Der Tag dazwischen

Eine Kolumne von Hans-Jürgen Jaworski

Hans-Jürgen Jaworski.
Hans-Jürgen Jaworski. Foto: Günter Mottyll

Schon als junger Mensch war mir der Karsamstag irgendwie suspekt. Er erschien mir immer sehr widersprüchlich. Nach dem recht stillen Karfreitag wurde es am Samstag wieder hektisch. Die letzten wichtigen Einkäufe. Noch einmal putzen. Alles für Ostern vorbereiten.

Aber eigentlich müsste das Gegenteil der Fall sein: Kreuzestod und Grablegung am Freitag, am Tag danach logischerweise Grabesstille. Deshalb kam mir der Karsamstag in seiner Betriebsamkeit so unlogisch vor, als gehörte er nicht zur Karwoche.

Später dachte ich, der Karsamstag macht nur die beiden Seiten einer Medaille deutlich. Geschäftigkeit und Lärm sollen die Grabesstille in uns überdecken, die Grabesstille der abgestorbenen Hoffnungen, ungestillten Sehnsüchte und des verkümmerten Vertrauens.

Noch später wurde mir klar, dass der Karsamstag, dieser Zwischentag, überhaupt eine Metapher für unser Leben ist, für die Spanne und die Spannung zwischen Geborenwerden und Sterben.

Noch noch später ist mir vollends bewusstt geworden, dass mit Karfreitag und Ostern etwas Ungeheuerliches geschehen ist, da wird die Reihenfolge verändert, da werden unsere Erfahrungen und Maßstäbe auf den Kopf gestellt. Der Karsamstag ist eine Metapher für unser Leben. Aber für unser Leben zwischen Sterben und Neugeborenwerden.

Deshalb hatte ich dann dieses Gedicht geschrieben:

Karfreitag

Heute / dieser tag / zwischen / gestern und morgen / bangen und hoffen / zweifel und glaube / furcht und zuversicht / trauer und freude /

Heute / dieser tag / zwischen / tod und leben / vergehen und neuwerden / sterben und auferstehen / hölle und himmel /

Dieser zwischentag / Immer

Mit dem Zunehmen der Jahre nimmt die Zahl der Wünsche ab. Doch dieser Wunsch bleibt, dass das Ungeheuerliche von Karfreitag und Ostern immer mehr Raum in meinem Zwischentagsleben einnehmen möge.

Quelle: