Der Preis des Sieges

Eine Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Die Cool Cats sagen allen Machern in Corona-Zeiten: DANKE.
Die Cool Cats sagen allen Machern in Corona-Zeiten: DANKE. Illustrator: Jörg Lippmeyer

In meinen letzten Kolumnen hatte ich versucht, auch ein bisschen Optimismus zu verbreiten (Jetzt warten...). Angesichts der gegenwärtigen Entwicklung mag das noch etwas mühselig angemutet haben. Aber werfen wir einen Blick auf die Zahlen auf der Kehrseite der Medaille. So beängstigend das exponentielle Wachstum der nachgewiesenen Infektionen und der damit verbundenen Dunkelziffer, so verzweifelt das Massensterben vor allem in Italien sein mag, auch die Zahl der Genesenen steigt: Spanien hat 2.125, Italien 6.072, Iran 7.635 und China sogar 71.857 (Stand 21.3.2020). In China liegt die Zahl der Genesenen und damit Immunen schon weit über den Neuinfizierten. Soweit sind wir noch nicht. In Europa hinken die täglichen Zuwachsraten der Genesenen den Neuinfizierten noch gehörig hinterher.

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.
Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey. Foto: Wolfgang Quickels

Aber das wird nicht so bleiben. Je länger die Seuche dauert, desto mehr Menschen wird es geben, die schon auf der Seite der Sieger stehen werden. Die müssen sich dann nicht mehr mit Schutzanzügen und Mundschutz ausstatten, wenn sie Infizierte und Kranke behandeln und pflegen. Und sie könnten helfen, herauszufinden, wer schon infiziert war. Und sie werden das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben wieder in Gang bringen, zuerst ganz langsam, aber dann mit stetig steigender Dynamik. Die Kurve der Zahl an Immunisierten folgt der Kurve der Neuinfizierten mit einem Zeitverzug von drei bis vier Wochen.

Es scheinen sogar Medikamente, die ähnlich wie bei Hepatitis C oder HIV das Virus bekämpfen können, in der Pipeline zu stecken. So wird z der Wirkstoff Remdesivir getestet, zwar noch unter strenger Beobachtung des Herstellers in Studien bei Schwerkranken. Die Ergebnisse werden mit vorsichtigem Optimismus betrachtet. Wenn dieser Optimismus bestätigt werden sollte, wird der Hersteller nicht umhin können, es in einem viel größeren Maßstab verfügbar zu machen.

Auch die derzeit noch umständlichen und zeitraubenden Tests werden schneller und einfacher werden. So genannte Antigentests, die direkt Virusprotein nachweisen, also nicht das Erbmaterial, sind in der Entwicklung und werden wohl im Mai zur Verfügung stehen, wie der Virologe Christian Drosten vermutet. So ein Test geht schnell wie ein Schwangerschaftstest. Dann hat man das Ergebnis sofort und es gibt keine Warteschlangen mehr.

Im Sommer und im Herbst empfiehlt Drosten zudem große Querschnittstudien in der Bevölkerung auf Antikörperbildung, also Immunität. So könne man herausfinden, ob die 60 bis 70 Prozent, die sich wahrscheinlich infizieren werden, erreicht sind. Dann können die Restriktionen allmählich gelockert werden und vielleicht sogar die Planungen für die nächste Fußballsaison beginnen.

Das Virus und die Politik

Und vielleicht wird sich im Herbst auch politisch Erfreuliches getan haben. So deuten sich bei der AFD schon Zerfransens-Erscheinungen an. Eine bösartige, spaltende Politik passt nicht in diese Corona-Welt. In der Corona-Krise könnte deutlich werden, dass diejenigen, die Menschen gegeneinander aufhetzen, zu echten Zukunftsfragen nichts beizutragen haben. Der Ernst der Lage lässt das Destruktive des Populismus deutlich werden. Auch Verschwörungstheorien könnten sich am Ende des Jahres als Ladenhüter erwiesen haben, obwohl sie wie saures Bier angeboten wurden. Am Ende der Krise werden viele gemerkt haben: Fake-News sind leeres Geschwätz. In der aktuellen Krise brauchen wir sachliche Informationen und gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse statt populistischer Stimmungsmache. Und wenn es richtig gut kommt, werden wir uns vielleicht sogar darüber freuen, dass die amerikanischen Wähler begriffen haben, bei der letzten Wahl eines Präsidenten einen gewissenlosen Egomanen ins Amt gehievt zu haben und Donald Trump im November abwählen.

Geschwindigkeit senken

Infografik zur Kapazität des Gesundheitswesen in Beziehung zur Ausbreitung des Corona-Virus.Quelle: Landesregierung NRW
Infografik zur Kapazität des Gesundheitswesen in Beziehung zur Ausbreitung des Corona-Virus. Quelle: Landesregierung NRW Foto: Landesregierung NRW

Aber egal, wie man es rechnet: Jetzt müssen wir unbedingt die Geschwindigkeit der Ausbreitung des Virus senken. Sonst werden wir es nicht schaffen und innerhalb weniger Wochen dieselben Verhältnisse haben wie Italien. Zwar haben wir mehr Betten, vielleicht mehr Beatmungsplätze, möglicherweise ist unser Personal auch besser ausgebildet, aber von dieser hochentwickelten Intensivmedizin hätten auch wir dann noch viel zu wenig. Geht man von den jetzigen Zuwachszahlen aus, bräuchte man – mindestens - zusätzlich zu den jetzigen Intensiv-Kapazitäten noch mal das Doppelte, um auch nur einigermaßen alle Beatmungspflichtigen behandeln zu können.

Volle Straßencafés, Plätze und Parkanlagen haben vor der Kontaktsperre gezeigt, dass viele Bürger den Ernst der Lage trotz aller Appelle ignorierten. Man weiß aus vielen Untersuchungen, dass die Mehrheit der Menschen, etwa 60 Prozent, kooperativ sind. Die sind bereit, eigene Interessen zurückzustellen. Aber für 40 Prozent der Menschen steht nur der eigene Vorteil im Mittelpunkt. Diese Zeitgenossen werden stur und unbeirrt ihr eigenes Interesse verfolgen, egal wie groß die Krise ist. Sie sind für Ratschläge und Bitten weitgehend immun. Da helfen nur klare Verbote mit Sanktionen für den Fall der Nichtbeachtung.

Ein Vergleich

Ein absurdes Szenario: Der BVB schießt 5 Tore und zum Beispiel Mats Hummels schösse nach jedem Tor aus Dummheit oder purem Schabernack ein Eigentor – er würde innerhalb kürzester Zeit in die Kabine gesperrt und man ließe ihn wohl nur nach einer Prüfung seines Geisteszustands wieder heraus. Der ist natürlich nicht so blöde. Aber 40 Prozent unserer Zeitgenossen sind offenbar derartige Schwachköpfe und gefährden den Sieg gegen diese widerwärtige Seuche. Ausgangssperren sind deshalb – bis auf weiteres - alternativlos. Sonst wird es ganz, ganz teuer.

Trotzdem ist Optimismus angebracht: Die Wissenschaft hat in Computermodellen und Laborspielen gezeigt, dass sich die Kooperativen am Ende langfristig durchsetzen und die Oberhand gewinnen können. Jetzt sind wir in der Startrunde eines Langstreckenlaufes. Wir werden das Ziel erreichen und gewinnen und unsere Siegerzeit hängt von der Disziplin ab, die wir in den nächsten Wochen zeigen.

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