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Kapitän Vere (Martin Homrich oben rechts mit dem Union Jack) ist bereit zum Seegefecht mit den Franzosen.

Vorösterliche Passionsgeschichte

'Billy Budd' in Gelsenkirchen

„Indomitable“ („Die Unbezwingbare“) heißt das britische Kriegsschiff, das Kapitän Edward Fairfax Vere (Martin Homrich) durch die unruhige See manövriert und dabei mit väterlicher Hand die Spannungen zwischen seinen Seeleuten schlichtet. Es sind stürmische Zeiten während der Napoleonischen Kriege der jungen Republik Frankreich gegen halb Europa. Die Ideen der Französischen Revolution drohen auch auf Veres Schiffsbesatzung überzuschwappen und Freiheit über Gehorsam zu stellen.

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Prompt wird der Vortoppmann William „Billy“ Budd (Dominik Köninger) beschuldigt, eine Meuterei anzuzetteln: ausgerechnet der stotternde Zwangsrekrutierte, den alle für sein sonniges Gemüt, seine Ehrlichkeit und Loyalität lieben. Und nicht zuletzt seine Schönheit bewundern. Dahinter steckt der intrigante Waffenmeister John Claggart (Michael Tews) – aus Eifersucht. Vor dem Offiziersgericht fällt Kapitän Vere zwar eine Entscheidung nach Recht und Gesetz, wird aber im Epilog an der Rückwand lesen: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Als Forderung wider besseres Wissen und eigenen Gewissens…

Hybrid zwischen Seenovelle und Roman

„Billy Budd, Sailor“, das zwischen 1886 und 1891 verfasste, aber erst 1924 wiederentdeckte und posthum in unterschiedlichen Fassungen erschienene letzte Prosawerk des amerikanischen Schriftstellers Herman Melville (1819–1891), gilt als Hybrid zwischen Seenovelle und Roman: Hundert Seiten, gegliedert in dreißig Kapitel, mehrfach wechselnde Erzählperspektive.

Billys Freund Dansker (Joachim Gabriel Maaß, l.) und Billy Budd (Dominik Köninger, r.) gehen Claggarts Handlanger Squeak (Tobias Glagau) an den Kragen.

Die Librettisten Edward Morgan Forster und Eric Crozier haben das Geschehen entgegen der Vorlage mit einem Rahmen versehen, der reflektierende Distanz erzeugt: Der Kapitän Vere erinnert sich Jahrzehnte später – am MiR bei einem Museumsbesuch in der eigenen Kajüte -an den englisch-französischen Seekrieg des Jahres 1797 und an seine Zerreißprobe zwischen dem Kriegsrecht, das er als Kommandant anwenden muss, und seiner Verantwortung für die Mannschaft gegenüber dem unerbittlichen, zynischen Waffenmeister und seinen Handlangern Squeak (Tobias Glagau) und Neuling (Adam Temple-Smith).

Benjamin Brittens am 1. Dezember 1951 am Königl. Opernhaus Covent Garden in London uraufgeführte vieraktige Oper „Billy Budd“ ist eine zur Karfreitags-Stimmung passende vorösterliche Passionsgeschichte, in die Regisseur Michael Schulz drei neue allegorische Figuren eingefügt hat. Sie dienen den drei Protagonisten als – freilich stumme – Ansprechpartner in besonders kritischen Momenten.

Androgyner junger Mann mit nacktem Oberkörper

Bei Billy ist das mit Doom („Schicksal“: Connor Ritgen) ein androgyner junger Mann mit nacktem Oberkörper und langem Rock, der Ferdinand Hodlers „Jüngling“ ähnelt, welcher hier freilich nicht „vom Weibe bewundert“ wird. Beim gutmütigen, zaudernden Kapitän ist das mit Shrift („Beichte“: Sebastian Schiller) eine blasse Figur, die mit traurigen Augen auf die mühsam gefällten Entscheidungen blickt, die Vere ihr auf den Arm schreibt wie zur nachträglichen Vergewisserung. Schließlich bei Claggart mit Arawn (düsterer Herrscher in der walisischen Mythologie: Dirk Turon) ein Todesvogel im Pestdoktor-Kostüm mit langem, sensenartigem Waldrapp-Schnabel.

Zusammen mit seinen Ausstattern Dirk Becker (gewaltiger Schiffsrumpf in Ober- und Unterdeck geteilt) und Renée Listerdal (Kostüme) erzählt der MiR-Intendant von der besonderen Atmosphäre auf einem Kriegsschiff, in der sich alle sozialen, zwischenmenschlichen und dabei immer wieder auch homoerotischen Beziehungen unmittelbar ins Extreme steigern. Denn die Männergesellschaft auf dem Schiff, die keinen Rückzugsraum, keine Privatheit kennt, wird nur vom Drill und der alltäglichen Routine zusammengehalten. Als emotionales Ventil dienen den Seemännern nur die Gefechte mit dem Feind.

Musikalische Leitung von Rasmus Baumann

Unter der musikalischen Leitung von Rasmus Baumann, der den Naturschilderungen der Zwischenspiele Raum gibt, welche die Seelenzustände der Protagonisten spiegeln, wird die zweiaktige, zuerst von der BBC ausgestrahlte und erst drei Jahre später in Covent Garden erstaufgeführte Fassung von 1961 gegeben. In der Titelpartie ist mit dem Bariton Dominik Köninger ein am Premierenabend umjubelter Gast von der Komischen Oper Berlin zu erleben, der sich auch als Konzertsänger einen Namen machen konnte.

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Mit dieser besonders nach der Pause szenisch und gesanglich eindrucksvollen, musikalisch über volle drei Stunden höchst anspruchsvollen Produktion setzt Intendant Michael Schulz seine verdienstvolle Britten-Pflege fort nach „Peter Grimes“ (2009), „Gloriana“ (2010), „War Requiem“ (2011), „Albert Herring“ (2014), „A Midsummer’s Night’s Dream“ (2015), „The Turn of he Screw“ (2016) und „Curley River“ (2021). Die freilich auch eine Tradition des MiR insgesamt ist: Mit „Albert Herring“ ist am Zweiten Weihnachtsfeiertag 1959 das vom Architekten Werner Ruhnau ursprünglich gar nicht als reguläre Zweit-Spielstätte konzipierte Kleine Haus am Kennedyplatz eröffnet worden. Karten für die weiteren fünf Vorstellungen in dieser Spielzeit unter musiktheater-im-revier.de oder Tel 0209 - 40 97 200.

Weitere Termine

  • Samstag, 15. April 2023, um 19:30 Uhr (Osteraktion: 2 Karten zum halben Preis)
  • Samstag, 13. Mai 2023, um 19:30 Uhr
  • Samstag, 20. Mai 2023, um 19:30 Uhr
  • Samstag, 3. Juni 2023, um 19:30 Uhr
  • Donnerstag, 22. Juni 2023, um 19:30 Uhr
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| Autor: Pitt Herrmann
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