Neu in der Filmwelt: Von einem, der auszog, Schauspieler zu werden
Ach. Diese Lücke. Diese entsetzliche Lücke
Der Berliner Schauspieler Joachim Meyerhoff, väterlicherseits Enkel des Herner Oberstadtdirektors und Bürgermeisters Hermann Meyerhoff, wurde am 18. Juli 1967 in Homburg/Saar als jüngster von drei Söhnen eines Psychiaters, leitender Arzt an der dortigen Universitäts-Nervenklinik, und einer Krankengymnastin geboren. Als sein Vater 1971 eine Stelle als ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schleswig annahm, zog die Familie in den hohen Norden und wohnte in einem Gebäude auf dem Gelände der Klinik.
Autobiographischer Roman
Joachim Meyerhoff hat in seinem 2013 erschienenen autobiographischen Roman „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ seine Kindheit und Jugend dort beschrieben. Es ist zehn Jahre später von Sonja Heiss u.a. mit David Striesow und Laura Tonke als seine höchst unterschiedlich gepolten Eltern verfilmt worden. 2015 erschien, ebenfalls bei Kiepenheuer & Witsch in Köln, der Fortsetzungsroman „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“. Die unter anderem in Bochum gedrehte Leinwand-Adaption von Lars Hubrich (Buch) und Simon Verhoeven (Buch und Regie) kommt – in gewöhnungsbedürftiger Interpunktion – unter dem gleichen Titel am Donnerstag, 29. Januar 2026, ins Kino – auch in die Filmwelt Herne.
Mit Brustwarzen lächeln
Darin wird der 20-jährige Joachim (Bruno Alexander) unerwartet an der renommierten Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München aufgenommen und zieht kurzerhand in die großbürgerliche Villa seiner exzentrischen Großeltern (mütterlicherseits) Inge (Senta Berger) und Hermann (Michael Wittenborn) am Rand des Nymphenburger Parks. „Versuch ‘mal, mit den Brustwarzen zu lächeln“: Zwischen intensiver Schauspielausbildung der Dozenten um das Direktorengespann (Johann von Bülow und Rudolf Krause), die nicht selten in absurde Übungen ausarten, und den skurrilen, oft alkoholgeprägten Alltagsritualen seiner Großeltern, die schon am Morgen im Bad beginnen, sucht Joachim seinen Platz im Leben und ringt mit den Erwartungen an seine künstlerische Identität und familiären Bindungen.
Regisseur dreht mit seiner Mutter
Zum Cast gehören erneut Devid Striesow und Laura Tonke als Joachims wieder Hermann und Iris genannte Eltern, dazu Anne-Ratte Polle als Kursleiterin Gretchen Kinski, Tom Schilling als Regieassistent Hagen, Victoria von Trauttmansdorff als Gesangslehrerin Irmgard Köster und Karoline Herfurth als Dozentin Gisela Marder. Eine Besonderheit freilich kommt hinzu: Regisseur Simon Verhoeven hat mit seiner Mutter Senta Berger gedreht, welche die Rolle einer alternden, melodramatisch auftretenden Diva mit Verve verkörpert. Die 84-Jährige liegt gerade, das am Rande, nach einem Sturz mit Oberschenkelhalsbruch in einer Klinik, wie ihr Sohn dem Berliner „Tagesspiegel“ verriet: Aus Herne wünschen wir „Gute Besserung!“.
Goethe-Zitat als Filmtitel
Das Zitat des Titels, entlehnt aus Johann Wolfgang Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“, den Großvater Hermann im Film zitiert („Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke, die ich hier in meinem Busen fühle!“), ist der wesentliche Kern für die große Lebensfrage, die Meyerhoff in seinem autobiographischen Roman stellt, nicht nur durch den Verlust geliebter Menschen, sondern auch auf der Suche nach dem eigenen Selbstbild und im Streben nach einem Moment innerer Einheit – im Versuch, eine Leerstelle im Verständnis von sich selbst zu füllen.
Adaption als Balanceakt
Die besondere Herausforderung bei der Entwicklung des so warmherzigen wie urkomischen 137-minütigen Films war, den 350-seitigen Roman in eine filmische Struktur zu bringen. „Der Roman ist anekdotisch erzählt und springt in den Zeitebenen wild hin und her. Das fällt einem gar nicht so auf, wenn man das Buch liest, aber tatsächlich ist es so“, sagt die Produzentin Janine Jackowski im Warner Bros.-Presseheft. Denn ein Drehbuch folgt anderen Gesetzen als ein Roman, gleichzeitig aber galt es, den Kern von Meyerhoffs Geschichte zu bewahren. „Das war für uns, aber natürlich vor allem für Simon, ein Balanceakt“, so Jackowski weiter. Der Roman spielt zwischen Theaterwelt, Familiengeschichte und innerer Reise – diese Vielschichtigkeit filmisch zu fassen, ohne an Leichtigkeit zu verlieren, war die größte Aufgabe des Teams. „Es ging darum, die Tonalität zu halten: gleichzeitig komisch, melancholisch und emotional wahrhaftig“, bringt es die Ko-Produzentin (zusammen mit Maren Ade und Jonas Dornbach von Komplizen-Film) auf den Punkt.