Der Doktor Schnabel

Basteln von
275 Schablonen wurden zu fertigen Masken. Foto: Stefan Kuhn

Im Archäologie-Museum fand am Donnerstag (14.8.2019) der zweite Workshop zum Basteln von Pestmasken statt. Bereits in der vorangegangenen Woche wurden Masken gebastelt. Sie sind aus Papier und werden in der kommenden Sonderausstellung Pest!, die das Archäologiemuseum am Europaplatz ab Ende September zeigt (halloherne berichtete), zu sehen sein.

Im 17. und 18. Jahrhundert sollen Pestärzte, auch Schnabeldoktoren genannt, zum Eigenschutz Masken getragen haben, um sich vor der schlechten Luft oder dem üblen Dunst, den sogenannten Miasmen, welche man damals als Ursache für die Pest hielt, zu schützen. Diese Masken hatten eine lange Nasenspitze, die mit Kräutern, z. B. Wacholder, Minze, Kampfer Gewürznelken oder Myrrhe und Amber, gefüllt war. Diese sollten, so die Überlegung, die Einatemluft von dem Pesthauch reinigen und so den Träger vor einer möglichen Erkrankung bewahren. Dabei erinnert ihre charakteristische Form an die Schnäbel von Vögeln. Zudem waren die Augenöffnungen der Maske durch Scheiben aus Glas oder Kristall verschlossen, die zum Schutz vor dem Blick des Kranken dienten, den man ebenfalls für ansteckend hielt. Die Kleidung eines Pestdoktors bestand aus einem gewachsten langen Stoffmantel, Stulpenhandschuhen, einem breitkrempigen Hut, Lederstiefeln und einem Stab. So sollte der direkte Kontakt zu den Infizierten vermieden werden.

Links: Eine sogenannte Schnabelhaube eines Pestarztes aus der Sammlung des Deutschen Medizinhistorischen Museums Ingolstadt, die vielleicht aus der Zeit um 1700 stammt. Foto: Deutsches Medizinhistorisches Museum IngolstadtRechts: Allseits bekannt und vielfach wiedergegeben, gilt er als das Symbol für den Schwarzen Tod: Der Pestdoktor mit der Schnabelmaske.Grafik: LWL/O. Kalus
Eine sogenannte Schnabelhaube eines Pestarztes aus der Sammlung des Deutschen Medizinhistorischen Museums Ingolstadt und das Logo der Ausstellung. Foto: Archäologiemuseum Herne

Dieses Outfit ist das Sinnbild für die tödliche Seuche im Mittelalter. Jüngste historische Forschungen, so die Herner Museums-Archäologen, haben nun Zweifel an diesem Bild gesät. So berichtet etwa Prof. Dr. Marion Ruisinger, Direktorin des Deutschen Medizinhistorischen Museums in Ingolstadt: „In vielen Medien und auch Museen wird die Figur des Schnabeldoktors typischerweise mit der Pest in Verbindung gebracht, doch für seine Existenz gibt es nur sehr wenige Belege." Über ihre bisherigen Ergebnisse hat die Medizin-Historikerin und Ärztin auch einen Beitrag im Ausstellungskatalog zur PEST! verfasst. Die heute bekannten Darstellungen der Pestärzte gehen demnach auf einige wenige Zeichnungen und Berichte aus dem 17. Jahrhundert zurück. Sie überliefern, dass es zu dieser Zeit in Frankreich und Italien tatsächlich Ärzte gab, die versuchten sich so vor der Pest zu schützen. Aber darüber hinaus gibt es, so die Ausstellungsmacher, keine sicheren Nachweise des Pestdoktors mit Schnabelmaske, erst recht nicht für das Mittelalter und auch nicht für den deutschsprachigen Raum. Die zwei in deutschen Museen ausgestellten Pestarztmasken stehen unter dem Verdacht, Fälschungen jüngeren Datums zu sein. Der Schnabeldoktor existierte also tatsächlich, aber hat im Nachhinein eine Bedeutung bekommen, die er in der Wirklichkeit wohl nie hatte.

Basteln von
Viele Hände, schnelles Ende. Foto: Stefan Kuhn

Doch zurück zum Masken-Workshop im Archäologiemuseum: André Burmann, als Archäologe zurzeit Volontär im Museum und im Team für die Vorbereitung der Sonderausstellung, begrüßte am Donnerstag die Teilnehmer des zweiten Workshops. Viele von ihnen halfen erneut, um aus Schablonen die 275 Papiermasken zu fertigen. Diese werden anschließend weiß lackiert und als serielle Installation auf einer Fläche von 3,50 m x 6 m auf der Wand an der Stirnseite der Ausstellungshalle zu sehen sein. Die Idee dazu hatte Ausstellungsmacherin Stefanie Dowidat. Angesichts der zeitaufwändigen Bastelarbeit waren ihre Kollegen allerdings skeptisch. Daher ihre Idee: viele fleißige Hände von außerhalb, die beim Schnibbeln und Kleben helfen. So war die Idee zum Bastelwahnsinn geboren, wie André Burmann scherzt. Eine geeignete Vorlage fand sich bei einem britischen Internetanbieter. Die Resonanz auf den Aufruf per Aushang, E-Mail, Mundpropaganda oder in den sozialen Netzwerken zur Mithilfe war so gut, dass zum ersten Workshop 38 Teilnehmer erschienen, diesmal waren es sogar 47 Helfer. Es kamen Großeltern mit Enkelkindern, Mütter und Kinder, eine Museums-Mitarbeiterin aus dem Urlaub und auch ein angehender Archäologie-Student. Sie alle verband der Wunsch zur Hilfe und Unterstützung bei dem spannenden Ausstellungsprojekt. Am Ende des Tages waren schließlich alle Masken fertig.

Basteln von
Fertige Pestmasken. Foto: Stefan Kuhn

Teilnehmerin Sigrid Wille hatte sich sofort entschlossen mit zu basteln, als sie auf Instagram von der Aktion erfuhr. „Obwohl ich nur fünf Minuten zu Fuß vom Museum entfernt wohne, war ich bislang nur sehr selten hier: zur Eröffnung und dem Besuch einer Sonderausstellung.“ Als Laie interessiert sie sich sehr dafür, wie mit den Papiermasken ein Teil der Ausstellung entsteht.

Obstteller, mitgebracht von einer Teilnehmerin für das Basteln von Pestmasken im Archäologiemuseum in Herne.
Obstteller, mitgebracht von Jana Celentano. Foto: Jana Celentano

Auch zum zweiten Teil der Bastelaktion kam Jana Celentano, die sonst tatkräftig bei der gfi mithilft. Sie hatte ein Posting mit der Einladung auf Facebook gelesen und freut sich nun, mit Pappe, Schere und Leim sich kreativ austoben zu können. Auch lerne man bei der Gelegenheit neue Leute kennen. Insgesamt zwölf Masken hat sie fertig gestellt. Mitgebracht hat sie diesmal auch Faraj und Aamaal Farha. Das Ehepaar kam vor eineinhalb Jahren als syrische Flüchtlinge nach Deutschland und lebt seitdem in Herne. Faraj ist Architekt und absolviert momentan ein Praktikum in einem Herner Architekturbüro. Viele der Teilnehmer der Aktion haben bisher keine oder kaum Anknüpfungspunkte zum Archäologie-Museum am Europaplatz.

Basteln von
Ruth Pingel (Bildmitte), Vorsitzende des Fördervereins, in Aktion. Foto: Stefan Kuhn

Ruth Pingel, Vorsitzende des Fördervereins des Museums ist deshalb sehr erfreut, viele neue Gesichter im Museum zu sehen und hofft ihr Interesse für Archäologie geweckt zu haben. Am Mittag gab es für alle Teilnehmer zur Stärkung Pizza und wer Interesse hatte, konnte an einer Führung durch die Dauerausstellung zu den Themen Steinzeit oder Fantastische Tierwesen teilnehmen. Als besonderes Dankeschön bekamen sie eine Einladung zur offiziellen Eröffnung am Vorabend der Sonderausstellung und Freikarten für die Sonder- und Dauerausstellung. Die Sonderausstellung Pest! startet am 20. September 2019 und läuft bis zum 20. Mai 2020: von der Steinzeit über die Spätantike, vom ‚Schwarzen Tod‘ des Mittelalters bis zum jüngsten Ausbruch auf Madagaskar: Die Pest ist eine Seuche, die die Menschheit durch alle Epochen ihrer Geschichte begleitete und zu tiefgreifenden Veränderungen in der Gesellschaft führte, so die Ausstellungsmacher.

Basteln von
Spaß beim Basteln. Foto: Stefan Kuhn
Autor: