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Der unbeteiligte Beobachter Meursault (Benjamin Voisin) und die sinnliche Schönheit Marie (Rebecca Marder) begegnen sich an einem heißen Sommertag.

François Ozons „Der Fremde“

Adaption der Erzählung 'L'Étranger' von Albert Camus

Algier, 1938. Der Franzose Meursault (Benjamin Voisin), ein stiller, unauffälliger Büroangestellter in Algier Anfang dreißig, nimmt ohne sichtbare Gefühlsregung an der Beerdigung seiner im Altersheim irgendwo in der algerischen Provinz gestorbenen Mutter Catherine (Mireille Perrier) teil. Dass sie mit ihrem Mitbewohner Perez (Joël Cudennec) verlobt gewesen ist, welcher mehrfach vergeblich um ein Gespräch bittet, lässt ihn ebenso kalt wie der nach Schlägen stets gottserbärmlich aufjaulende Hund seines gewalttätigen Nachbarn Salamano (Denis Lavant).

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Am nächsten Tag beginnt Meursault eine von seiner Seite höchst emotionslos geführte Beziehung mit seiner früheren Kollegin Marie Cardona (Rebecca Marder) und kehrt in seinen gewohnten ereignislosen Alltag eines unbeschwert lebenden Europäers in der arabischen Kolonie zurück. Dieser wird jedoch bald durch seinen Nachbarn Raymond Sintès (Pierre Lottin) gestört, der Meursault in seine zwielichtigen Machenschaften hineinzieht – einschließlich der körperlichen Gewalt gegen seine frühere arabische Mätresse Djemila (Hajar Bouzaouit).

Schicksalhafte Begegnung

An einem glühend heißen Tag am Strand vor der Villa von Masson (Christophe Vandevelde) und seiner Gattin Lucia (Mar Sodupe), wo Meursault und Marie zu Gast sind, kommt es zu einer schicksalhaften Begegnung mit Djemilas Bruder Moussa Hamdani (Abderrahmane Dehkani) und seinen Freunden…

Mit seiner zunächst im ersten Teil sehr werkgetreuen Adaption, die im zweiten Teil in eine wesentlich freiere Neuinterpretation von Albert Camus’ gleichnamigem Literaturklassiker mündet, gelingt François Ozon in seinem nach „Sitcom“ (1998) bereits 24. Spielfilm ein zwar von der postkolonialen Debatte beeinflusstes, letztlich aber zeitlos aktuelles Werk über das Fremdeln mit der eigenen Existenz. In ungewohnten, sogleich die Aufmerksamkeit auf Details lenkenden Schwarzweißbildern lebt der Film von einem erlesenen Ensemble.

Ungewohnte Schwarz-Weiß-Aufnahmen

Meursaults Nachbar Salamano (Denis Lavant) schlägt seinen Hund, was Ersteren aber nicht zum Einschreiten nötigt.

François Ozon im Weltkino-Presseheft; „Heutzutage sind Bilder oft aggressiv und farbgesättigt. Ich wollte, dass wir uns in einem Zustand der Empfindung und Beobachtung befinden, einer Form der Einfachheit. Schwarz-Weiß ermöglichte mir das: mich auf Körper, Gesten und Stille zu konzentrieren. Es gibt nur sehr wenige Kamerabewegungen, und der Film besteht hauptsächlich aus statischen Aufnahmen. Eine zurückhaltende Regie in Schwarz-Weiß, das Algerien als eine Art verlorenes Paradies heraufbeschwört.“

Albert Camus‘ zweiteilige Erzählung „L'Étranger“, geschrieben 1940, erschienen im Juni 1942 bei Éditions Gallimard in Paris, hat in der deutschen Rowohlt-Ausgabe 120 Seiten: Teil 1 beginnt mit der Beerdigung der Mutter, geht in den Alltag des Protagonisten über und endet mit dem Mord an einem Araber am Strand. Teil 2 handelt vom Prozess, dem Aufenthalt Meursaults im Gefängnis und seiner Verurteilung zum Tod. Die 122-minütige Adaption von Philippe Piazzo und François Ozon beginnt mit historischen Aufnahmen aus den 1930er Jahren aus Algier – mit seiner Kasbah, seinem Hafen und anderen symbolträchtigen Orten.

Das Opfer hat Namen und Umfeld

Nicht nur das Opfer hat einen Namen und ein Umfeld bekommen, sondern auch die beiden weiblichen Figuren: Marie, bei Camus die naive Geliebte Meursaults, und Djemila, die in der Vorlage namenlose Schwester des Arabers, sind im Film stärker präsent als im Roman. Insbesondere Marie: Sie ist im Film nicht nur eine einfache, lächelnde Schreibkraft, sondern eine liebende Frau, die sich ausgerechnet von Meursault, der beruflich wie privat jeden Ehrgeiz vermissen lässt, wünscht, dass er sie heiratet. Der von Raymond Sintès ausgehenden Gefahr bewusst versucht Marie den sich stets als unbeteiligten, emotionslosen Beobachter gebenden Meursault, der das Angebot seines Chefs (Denis Déon), nach Paris zu gehen, ablehnt („Ein Leben ist so gut wie das andere“), zu beeinflussen – vergeblich wie bei Camus.

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Neujahr im Kino

Der aus politischen Gründen nicht in der früheren französischen Kolonie Algerien, sondern im marokkanischen Tanger gedrehte Film „Der Fremde“ feierte seine umjubelte Weltpremiere am 2. September 2025 im Wettbewerb der 82. Internationalen Filmfestspiele von Venedig. Zum Kinostart am 1. Januar 2026 wird er im Casablanca Bochum, in den Schauburg-Kinos Dortmund und Gelsenkirchen, im Luna im Astra Essen sowie im Bambi Düsseldorf gezeigt.

Mittwoch, 31. Dezember 2025 | Autor: Pitt Herrmann