Ausnahmezustand an der Gräffstraße

Projektwoche in der Musikschule

Die Streichhölzer auf der Bühne mit Dirigent Elmar Witt.
Die Streichhölzer auf der Bühne mit Dirigent Elmar Witt. Foto: Carola Quickels

Einmal im Jahr bricht an der Städtischen Musikschule Herne der Ausnahmezustand aus. Dann fällt für eine Woche der reguläre Musikunterricht aus und die Musiklehrer zeigen die unterschiedlichsten Facetten ihrer musikalischen Arbeit - in knapp 60 Projekten. Dazu zählen zum Beispiel Schnupperstunden am Akkordeon, das Klavierpuzzle oder die Klezmer-Combo für Erwachsene - ohne zusätzliche Kosten. Seit Montag (2.7.2018) gibt es für alle Musikbegeisterten in dem Haus an der Gräffstraße viel Neues zu entdecken. Die Woche mündet am Samstag, 7. Juli 2018, 11-16 Uhr, in den Musikschultag auf dem Schulgelände.

Joachim Rainer Uhl bei dem Projekt: Was heißt denn hier zu alt? Projektwoche in der Musikschule: Instrumentenbau bei Daniela Hagemann. Projektwoche in der Musikschule: Instrumentenbau bei Daniela Hagemann.

Projektwoche der Städtischen Musikschule 2018.

zur Fotostrecke

Die Angebote richten sich an kleine Leute, die naturgemäß neugierig sind, aber auch an große Leute, die sich ihre Neugierde bewahrt haben. Dazu zählt das Projekt mit dem aufmunternden Titel: Was heißt denn hier zu alt? Hier hat es sich Joachim Rainer Uhl hinter dem Klavier bequem gemacht. Herr Uhl ist 72 Jahre alt und hat früher Cello gespielt. Seine Auftritte hatte er mit den Herner Symphonikern. „Ja, da habe ich mit meinem Cello in der 4. Reihe gesessen und gespielt.“ Allerdings hat er schon immer Menschen bewundert, die das Spiel auf der Klaviatur beherrschen. Herr Uhl dachte sich: „Man(n) müsste Klavier spielen können...“ Nun sitzt er also während der Projektwoche bei seinem Klavierlehrer Norbert Fischer und übt die Vogelhochzeit ein.

Projektwoche der Stätischen Musikschule 2018.
Projektwoche in der Musikschule: Instrumentenbau bei Daniela Hagemann. Foto: Carola Quickels

Sehr viel wuseliger geht es bei Musiklehrerin Daniela Hagemann zu. Acht Kinder - im Alter von 3-4 Jahren - sitzen in dem Raum, die im normalen Musikschulalltag die MFE-Mini-Klasse bilden. MFE ist die Abkürzung für das sperrige Wort: Musikalische-Früh-Erziehung. Heute werden Rain-Maker gebastelt. „Mit solchen Rasseln haben wir im Unterricht schon musiziert, jetzt basteln die Kinder sie gemeinsam mit ihren Eltern“, erklärt Daniela Hagemann. Benötigt werden dazu Pappröhren, Hammer, Reis, Nägel und buntes Papier. Die Kinder erschaffen, bewaffnet mit Wachsmalstiften und Blättern, kunterbunte Werke, die einmal die schmückenden Hüllen ihrer Rain-Maker werden. Ihre Eltern hämmern derweil Nägel in besagte Pappröhren. Die bunten Blätter der Kinder werden auf die Röhren geklebt und bevor jedes offene Ende der Röhre verklebt wird, werden sie mit Reis gefüllt. Fertig ist die Rassel, also, ich meine natürlich der Rain-Maker.

Projektwoche der Stätischen Musikschule 2018.
Joachim Rainer Uhl bei dem Projekt: Was heißt denn hier zu alt? Foto: Carola Quickels

Das Projekt - Die Streichhölzer - findet in der Aula statt und dient als Vorbereitung für ein erstes Musizieren im Orchester. Auf der Bühne sitzen rund 15 Kinder, die ihre Streichinstrumente schon beherrschen. Vor ihnen steht Musikschullehrer Elmar Witt und schwingt den Taktstock. Keines der Streichhölzer ehem, pardon der Kinder, bringt die Frage - Was bedeutet der Punkt hinter der Note? - aus dem Takt. Ist doch klar, der verlängert die Note um die Hälfte ihres Wertes, was bedeutet, dass der Ton um die Hälfte länger gespielt wird. Tja, gelernt ist gelernt.

Ein weiteres Projekt nennt sich Classic Hits for Guitar Kids und wird von Ludger Bollinger und Anneke Cetra geleitet. Acht Gitarren-Schüler sitzen im Halbkreis, lauschen ihren Lehrern und gemeinsam werden sie berühmte Themen aus dem Barock, der Klassik und der Romantik für ein Gitarrenenseble arrangieren.

Eines der spannensten Projekte ist vielleicht das von Musikschullehrerin Sigrid Eul - das Klavierpuzzle. Emily (8), Micha (10) und Greta (6) gehen mit Sigrid Eul auf Entdeckungsreise - durch das Klavier. Dazu nimmt Sigrid Eul das Klavier auseinander und beschreibt jeden Vorgang. Sie lässt die Kinder die Schrauben lösen, die die Mechanik mit dem Klavier-Korpus verbindet und nimmt sie ab. Dadurch haben die Kinder freie Sicht auf die einzelnen Saiten, die aber „auf gar keinen Fall mit den Fingern berührt werden dürfen, da sie sonst rosten.“ Sigrid Eul verteilt Handschuhe, damit die Kinder an den Saiten zupfen können. „Boah, ist das staubig hier“, ist der Kommentar von Micha. „Hier müsste mal gewischt werden.“ „Ja, staubig ist es“, antwortet Sigrid Eul, „aber bitte, nicht wischen, nur saugen.“

Projektwoche der Stätischen Musikschule 2018.
Sigrid Eul beim Klavierpuzzle mit Emily, Micha und Greta. Foto: Carola Quickels

Damit die Kinder den Unterschied zwischen einer dünnen (heller Klang) und einer dicken Saiten (tiefer Klang) erkennen, hat sie Saiten dabei. Durch gemeinsames Ziehen versuchen sie, die Saite so straff zu bekommen, dass sie erklingt - geht aber nicht. „Seht ihr, wie doll der Klavierbauer jede einzelne Saite spannen muss, damit sie erklingt?“ Drei nickende Köpfe. Weiter nimmt sie die mit Filz bespannten Hammer-Köpfe ab und auch einzelne Tasten. Die Kinder lernen so, dass ein Klavier 88 Tasten hat, 52 weiße und 36 schwarze. Auch, dass früher die weißen Tasten aus Elfenbein gefertigt wurden und dafür Elefanten sterben mussten. Große Augen bei den Kindern. Der Nachsatz - „Heute ist das verboten. Die Tasten werden aus Plastik hergestellt“ beruhigt die Kinder. Ebenfalls beruhigt es sie, dass das Klavier nach der Entdeckungsreise wieder ordnungsgemäß zusammengebaut wurde.

Autor: