Zum 100. Geburtstag von Gisbert Hasenjaeger

Der westfälische Enigma-Spezialist

Kurz vor seinem Tod im Jahr 2006: Gisbert Hasenjaeger noch einmal bei der Arbeit an einer Enigma.
Kurz vor seinem Tod im Jahr 2006: Gisbert Hasenjaeger noch einmal bei der Arbeit an einer Enigma. Foto: LWL/Ryska

Dortmund (lwl). Gisbert Hasenjaeger, der am 1. Juni 2019 100 Jahre alt geworden wäre, ist Thema in der Ausstellung Alles nur geklaut?, die noch bis zum 13. Oktober 2019 im LWL-Industriemuseum Zeche Zollern in Dortmund zu sehen ist. - Sie waren herausragende Mathematiker, doch in einem hatten sich Gisbert Hasenjaeger und die Chiffrierungs-Spezialisten der Deutschen Wehrmacht verrechnet: Dass die Verschlüsselungsmaschine „Enigma“ absolut sicher sei, war eine Fehleinschätzung. Schon bald nach Kriegsbeginn gelang es der Britischen Armee, das System zu knacken und den Funkverkehr der Deutschen zu entschlüsseln.

Die Verschlüsselungsmaschine in der Ausstellung
Die Verschlüsselungsmaschine in der Ausstellung "Alles nur geklaut?". Foto: LWL/Auf'm Kamp

Die aktuelle Ausstellung „Alles nur geklaut?“ im LWL-Industriemuseum Zeche Zollern stellt den später in Münster lehrenden Professor Gisbert Hasenjaeger in der Abteilung „Von Spionen und Geheimnissen“ vor. Zu sehen sind eine Original-Enigma sowie eine Reihe von Exponaten aus dem Nachlass des Mathematikers, der am 1. Juni 1919 in Hildesheim geboren wurde und 2006 verstarb. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) präsentiert die Schau noch bis 13. Oktober in seinem Dortmunder Industriemuseum.

Hasenjaeger kam 1942 als Mathematikstudent zur Chiffrierungsabteilung des Oberkommandos der Wehrmacht nach Berlin und wurde mit 24 Jahren ihr jüngstes Mitglied. Der Leiter der Abteilung, der Mathematiker Dr. Erich Hüttenhain, galt als der bedeutendste deutscher Kryptologe seiner Zeit. Den Neuling steckte er in das kurz zuvor gegründete Referat "Sicherheitskontrolle eigener Schlüsselverfahren". Eine der wichtigsten deutschen Verschlüsselungsmaschinen war die Enigma. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie in allen Teilen der Wehrmacht eingesetzt; schätzungsweise 40.000 Exemplare sollen hergestellt worden sein. Ihre Logik war von einer Kombination der Buchstabenwalzen abhängig, die der Bediener ähnlich wie an einem Zahlenschloss einstellte. Der Empfänger benötigte zum Entschlüsseln eine baugleiche Maschine und die richtige Kombination.

Detail der Enigma mit vier Walzen.
Detail der Enigma mit vier Walzen. Foto: HNF/Jochen Viehoff

„Die Deutschen hielten die Enigma wegen der große theoretischen Schlüsselanzahl für absolut sicher und betrieben daher auch einen relativ geringen Aufwand für die Optimierung und Fortentwicklung der Maschine. In Hasenjaegers Einheit beim Oberkommando der Wehrmacht untersuchten gerade einmal vier Mitarbeiter die drei wichtigsten deutschen Verschlüsselungsmaschinen auf etwaige Schwächen“, erläutert Dr. Georg Eggenstein, Kurator der Ausstellung „Alles nur geklaut?". Demgegenüber betrieb die britische Armee einen gigantischen Aufwand, um den Feind abzuhören und auszuspionieren. Über 10.000 Frauen und Männer arbeiteten in der militärische Dienststelle Bletchley Park, die sich mit der Entzifferung des deutschen Nachrichtenverkehrs befasste.“

Tatsächlich hatte die Enigma mehrere wesentliche Schwächen, die teils nicht erkannt und teils nicht für wichtig gehalten wurden. Eine besteht darin, dass von der Maschine kein Buchstabe in sich selbst verschlüsselt werden kann. So gelang es der Britischen Armee, das System zu knacken, ohne dass die deutsche Seite dies mitbekam. „Ein Fakt von historischer Tragweite“, wie Eggenstein betont. „Schätzungen gehen davon aus, dass der Zweite Weltkrieg ohne die Entschlüsselung zwei bis vier Jahre länger gedauert hätte.“

Blick in die Ausstellungseinheit zur Spionage. Links hinten in der Vitrine Hasenjaegers Helm mit den Einschusslöchern.
Blick in die Ausstellungseinheit zur Spionage. Links hinten in der Vitrine Hasenjaegers Helm mit den Einschusslöchern. Foto: LWL/Schütze

1945 wurde Hasenjaeger inhaftiert, aber nach kurzer Gefangenschaft entlassen, ohne jemals von den Alliierten zu seiner Tätigkeit vernommen worden zu sein. Er setzte sein Studium der mathematischen Logik in Münster fort, wo er später Professor wurde. Erst in den 1970er Jahren erfuhr der Mathematiker von der Entschlüsselung durch die Briten. Dass die Deutschen die Schwächen ihres Systems unterschätzten, sah Gisbert Hasenjaeger im Nachhinein positiv: „Wäre es nicht so gewesen, dann hätte der Krieg vermutlich länger gedauert.“

Zu sehen sind in der Ausstellung neben einer Enigma mit vier Walzen eine Reihe von Exponaten aus dem Nachlass Hasenjaegers: Das Abiturzeugnis weist einen gesonderten Eintrag wegen seiner hervorragenden mathematischen Begabung auf. Sein Stahlhelm mit Ein- und Austrittsöffnung des Projektils erinnert an eine Kopfverletzung bei einem Einsatz an der Ostfront 1942. Ein kurz vor seinem Tod im Jahr 2006 entstandenes Foto zeigt Hasenjaeger noch einmal bei der Arbeit mit einer Enigma.

Alles nur geklaut? Die abenteuerlichen Wege des Wissens

Die Ausstellung „Alles nur geklaut?“ zeigt im LWL-Industriemuseum Zeche Zollern, Dortmund an Beispielen aus Geschichte und Gegenwart, wie Wissen geschaffen, geteilt und geschützt wird. Sie veranschaulicht damit die Entstehung der modernen Wissens- und Informationsgesellschaft. Auf 1.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche lernen Besucherinnen und Besucher Götter, Erfinder, Spioninnen und Whistleblower kennen. 3D-Hologramme erwecken historische Personen zum Leben. Das Spektrum der Exponate reicht vom 4.000 Jahre alten Scheibenrad über eine BH-Minikamera und die Verschlüsselungsmaschine Enigma bis hin zur elektronischen Fußfessel. Abenteuer und Rätselspaß versprechen die sechs Escape-Rooms in der Ausstellung. Kleine Gruppen müssen gemeinsam Aufgaben lösen, damit sich die Tür zur nächsten geheimen Kammer des Wissens öffnet. Auch im Sachverständigenlabor für Original und Nachahmung ist Mitmachen gefragt. Und wer will, kann Selfies in eine Cloud schicken, die über den Köpfen der Gäste schwebt. Objekte zum Anfassen, Hörstationen und ein barrierefreier Zugang machen die Schau für alle Menschen zum Erlebnis. mehr Info

Quelle: