Zurückschauen in Dankbarkeit

Nach vorne schauen in Hoffnung

Engelskulptur.
Engelskulptur. Foto: Wolfgang Quickels

Ewigkeitssonntag. Heute, Sonntag, 22. November 2020, Oder auch Totensonntag, so meistens im Volksmund. Das Ende des sogenannten Kirchenjahres mit allen dazu gehörenden Festen, bevor mit dem Advent das neue Kirchenjahr beginnt. Vielleicht tut es gut, sich einmal klarzumachen, was an diesem Sonntag passiert, wozu dieser Sonntag überhaupt gut ist, bevor er durch zunehmenden Traditionsverlust immer mehr an Bedeutung verliert.

Das Erste

Wir gedenken in besonderer Weise unserer Toten. Deshalb suchen immer noch recht viele Menschen in unserem Land an diesem Sonntag die Gräber ihrer verstorbenen Lieben auf, und in den Gottesdiensten werden die Namen aller vorgelesen, die im zu Ende gegangenen Kirchenjahr in der Gemeinde verstorben sind. Das ist natürlich viel mehr als nur eine gute Tradition und erst recht mehr als eine religiöse Pflichtübung. Dieses Gedenken hat vielmehr etwas zu tun mit Dankbarkeit, die zur Demut führen kann.

Zumindest an den Gräbern muss einem klarwerden, dass niemand von uns der Verursacher seines eigenen Lebens ist, niemand von uns hat sich selbst gezeugt und geboren. Wir verdanken unser Leben eben nicht uns selbst. Kein Lebenshauch vom ersten bis zum letzten Atemzug ist unsere Leistung. Im Blick auf das Leben sind wir nicht Macher, sondern Beschenkte. Da gibt oder gab es Eltern und Großeltern, und vielleicht kann mancher von uns sich sogar an seine Urgroßeltern irgendwie erinnern. Unsere Geschichte begann eigentlich schon vor unserem ersten Schrei.

Das muss einen doch ein Stück demütig machen und vor dem Hochmut bewahren, zu meinen, dass in einem selbst „Alpha und Omega“ ( Anfang und Ende ) läge. Keiner von uns ist der Nabel der Welt, noch nicht einmal seiner Welt.

Engelskulptur.
Engelskulptur. Foto: Wolfgang Quickels

Ich selbst gehe nicht nur am Ewigkeitssonntag auf den Friedhof. Ich bin immer wieder im Laufe eines Jahres auf dem Holsterhauser Friedhof, weil dort das Grab meiner Eltern ist. Meistens bin ich nur kurz dort, weil ich dachte, lieber nur kurz, dafür aber öfter. Manchmal schaue ich nur, ob alles dort in Ordnung ist, manchmal entferne ich Blätter, machmal lege ich Blumen aufs Grab.

Aber immer sage ich „Danke!“. Mehr nicht. Das reicht. Danke, natürlich, weil ich ohne sie nicht wäre, aber auch „Danke“ für das , was sie mir gegeben und ermöglicht haben, nach ihrem Vermögen. Und dieses „Danke“ hat natürlich auch Bedeutung an den Gräbern von Ehepartnern und Freunden, weil sie Teil unserer Geschichte sind, weil sie uns geprägt und gestützt haben.

Und wem dieses „Danke“ aus verschiedenen Gründen unheimlich schwerfällt, der könnte zumindest ein Stück Frieden schließen, damit eigene Wunden endlich heilen können.

Das Zweite

Dieser Sonntag führt uns unsere Endlichkeit, unsere Vergänglichkeit vor Augen. Das geschieht ohne große Worte. Ein kurzer Gang über einen Friedhof genügt ja.

Allerdings versuchen wir bekanntlich immer wieder, den Gedanken an den eigenen Tod zu verdrängen. Deshalb vermeiden auch etliche den Gang zu den Gräbern. Die mittlerweile schon lang andauernde Pandemie erschwert jedoch dieses Verdrängen , weil uns jeden Tag unsere Anfälligkeit, Zerbrechlichkeit und eben Vergänglichkeit vor Augen geführt werden. Aber letztlich ist es auch nur das , was immer schon galt: Das Einzige, was mit unserer Geburt feststeht, ist die Tatsache unseres Todes. Also, Verdrängen hilft nicht. Deshalb betet der Psalmist schon vor fast 3000 Jahren: „ Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.“Psalm 90,12 . Offenbar gehört das Bedenken des eigenen Todes zur Lebensklugheit.

Ein guter Freund hatte im hohen Alter eine Meditation über diesen Psalm 90 geschrieben

Mein Gott, ich werde älter und älter, bald bin ich richtig alt / Die Garnrolle dreht sich schnell und immer schneller / Die Jahre werde kürzer und ohne Schlaf die Nächte länger / Ich weiß: das Leben hat sein Ende, das lässt der Psalm mich wissen…. / Nur eines will ich mir täglich vor Augen halten: Jeder Tag ist der erste Tag vom Rest meines Lebens / Ein kluges Maß für jeden Menschen / Diese Weisheit schließt jeden Tag mir auf; sie macht mir Mut zum Leben auch im Alter.

Ich lese daraus: das eigene Ende zu bedenken, ist ein Zeichen von Lebensklugheit, die nicht zur Verzweiflung, sondern zu mehr Lebensmut führt. Wie das? Was steckt dahinter?

Das Dritte

An diesem Sonntag gedenken wir unserer Lieben an ihren Gräbern, aber wir suchen sie nicht dort. Deshalb heißt auch dieser Sonntag, kirchlich korrekt, Ewigkeitssonntag, Gedenktag der Entschlafenen. Das hört sich doch ein wenig anders an als „Totensonntag“. Und deshalb ist auch die liturgische Farbe, also die Farbe der Altarbehänge, weiß. Weiß wie zu Weihnachten und vor allem wie zu Ostern, der Tag der Auferstehung. Wir müssen sterben, aber der Tod hat nicht das letzte Wort. Die Gräber sind nicht die Endstation. Wir sind Gäste auf dieser Erde, und dafür dürfen wir an jedem Tag dankbar sein. Aber eben Gäste, wir sind hier nicht zuhause, wo wir uns für alle Ewigkeit einrichten können. Wir sind gewissermaßen auf der Durchreise. Deshalb sagte Jesus einmal zu seinen Freunden in einer seiner Abschiedsreden: „ Euer Herz erschrecke nicht…In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen…Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten.“ (Johannes -Evangelium 14,1u.2) Oder der Apostel Paulus drückte es in einer äußerst schweren Situation so aus: „Denn ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes…“ (Römer 8,38 u.39)

Ich weiß, das ist schwer zu glauben. Spricht doch unser Erfahrungshorizont dagegen. Aber wir dürfen hoffen und nach vorne schauen: das Beste kommt noch. Und wenn es nicht stimmt, werden wir es nie merken.

Deshalb konnte mein Freund seine Meditation mit diesen Worten zu Ende führen

Von meiner Kindheit an war Gott mir immer treu…/ Im Leib der Mutter schon hat er mich gut gekannt / Als ich geboren wurde, war ich bereits ein Menschenkind, von Gott geliebt / Das wird so bleiben auch durch die Wand des Todes, wenn Gott sagt, nun komm wieder, mein Menschenkind / Nichts kann mich von der Liebe Gottes trennen… / Die Luft, die wir im Himmel atmen, wird lauter Liebe sein.

(Aus: Johannes Hansen „Dein Gast auf dieser Erde“, Psalmen für schöne und schwere Tage)

Auch wenn die Novembertage am Ende des Kirchenjahres meistens recht dunkel und trübe sind, der Ewigkeitssonntag ist ein heller Tag, voller Dank und Hoffnung, auch mitten in Leid und Trauer.

In den Gottesdiensten an diesem Sonntag wird das gepredigt und besungen, obwohl es zur Zeit mit größeren Versammlungen auch in den Kirchen recht schwierig ist. Aber auf den Friedhöfen ist es anders: dort ist die Ansteckungsgefahr sehr gering.

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