Der schwedische Irrsinn

Eine Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.
Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey. Foto: Wolfgang Quickels

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich finde, unser politisches System in Deutschland macht in dieser Corona-Krise einen ziemlich guten Job. Da stört es mich überhaupt nicht, wenn diskutiert wird, wie der Königsweg durch die Krise ist. Gerade der Föderalismus zeigt hier seine Stärke. Zum einen sind die Bedingungen in Bayern anders als in Schleswig-Hollstein, in NRW anders als in Mecklenburg-Vorpommern. Zum anderen können bestimmte Maßnahmen gerade in der gegenwärtigen Phase der Lockerungen in einzelnen Bundesländern ausprobiert werden, ohne dass gleich das ganze Land mit dem Virus im Schlepptau im Gleichschritt hinterher marschieren muss. Wenn‘s klappt, können die anderen nachziehen, wenn nicht, kann ein eventuell erneuter Lockdown nur auf ein Bundesland beschränkt werden. Noch ist jeder Versuch einer Lockerung ein Experiment, das penibel untersucht werden muss. Genau das geschieht offenbar auch. Der Streit zwischen Söder und Laschet ist durchaus fruchtbar und erkenntnisrelevant, das Geschwätz von Lindner und Gauland einfach nur nervig.

Schweden und der Staatsepidemiologen Anders Tegnell

Ganz anders sieht die Sache in Schweden aus. Restriktionen sind minimal, die Menschen treffen sich in Restaurants und Geschäften, Schulen, Universitäten und Betriebe sind geöffnet. Dort hat man einen Staatsepidemiologen, Anders Tegnell, der einen verwegenen Weg propagiert und dem die Regierung offenbar in fast blinder Ergebenheit folgt. Dabei hat er schon zu Beginn der Krise jede Menge Fehleinschätzungen geliefert. Nachdem er zunächst behauptete, das Virus werde sich nicht über China hinweg ausbreiten, meinte er später, es reiche aus, einzelne aus dem Ausland importierte Fälle nachzuverfolgen. Offenbar war es ihm entgangen, dass Tausende schwedische Familien ihren Skiurlaub in den italienischen Alpen verbracht hatten. Er glaubte, dass kein Ansteckungsrisiko bestünde, solange keine sichtbaren Symptome vorlägen. Den Alpenurlaubern empfahl er sogar, selbst dann zur Arbeit und in die Schulen zurückzukehren, wenn sich Mitglieder der eigenen Familie bereits infiziert hatten. Die schwedischen Skigebiete blieben offen für die Reisenden und Partygäste aus Stockholm, obwohl in Italien bereits die „Post abging“. Tegnell bestritt sogar, dass es in Schweden Anzeichen für eine relevante Übertragung innerhalb der Gemeinschaft gebe. Deshalb hielt er allgemeine Einschränkungen nicht für erforderlich. Er suggerierte allen Ernstes, Schweden könnte ohne drakonische Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus innerhalb einer überschaubaren Zeit eine Herdenimmunität erreichen, ohne das Gesundheitssystem in den Kollaps zu treiben.

„Wir glauben, wir erreichen mit Freiwilligkeit genauso viel wie andere Länder mit Restriktionen“, meint Tegnell. Als Epidemiologe, dem Sozialpsychologie augenscheinlich fremd ist, mag er das glauben. So scheint er nicht zu wissen, dass etwa 35 – 40 Prozent der Menschen Egoisten sind, die wenig von sozialer Verantwortung halten. Diese Minderheit ist üblicherweise nur mit harten Konsequenzen bei Fehlverhalten zu erreichen, aber nicht mit vertrauensseligen Appellen. Wie tugendhaft die Schweden auch sein mögen, auch in ihrer Gesellschaft gibt es diese Egoisten. Bei einer hoch ansteckenden Krankheit wie Covid-19 braucht es nicht viele von ihnen, um enormen Schaden anzurichten.

Fakt ist, dass Schweden bei seinen rund 10,3 Millionen Einwohnern mit rund 213 Todesfällen pro eine Million Einwohner deutlich höher liegt als die Nachbarländer Finnland, Norwegen und Dänemark, die bereits früh strenge Lockdown-Maßnahmen verhängt und eine starke politische Führung gezeigt hatten. Sie sind sogar noch schlechter als die USA unter Trump. Ganz besonders deutlich wird das Versagen Schwedens im Vergleich zum Nachbarn Finnland. Fast 7x mehr Tote / 1 Mio Einwohner sind ein geradezu zynisches Armutszeugnis. Deutschland verzeichnet ebenfalls deutlich weniger Fälle.

