Jetzt warten wir es doch erstmal ab

Corona: Wer steckt wen an? Und wie viele?
Corona: Wer steckt wen an? Und wie viele? Illustrator: Jörg Lippmeyer

Gerade sind die Ausgangssperren und Kontaktverbote 4 Tage in Kraft, da drängeln die ersten Politiker wie Christian Lindner schon darauf, ein Ausstiegsszenario zu entwerfen.

Erinnern wir uns

Der beginnende Tsunami der Covid-19-Infektionen nahm etwa um Rosenmontag (24. 2.2020) seinen Anfang. Seither wurden in Deutschland 43 646 Infektionen (Quelle: Johns Hopkins Universität, 26.03.2020, 21:29:16) nachgewiesen.

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.
Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey. Foto: Wolfgang Quickels

Die Dunkelziffer, das heißt die infizierten Virusüberträger ohne Symptome, ist bei der Bekämpfung der Ausbreitung des Virus aber das eigentliche Problem. Über diese Dunkelziffer kann nur spekuliert werden. Es ist kaum anzunehmen, dass Italiener, Spanier oder Franzosen aufgrund der allgemeinen Volksgesundheit ein höheres Risiko haben, an einer Covid-19-Infektion zu sterben, als die Deutschen. Professor Drosten, Virologe an der Charite, schätzt die Mortalität der über die tatsächliche Gesamtzahl aller Infizierten auf ca. 0,5 Prozent. Gemessen an den jeweiligen Todesopfern – das ist derzeit die einzig zuverlässig messbare Größe – muss also die Zahl der unentdeckten Virusüberträger in fast allen betroffenen Ländern dramatisch größer als die der tatsächlich nachgewiesen Infizierten sein. Deren Zahl dürfte also etwa das 200-fache der Todesopfer betragen. Legt man die Zahl der Toten in Italien (7.500) zugrunde müssten dort – Stand 26.4.2020 – ca. 1,5 Millionen Menschen infiziert sein.

Der erste Fall in Italien war ein Mann, der am 18. 2.2020 mit grippeähnlichen Beschwerden in ein Krankenhaus ging. Weil er zuvor keinerlei Kontakt nach China hatte, wurde er nicht getestet und wieder nach Hause geschickt. Als die Symptome sich verschlimmerten, kam er zunächst auf eine allgemeine Station, dann auf die Intensivstation. Erst da wurde er positiv auf das COVID-19 getestet. Weil er in der Inkubationszeit zuvor viele Bekannte und Freunde getroffen hatte und Pflegekräfte und Ärzte ihn im Krankenhaus ohne Infektionsschutz behandelt hatten, wurde er als sogenannter Superspreader - Superverbreiter - eingestuft. Da nicht nachvollzogen werden konnte, wo er sich selbst angesteckt hatte, dürfte er auch eher der Patient 500 als der Patient „Eins“ gewesen sein. Ich habe keine genauen Zahlen, aber angesichts dieses Szenarios, der initialen Verdopplungszeit und der vergangenen Zeit ohne Gegenmaßnahmen erscheint mir eine tatsächliche Zahl von 1,5 Millionen Infizierten in Italien nicht abwegig zu sein.

Und auch in Deutschland ist von einer beträchtlichen Zahl unentdeckter Virusverbreiter auszugehen. Die Dunkelziffer könnte sieben bis zehn Mal höher liegen, als es die offiziellen Zahlen derzeit angeben. Davon geht Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) aus. Deshalb könnte auch bei uns die Kurve der Infizierten in der nächsten Zeit noch exponentiell steigen, auch wenn wir (noch) weit von den italienischen Zahlen weg sind.

Die so genannte Verdopplungszeit ist die wesentliche Kenngröße, an der sich Geschwindigkeit der Ausbreitung ablesen lässt. Nach Daten der Johns-Hopkins-Universität beträgt sie für Europa 4-7 Tage, in den USA nur 2,8 Tage. Gelingt es, die Verdopplungszeit von zwei Tagen auf drei Tage auszudehnen, verlegt das den problematischen Anstieg von Covid-19 etwa zehn Tage nach hinten.

Deshalb ist die Kontaktsperre ein wirksamer Weg, um das Virus auszubremsen. Die Menschen, die ein Infizierter nicht trifft, kann er nicht anstecken.

Statistiken bilden die Vergangenheit ab

Die aktuellen Statistiken können das noch nicht widerspiegeln, sie zählen im Grunde die Infektionen von vor einer Woche. Solange braucht es, bis eine infizierte Person Symptome entwickelt, getestet wird und das Ergebnis vorliegt. Statistiken bilden somit die Vergangenheit ab. Vom Abflauen einer Epidemie kann man sprechen, sobald die Verdopplungszeit größer wird - also beispielsweise von drei auf vier Tage steigt Deshalb können wir uns im Grunde eine Pause gönnen und erst in einer Woche nachgucken, ob sich die Kurven tatsächlich abflachen.

Da allerdings tut sich ein Dilemma auf: Gelingt es, die Woge der Infektionen soweit abzuflachen, dass die medizinischen Ressourcen vor dem Kollaps bewahrt werden, ist mit einer Zeit von etwa 2 Jahren bis zum Erreichen der notwendigen Durchseuchung von 70 Prozent der Bevölkerung zu rechnen. Solange kann aber kein „Shut down“ ohne einen vollständigen Zusammenbruch der Wirtschafts- und Sozialsysteme durchgehalten werden. Deshalb erwägt die Bundesregierung nun, die strengen Kontaktbeschränkungen zunächst für junge und gesunde Menschen wieder lockern.

Eine Lockerung kann frühestens in circa 3 Wochen erwogen werden.

Noch ernten Experten wie der Ökonom Thomas Straubhaar der Universität Hamburg viel Kritik für eine Strategie der kontrollierten Infizierung. Die will – anders als die Strategie des Zeitgewinnens – nicht jüngere und aktivere Personen in Quarantäne schicken, um die Ansteckungsgefahren für Hochrisikogruppen zu eliminieren. Stattdessen will sie nur diese Hochrisikogruppen isolieren und die jungen, vermeintlich kaum gefährdeten Personen wieder auf die Piste des Wirtschaftslebens schicken. Die Risikopatienten allerdings präzise zu identifizieren ist extrem schwierig. Man kann eben nicht nur den – letztlich willkürlichen - Cut bei einem bestimmten Lebensalter machen. Auch bestimmte Grunderkrankungen, wie stattgefundene Organtransplantationen, Diabetes, Tumorerkrankungen, Bluthochdruck, Herzerkrankungen und weitere, möglicherweise noch unbekannte Risiken, müssten berücksichtigt werden. Die treten bekanntlich aber durchaus in nennenswerter Zahl auch schon vor dem Rentenalter auf. Die unzähligen Raucher sind da noch gar nicht berücksichtigt.

Die Politiker sollten also die nächsten 4 Wochen nutzen, sich die Effekte der jetzt getroffenen Maßnahmen ansehen und die möglichen Szenarien unter Hinzuziehung der geballten Wissenschaft durchspielen. Dabei dürfen sie sich nicht von irgendwelchen Interessenrichtungen unter Druck setzen lassen. Hektik wäre jetzt so ziemlich das Verkehrteste.

Warten wir es also erstmal ab!

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