Antigone. Ein Requiem/Die Politiker

Wolfram Lotz und Thomas Köck in Bochum

Konstantin Bühler (hinten) und Jele Brückner in „Die Politiker“.
Konstantin Bühler (hinten) und Jele Brückner in „Die Politiker“. Foto: Birgit Hupfeld

Der Autor Wolfram Lotz, bekannt für absurd-poetische und preisgekrönte Theatertexte wie „Die Politiker“, der am Samstag, 18. Juni 2022 um 19:30 Uhr in den Kammerspielen des Schauspielhauses Bochum zum letzten Mal auf dem Spielplan steht zusammen mit „Antigone. Ein Requiem“ von Thomas Köck, hat Tagebuch geschrieben. Ein Jahr lang, von morgens bis nachts. Knapp 3.000 Seiten. Dann hat er den entstandenen Riesentext gelöscht. Nur durch Zufall blieben 912 Seiten erhalten.

Seine „Heilige Schrift I“, die er am Freitag, 17. Juni 2022, um 20 Uhr in den Kammerspielen Bochum vorstellt, ist der radikale Versuch, das Leben möglichst vollständig und unmittelbar zu erfassen - mit allen literarischen Mitteln. Das Dorf, das Flimmern des Internets, die Nachbarskatze, die kleinen Bewegungen, Donald Trump und die Schönheit, Miley Cyrus und Peter Handke, die spielenden Kinder, das Nachdenken über Theater und Literatur, der Himmel über dem Weinberg und das Überleben zwischen den alltäglichen Dingen.

Insofern ähnelt dieses poetische Dokument eines wahnwitzigen Projektes, das sich dem puren Exzess öffnet und dabei zeigt, was es wirklich bedeutet, über die Gegenwart zu schreiben, seinem zwischen Privatem und Öffentlichen changierenden Text „Die Politiker“: Sechs Schauspieler auf der Bühne sinnieren, ereifern und verausgaben sich über das, was sie arg vereinfachend, ja bisweilen offen denunzierend „die Politiker“ nennen. Ein phonetisch sehr abwechslungsreiches Sprachgedicht in der Tradition der Wiener Klassik eines Ernst Jandl und zugleich eine leider inhaltlich bedeutungslose Suada mit der Wucht der Jandlschen Landsleute Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek.

Anna Drexler (vorn) und William Cooper in „Antigone. Ein Requiem“.
Anna Drexler (vorn) und William Cooper in „Antigone. Ein Requiem“. Foto: Birgit Hupfeld

Jele Brückner (als Eurydike und Teiresias), Konstantin Bühler (als Chor), William Cooper (als Ismene und Haimon), Anna Drexler (als Antigone), Michael Lippold (als Kreon) und Jing Xiang (als Botin) stehen unmittelbar anschließend – nun in einheitlich grauen Designerkostümen Korbinian Schmidts - auch in „Antigone. Ein Requiem“, einer „Rekomposition nach Sophokles“ von Thomas Köck auf den Brettern an der Bochumer Königsallee, die Michaela Fück wie einen kahlen Strand des Mare Nostrum gestaltet hat. An den Leichen gespült werden, für die sich niemand verantwortlich fühlt.

Bis auf Antigone, welche deren Körper in die Stadt schleift, auch wenn Kreon das ausdrücklich untersagt hat. In Thomas Köcks Stück steht freilich nicht der tote Bruder Antigones im Mittelpunkt, sondern die Auseinandersetzung um verantwortliches Handeln im antiken Theben wie in unserer heutigen Zeit: Es geht ganz allgemein um Menschenrechte und politische Werte und sehr konkret um die Verantwortlichkeit des nur scheinbar machtlosen Einzelnen: Antigone, zunächst belächelt von ihrer ganz den eigenen Interessen zugewandten Schwester Ismene, sammelt Verbündete, zu denen Kreons Gattin Eurydike und ihr Verlobter, Kreons Sohn Haimon, gehören, nicht jedoch der Herrscher selbst.

Franz-Xaver Mayrs Doppelinszenierung „Antigone. Ein Requiem“ und „Die Politiker“ ist letztmals am Samstag, 18. Juni 2022, um 19:30 Uhr in den Kammerspielen zu sehen, wo sich nach der Vorstellung der erstmals in Bochum tätige österreichische Regisseur zusammen mit den Autoren Wolfram Lotz und Thomas Köck der Publikumsdiskussion stellt. Karten auch für die Lesung am Vorabend unter schaupielhausbochum.de oder Tel 0234 – 33 33 55 55.

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  • Freitag, 17. Juni 2022, um 20 Uhr
  • Samstag, 18. Juni 2022, um 19:30 Uhr
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