Urbanatix zeigt fantastisches Bewegungskunst-Universum
Adrenalin, Applaus und Außerirdische
Bochum. Am Ende dieser Spielzeit bleibt vor allem ein Gefühl: Erleichterung – und Stolz. Urbanatix ist zurück in Bochum. Nicht als nostalgisches Relikt vergangener Jahrhunderthallen-Glorie, sondern als lebendiges, pulsierendes Gemeinschaftsprojekt, das erneut beweist, wie kraftvoll und mit Begeisterung urbaner Tanz, Artistik und Streetkultur im Ruhrgebiet verankert sind.
Die letzte Vorstellung von outa:space am Silvesterabend (31.12.2025) im RuhrCongress ist ein echter Altjahr-Knaller und setzt dabei einen würdigen Schlusspunkt unter eine insgesamt sehr erfolgreiche Rückkehr.
Etwa 2.000 Zuschauer pro Vorstellung
Auch die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Über alle neun Shows hinweg lag die Auslastung bei beeindruckenden rund 90 Prozent, im Schnitt besuchten etwa 2.000 Zuschauer pro Vorstellung die Produktion. Lediglich die Silvester-Show fiel mit geschätzten 75 Prozent Auslastung etwas ab – vermutlich weniger ein Qualitäts-, als ein Kalenderproblem. In den Tagen zuvor präsentierte sich Urbanatix hingegen so gefragt wie lange nicht mehr.
Inhaltlich bleiben die Vorstellungen mit dem diesjährigen Titel outa:space dem bewährten Urbanatix-Prinzip treu. Zwei versehentlich auf die Bühne gebeamte Außerirdische – gespielt von Beatboxer Robeat und Schauspielerin Svea Kirschmeier – dienen als loses und humoriges Gerüst. Energie wird benötigt, um zurück ins All zu gelangen. Energie, die die folgenden Bühnen-Shows im Überfluss liefert: fliegende Biker, messerscharfe Tanzchoreografien, waghalsige Parkour-Sequenzen und internationale Spitzenartistik treiben den Puls konstant nach oben, es ist eine spitzenmäßige und sehr kurzweilige Mischung aus sehenswerten Ahs und Ohs…
Gruppenbilder, Tempo und Raumaufteilung auf dem Punkt
Besonders beeindruckend bleibt die durchgehend präzise Gesamtchoreografie. Über volle 90 Minuten greift hier ein Rad ins andere – Übergänge, Gruppenbilder, Tempo und Raumaufteilung sind auf dem Punkt. Dass ein Großteil der Mitwirkenden keine klassischen Vollprofis sind, sondern aus einer leidenschaftlich trainierenden Urban-Community stammen, macht diese Leistung umso bemerkenswerter. Urbanatix verwischt weiterhin gekonnt die Grenze zwischen Ehrenamt, Leidenschaft und Hochleistungskunst – und genau darin liegt sein besonderer Charme mit spürbarer Magie - manchmal vom anderen Stern…
Zu den gefeierten Höhepunkten zählt ohne Zweifel das kanadische Kollektiv Machine de Cirque. Ihre Nummern sind Weltklasse: Hand-auf-Hand-Artistik, Jonglage, Pole – und vor allem die legendäre Sequenz auf dem Teeterboard (dem artistischen Schleuderbrett). Die meterhohen, zentimetergenau getimten Sprünge erzeugen echte Aha-Momente und gehören zum Besten, was diese Spielzeit zu bieten hatte. Das Publikum ist durchweg begeistert und fasziniert; das hat der VfL gleich nebenan in dieser Saison wohl nicht einmal auch nur annähernd geschafft…
Das Handtuch-Duett
Ebenso unvergessen bleibt das herrlich absurde Handtuch-Duett zweier kanadischer Artisten: Über mehrere Minuten liefern die beiden „nackten Handtuch-Männer“ feinste Sauna-Akrobatik, verrenken sich, wechseln blitzschnell ihre weißen Tücher – und schaffen das Kunststück, dabei fast nie mehr als einen kurzen Blick auf ein blankes Hinterteil zuzulassen. Intelligent, extrem präzise, urkomisch – und völlig zu Recht mit großem Applaus gefeiert.
Auch die Solisten setzen starke Akzente: Henrike Lechler am Flying Pole verbindet Kraft und Eleganz, Mikael Karahan begeistert im Cyr-Rad mit visueller Comedy und perfektem Timing. Musikalisch setzt Sängerin LauRa (Laura Cammalleri) emotionale Kontrapunkte, während Beatbox, Live-Sound und elektronische Flächen das energetische Grundrauschen liefern.
15 große Display-Wände
Visuell wagt Urbanatix viel. Die 15 großen mobilen und digitalen Display-Wände werden häufig sehr effektvoll eingesetzt und verstärken den Eindruck eines multimedialen Gesamtkunstwerks. Allerdings zeigen sich hier auch Schwächen: Einige Projektionen im ersten Drittel wirken erstaunlich beliebig, fast wie zufällige Bildschirmschoner im Random-Modus – ein verschenktes Potenzial angesichts der ansonsten hohen gestalterischen Qualität.
Ähnlich verhält es sich mit den schauspielerischen Einlagen. Sie sind charmant, pointiert und erfüllen ihren Zweck, lassen aber erkennen, wo erfahrene Profis auf ambitionierte Darsteller treffen. Das ist keineswegs störend, bietet jedoch Raum für weitere Entwicklung – gerade, weil das restliche Niveau so hoch ist.
Standing Ovations
Natürlich kann der RuhrCongress atmosphärisch nicht ganz mit der alten Jahrhunderthalle mithalten. Und doch: Das Comeback von Urbanatix in Bochum ist gelungen. Standing Ovations, begeistertes Publikum und starke Besucherzahlen zeigen, wie sehr dieses Format gefehlt hat. Urbanatix ist mehr als eine Show – es ist eine gewachsene Community, ein urbanes Statement und ein Beweis dafür, dass außergewöhnliche Bewegungskunst nicht aus Metropolen importiert werden muss, sondern hier entsteht.
Am Ende dieser letzten Vorstellung bleibt die Vorfreude: auf die nächste Ausgabe, auf neue Ideen, neue Energie – und darauf, diese einzigartige Urbanatix-Familie auch 2026 wieder in Bochum begrüßen zu dürfen. Urbanatix zeigt auch 2025: Der Name ist Programm – quicklebendig, am Puls der Zeit und so weit entfernt von ausgestorbenen Dinosauriern wie ein Teeterboard vom Stillstand.