe“ dem sozialen und humanitären Engagement so genannter Gutmenschen auf den Grund. Dabei verschont Gilles Legrand niemanden, weder die Helfer noch die Bedürftigen. „Eine Familie hat doch jeder“: Auch wenn Isabelles Mutter Jacqueline (die 75-jährige Filmlegende Michele Moretti) noch kurz vor ihrem Tod im Klinikbett ihrer Tochter rät, nur ihrer Berufung zu folgen, ist Gilles Legrands gut hundertminütiger Film ein Plädoyer dafür, bei allem bewunderungswürdigen Engagement nicht die Lieben daheim zu vernachlässigen oder gar zu vergessen. Dass mit Elke Hammler ausgerechnet eine offenbar von Schuldgefühlen belastete Deutsche, die das Bedürfnis hat, etwas wieder gut zu machen, was ihre Großeltern zu verantworten haben, Isabelle dafür die Augen öffnet, ist schon ein starkes Finale einer frappierend leichten französischen Komödie, die im Casablanca Bochum und im Astra Essen gezeigt wird, ab 10. Februar 2020 im Essener Luna im Astra.

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