Impflexikon 9 - Impfstoffe – Impfreaktion

Impfnebenwirkung – Impfkomplikation - Impfschaden

Das Leben an sich hält viele Risiken und Nebenwirkungen bereit.
Das Leben an sich hält viele Risiken und Nebenwirkungen bereit. Illustrator: Jörg Lippmeyer

„Wenn jeder Bratwurst ein Beipackzettel mit den Risiken und Nebenwirkungen zugefügt werden müsste, würden größere Gruppen unserer Bevölkerung wohl Hungers sterben. Nach Lust und Laune wird geraucht, gesoffen und gefressen, ohne sich auch nur den Hauch eines Gedankens über Risiken und Nebenwirkungen zu machen“. So äußerte sich mal einer meiner Pharmakologie-Professoren. Hundertprozentige Sicherheit gibt es in keinem Bereich unseres Lebens. Aber heutige Impfstoffe gehören zu den sichersten und am besten getesteten Arzneimitteln überhaupt.

Die heute von der staatlichen Impfkommission (STIKO) empfohlenen Impfungen machen in der Regel so geringe Nebenwirkungen, dass sie oft gar nicht oder als nicht wesentlich wahrgenommen werden.

Aber bei der Bewertung von Reaktionen nach einer Impfung muss stets bedacht werden, dass diese bei gesunden Menschen durchgeführt werden. In Erwartung schwerer Nebenwirkungen können zufällig auftretende Befindlichkeitsstörungen, die normalerweise gar nicht beachtet würden, plötzlich bewusst und übersteigert wahrgenommen und irrtümlich der Impfung angelastet werden (Nocebo-Effekt).

Jede Impfung soll eine Reaktion hervorrufen, sonst wäre sie ineffektiv. Eine Reaktion des Immunsystems besteht immer in einer mehr oder weniger ausgeprägten Entzündung. Das ist bei einer Impfung gewollt. Diese Reaktion ist oft so dezent, das sie kaum bewusst wird. Gleichwohl sind lokale Schmerzen, auch Schwellungen im Bereich der Injektion sowie Allgemeinreaktionen wie Abgeschlagenheit, Kopf- und Gliederschmerzen, auch leichtes Fieber möglich und völlig normal, können aber individuell eine sehr unterschiedliche Ausprägung erfahren. Manche Menschen neigen auch einfach zu stärkeren Reaktionen.

Zum Beispiel treten bei drei bis fünf Prozent der Impfungen gegen Masern so genannte „Impfmasern“ auf. Da würde man schon von Impfnebenwirkungen sprechen, ohne diese als ernste Komplikation zu werten. Die gängigen Impfnebenwirkungen sind praktisch immer mit einfachen Mitteln gut behandelbar.

Eine Impfkomplikation ist dagegen eine deutlich über das übliche Ausmaß einer Impfreaktion hinausgehende Symptomatik. Lebendimpfstoffe können in extrem seltenen Fällen zu einem Ausbruch derjenigen Krankheit führen, gegen die geimpft wurde.

Von einem Impfschaden wird gesprochen, wenn nach einer korrekt durchgeführten Impfung eine bleibende Schädigung auftritt. Solche Schädigungen können lokaler Art sein, z. B. eine eitrige Entzündung der Einstichstelle. Extrem selten können Allergien gegen Bestandteile des Impfstoffs entstehen. Auch durch den Impfstoff ausgelöste Organschädigungen wie z. B. Nerven- und Gelenkentzündungen sind prinzipiell möglich. So wurden bei der Polio-Schluckimpfung weltweit jedes Jahr etwa zwölf Fälle einer Impf-Polio, vereinzelt sogar mit bleibenden Lähmungen verzeichnet. Das war der Grund, die Polio-Schluckimpfung - eine Lebendimpfung - Ende der 1990er-Jahre durch die Polio-Injektionsimpfung mit einem Totimpfstoff zu ersetzen.

Zwischen 1970 und 2000 wurden in Deutschland ca. 50 000 000 Impfdosen pro Jahr verkauft. In dieser Zeit – 30 Jahre – fanden also ca. 1,5 Milliarden Impfungen statt. Über den gesamten Zeitraum wurden weniger als 1600 Impfschäden registriert. Über 70 % davon betrafen Pocken- und Tuberkuloseimpfungen, die sowieso nur einen sehr geringen Anteil an der Gesamtzahl der Impfungen hatten und schon lange nicht mehr durchgeführt werden. Das Risiko eines Impfschadens unter Ausschluss von Pocken und Tuberkulose beträgt also über den gesamten Zeitraum kaum 1 : 10 000 000.

Am Beispiel der Masern lassen sich die Risiken einer Erkrankung im Vergleich zur Impfung besonders krass darstellen:

Masern

  • Exanthem (Ausschlag) 98 %
  • Fieber 98 %, meist hoch
  • Fieberkrämpfe 7 bis 8 %
  • Enzephalitis (Gehirnentzündung) 1/1000 bis 1/10.000
  • Letalität (tödlicher Verlauf) 1/1000 bis 1/20.000

Masern-Impfung

  • Exanthem (Ausschlag) 5 % (abgeschwächt)
  • Fieber 3 bis 5 %, sehr selten hoch
  • Fieberkrämpfe ≤ 1 %
  • Enzephalitis (Gehirnentzündung) 0
  • Letalität (tödlicher Verlauf) 0

Auf 1.000 Fälle einer Akuterkrankung kommt also ein tödlicher Verlauf und ebenfalls eine Gehirnentzündung, die ebenfalls fast immer tödlich ist. Eine tödliche Impfkomplikation nach einer Masernimpfung hingegen ist in Deutschland nicht bekannt. Die von militanten Impfgegnern verbreiteten Horrorbilder haben mit einer Masernimpfung nichts zu tun, sie sind schlicht frei erfunden und erlogen. Für die MMRV-Impfung (Masern-Mumps-Röteln-Varizellen) wurde errechnet, dass selbst dann, wenn jede Verdachtsmeldung als Impfschaden gewertet würde, die maximale Komplikationsrate weniger als eine Komplikation auf zwei Millionen Impfdosen betragen würde. Das zeigt, Impfschäden kommen vor, sind aber sehr selten.

Die Befürchtung, Impfungen könnten an Erkrankungen wie Autismus, plötzlichem Kindstod oder Diabetes schuld sein, sind vielfach wissenschaftlich widerlegt worden. Die Sorge, dass das Training des Immunsystems durch Impfungen gegen eine kleine Auswahl besonders gefährlicher Erreger dieses insgesamt schwächen könnte, mutet per se als absurd an. Aber auch dies wurde in umfangreichen Studien widerlegt. Zudem zeigen aktuelle Studien, dass geimpfte Kinder nicht häufiger an Bagatellinfekten leiden als ungeimpfte.

Ein Impfschaden hat allerdings in den Jahren nach 2009 traurige Berühmtheit erlangt: Die Narkolepsie infolge von Pandemrix.

Die Bedrohung hieß damals H1N1, das Kürzel für die Schweinegrippe, aber auch für die „Spanische Grippe“ vor 100 Jahren mit 50.000.000 Toten. In Rekordzeit wurden Impfstoffe entwickelt und mit einem Wirkverstärker vermeintlich verbessert. Auch die Zulassungsbehörden beeilten sich. Neben dem Präparat „Focetria“ ließ die europäische Arzneibehörde EMA im Herbst 2009 das Mittel „Pandemrix“ des britischen Herstellers GlaxoSmithKline zu. Vor allem skandinavische Länder deckten sich damit ein. Rund 30 Millionen Europäer ließen sich impfen.

Monate später dann der erste Verdacht: Geimpfte klagten über eine rätselhafte Schlafkrankheit, über Schlafattacken am helllichten Tag und erschlaffende Muskeln. Später stellten Studien einen Zusammenhang zum Impfstoff „Pandemrix“ her während der Konkurrenz-Impfstoff „Focetria“ nicht betroffen war. Pandemrix könne die Narkolepsie, eine unheilbare neurologische Krankheit auslösen. Mehr als tausend Impfpatienten waren betroffen – vor allem in Schweden, Finnland, Norwegen und Irland. Voraussetzung für eine Manifestation ist aber wohl eine besondere genetische Variante, die ein ohnehin leicht erhöhtes Risiko bedingt, an Narkolepsie zu erkranken. Es gab aber auch eine Studie aus China, die zeigte, junge Menschen, die zuvor an Schweinegrippe erkrankt waren, litten danach ebenfalls häufiger an Narkolepsie.

Die Inzidenz der Narkolepsie (ohne Impfung) beträgt in Deutschland bis zu 50 Menschen pro 100.000 Einwohnern.

„Pandemrix“ gibt es nicht mehr. Die damalige H1N1-Panik erscheint im Nachhinein unsinnig, die Schweinegrippe verlief deutlich milder als das aggressive Covid-19. Die damalige Erfahrung erklärt jedoch, wie wichtig eine gründliche Prüfung ist. Wohl vor allem nach der Erfahrung mit Pandemrix dürfte sich die EMA bei den Corona-Impfstoffen etwas mehr Zeit als ihre britischen und amerikanischen Kollegen genommen haben.

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