Die Kälte des Systems

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.
Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey. Foto: Wolfgang Quickels

Unlängst geschah wieder ein schreckliches Unglück, diesmal in Bayern. Wieder beschert es den Medien für einen Moment Auflage und Quote. Wieder hören wir neben vielen Belanglosigkeiten die - berechtigte - Forderung, dass die beteiligten Helfer psychotherapeutische Hilfe benötigen. Ich weiß nicht, ob diese Forderung nach Katastrophen wie in Eschede, Duisburg, München oder bei Bad Aibling umgesetzt wird. Oder ist sie nur ein Lücken- oder Pausenfüller larmoyanter Redakteure und Moderatoren?

Vor einigen Monaten kam ich wenige Minuten nach einem Verkehrsunfall an den Unfallort. Ein Kleinwagen war nach einem Zusammenstoß rücklings in einen Graben geschleudert worden. Auf dem Rücksitz eingeklemmt saß ein elfjähriges Kind. Es war tot. Als ich noch dabei war, das Kind vom Rücksitz des Autos zu bergen, kam mir eine inzwischen eingetroffene Polizistin zu Hilfe. Als sie die Tragödie realisierte, musste sie weinen. Nachdem Feuerwehr und Rettungsdienst die Bergung übernahmen, konnte ich mich entfernen. Nach circa zwei Stunden musste ich auf meinem Heimweg wieder an der noch gesperrten Unfallstelle vorbei. Die Polizistin, die mir zunächst bei der Bergung geholfen hatte, regelte jetzt den Verkehr und hielt mich an. So kam ich mit ihr ins Gespräch. Ich fragte sie, ob sie psychotherapeutische Hilfe bekäme nach derartigen Ereignissen. Sie sagte, wenn sie es wünsche, wäre das möglich. Meine Frage, wie sie im Kollegenkreis dastünde, wenn sie ebendies wünsche, wollte sie nicht beantworten.

Es gibt Berufe, die zwangsläufig mit einer besonderen seelischen Belastung einhergehen. Die Polizisten, die ja nicht nur menschliches Leid sondern auch übelste Aggressionen ertragen müssen, sind nicht die einzigen. Neben den Rettungskräften fallen mir die Soldaten ein. Bei letzteren ist die posttraumatische Belastungsstörung mittlerweile eine anerkannte Berufserkrankung, die häufig sogar zur Invalidität führt. Dass dies aber die Extremform eines psychischen Traumas, also einer seelischen Verletzung ist, scheint nur wenigen bewusst zu sein. Traumatische psychische Erfahrungen gibt es auch unterhalb dieser Schwelle. So gehen Lehrer nicht selten unter dem psychischen Druck ihrer Kommunikationsmaloche sowie unter den ständig wechselnden politischen Programmen und beruflichen Gängeleien in die Knie und müssen früh verrentet werden. Manche schaffen es dagegen, sich einen seelischen Panzer zuzulegen. Ob das der empathischen Kompetenz, ohne die auch ein Lehrer seinen Beruf nicht qualifiziert ausüben kann, nützt, halte ich für zweifelhaft.

Bei kaum einer Berufsgruppe erscheinen mir jedoch die alltäglichen psychischen Belastungen einer derartigen Ignoranz ausgesetzt zu sein, wie in den Gesundheitsberufen. In keinem Beruf bestimmen menschliche Tragödien so sehr den Alltag, wie bei Krankenpflegekräften und Ärzten. Auf Intensivstationen müssen schwerste Krankheiten und grausamste Verletzungen behandelt werden. Der Tod in jedem Lebensalter ist ein ständiger Begleiter aller am Patienten Tätiger. Neben den Tragödien müssen sie höchste Ansprüche an ihr Einfühlungsvermögen und ihre kommunikative Kompetenz befriedigen. Andrerseits wird ihnen jeder kleinste Fehler mindestens als schwerwiegender charakterlicher Mangel, wenn nicht gleich als kriminelle Tat, ausgelegt. Bei kaum einem Beruf wird so leichtfertig, ja gewohnheitsmäßig von Pfusch geredet wie bei den Gesundheitsberufen, speziell den Ärzten. Mir ist kein Beruf bekannt, bei dem die Politik schikanöse Beschlüsse mit derartig populistischem Eifer durchsetzen würde, wie in der Gesundheitsbranche. Die zentrale Terminvergabe, die für die Patientenversorgung weniger als nichts bringt, ist ein beredtes, aktuelles Beispiel. In welcher Berufsgruppe werden 45 Wochenstunden als Tarif-Basis angeboten, während Überstunden in keiner anderen Branche so systematisch ignoriert werden wie bei angestellten Ärzten, wo 60 - 70 Wochenstunden ohne irgendeinen Ausgleich häufig eher die Regel als die Ausnahme sind.

Mir ist auch kein Beruf bekannt, bei dem die Ausbildung so sehr die berufliche Realität ignoriert, wie das Medizinstudium. Zwar werden mittlerweile Tausende von Krankheitsbildern praktisch vorgeführt, ja die Studenten geradezu einer Hatz ausgesetzt, sie bei Wissenslücken im Kleingedruckten zu erwischen. Die Vorbereitung auf die extremen psychischen Belastungen, die dieser Beruf bereit hält, erschöpft sich oft noch in Äußerungen, wie „wer kein Blut sehen kann, ist für den Job nicht geeignet“. Ganz schüchtern begreifen einzelne Universitäten, dass ein Training in Kommunikation und Krisengespräch für den beruflichen Alltag nützlich sein könnte. Von regelmäßigen Pflichtveranstaltungen in Ausbildung und Klinik für Ärzte wie für Pflegekräfte sind wir noch meilenweit entfernt. Supervisionen, wie sie unter Psychologen seit jeher üblich sind, kann man im Klinikbetrieb in den Bereich der Absurdität einordnen.

Ein Schutzmechanismus des menschlichen Gehirns besteht darin, Probleme, die es nicht verarbeiten kann, zu verdrängen. Das mag der menschlichen Arterhaltung dienlich und für das betroffene Individuum eine (Not-)Lösung und sein. Für die empathische Kompetenz, das einfühlsame Gespräch ist es eine Katastrophe.

Ich denke, es ist eine Illusion, in einer Branche, die einem so ausgeprägten politischen Mangel an Fürsorge und einer derartigen medialen und gesellschaftlichen Kälte ausgesetzt ist, die Kulmination empathischer Kompetenz zu erwarten. Wie es in den Wald hereinruft, so schallt es wieder heraus.

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