Verstorbene pro 1 Mio Einwohner (Stand Mi, 27.4., 14 Uhr; Quelle Johns Hopkins Uni)

  • Schweden: 213
  • Norwegen: 37,4
  • Dänemark: 72,7
  • Finnland: 34,4
  • Deutschland: 72
  • USA: 167,3
  • Italien: 442,1
  • Spanien: 499,4
  • Großbritannien: 312,2
  • Frankreich: 341,1
  • Südkorea: 4,71

Ein weiterer Fakt ist, dass Schweden aufgrund seiner geringen Bevölkerungsdichte (23 Einwohner / Quadratkilometer) wie seine skandinavischen Nachbarn gleich gute Chancen hatte, die Pandemie zu beherrschen. Dennoch schneidet Schweden gut 3 mal schlechter ab als Deutschland mit einer 10-fach höheren Bevölkerungsdichte.

Angesichts der Zahlen kann man sagen, das Handling der Pandemie ist in Schweden gründlich misslungen. So zeigt die offizielle Sterbestatistik, dass es in der ersten April-Hälfte einen deutlichen Anstieg der Todesfälle gab. Nach Berechnungen der Regionalverwaltung Stockholm haben mittlerweile 76 von 101 Altenheimen Covid-19-Fälle gemeldet. 40 Prozent der Todesfälle im Land wurden aus Pflegeeinrichtungen gemeldet. Tegnell muss inzwischen einräumen, dass genau das nicht gelungen ist, was seine Behörde von Anfang an den Schweden verordnet hat: nämlich die älteren und die Menschen mit Vorerkrankungen zu schützen.

Und die Kette peinlicher Fehler der schwedischen Epidemiologen reißt nicht ab. Unlängst musste eine offizielle Studie zurückgezogen werden, in der die Tegnell-Behörde ein Modell präsentiert hatte, wonach auf einen positiven Corona-Test 999 nicht entdeckte Fälle kämen. Danach wären allein in der Region Stockholm zwischen vier und sechs Millionen Menschen infiziert. Dort leben jedoch nur 2,4 Millionen Menschen. Mittlerweile hat sie ihren Fehler korrigiert und geht nunmehr davon aus, dass auf einen positiven Covid-19-Test 75 Personen kommen, die ebenfalls das Virus in sich tragen. Selbst das ist eine völlig absurde Zahl. Wenn sie zutreffen würde, hätte das „deutsche“ Virus eine 230-fach höhere Letalität als die „schwedische Variante“.

Am 23.4.2020 hat Schweden die Marke von 2.000 Toten überschritten. Die Gesundheitsbehörde behauptet, sie habe mit diesem Anstieg gerechnet und verweist gleichzeitig auf eine stabile Situation in den Krankenhäusern. Seit Mitte März sei die Zahl der Menschen mit Covid-19 auf den Intensivstationen konstant geblieben und es gäbe nach wie vor freie Kapazitäten. Sie verschweigt jedoch, dass Schweden von Beginn an eine knallharte Selektion (Triage) der „lohnenden“ Intensiv-Fälle betreibt. Wie ein deutscher Arzt, der in einem ländlichen Bezirk Schwedens tätig ist, in der Sendung von Markus Lanz berichtet, werden Covid-19-Patienten über 80 Jahren nicht auf die Intensivstation aufgenommen. Wenn für die 40 Prozent Verstorbenen, die aus den Pflegeeinrichtungen kommen, also gar keine Intensivbehandlung vorgesehen war, kann man leicht große Töne spucken.

Andere, die mit dem „Schwedischen Modell“ liebäugeln, müssen wissen, dass eine seiner entscheidenden Eigenschaften in einer deutlich höheren Zahl von Opfern besteht. Je nachdem, ob man die finnischen oder deutschen Zahlen zugrunde legt, sind in Schweden zwischen 1.400 und 1.800 Menschen unnötig gestorben. Eine ausreichende Herdenimmunität wird Schweden ohne einen Kollaps des Gesundheitssystems genauso wenig in überschaubarer Zeit erreichen wie alle anderen Länder dieses Planeten.

Dennoch hofft Tegnell, dass die Schweden nicht das Vertrauen in seine Behörde verlieren. Erstaunlich ist, dass die zivilisierten Schweden genauso für dumm verkauft werden können wie die tumben Anhänger von Donald Trump.

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