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'Woyzeck' begeistert im Schauspielhaus Bochum

Was für ein Zirkus!

Der einfache Soldat Friedrich Johann Franz Woyzeck (Nestroy-Preis für Steven Scharf) verfällt immer mehr düsteren Visionen: Vom Hauptmann (Daniel Jesch, nun Jordy Vogelzang) und den anderen Kameraden gedemütigt, vom Regimentsarzt (Falk Rockstroh, nun: Martin Horn) zu medizinischen Experimenten missbraucht und von der Geliebten Marie (Anna Drexler), der Mutter seines Kindes, mit dem Tambourmajor (Guy Clemens) betrogen, weiß er keinen anderen Ausweg als zum Messer zu greifen. „Ein guter Mord, ein ächter Mord, ein schöner Mord, so schön als man ihn nur verlangen kann“, kommentiert der Polizeikommissar in einer Szene, die es in der Insel-Ausgabe nur in die Paralipomena gebracht hat.

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Im Schauspielhaus Bochum, wo die bereits 2019 mit dem Wiener Burgtheater koproduzierte und mit dem Nestroy-Preis ausgezeichnete Inszenierung des Hausherrn Johan Simons am Samstag (15.4.2023) begeistert aufgenommene Premiere feierte, spricht der Hauptmann diesen Satz. Was auch daran liegt, dass Koen Tachelet für seine Textfassung kräftig den Rotstift eingesetzt hat beim Figurenarsenal (u.a. fallen Andres, Margret und der Narr weg) sowie beim Text (gut ein halbes Dutzend Szenen sind gestrichen).

Uraufführung 1913 in München

Der 23-jährige Georg Büchner schrieb das auf einem authentischen Leipziger Fall aus dem Jahre 1821 basierende „Fragment in Prosa“ 1836 in Zürich als letztes Drama vor seinem Tod. 1879 von Karl Emil Franzos aus Büchners handschriftlichem Nachlass herausgegeben, ist „Woyzeck“ kein Theaterstück im traditionellen Sinn, sondern besteht aus vier sich überschneidenden und ergänzenden Bruchstücken. So war die Uraufführung 1913 im Münchner Residenztheater auch nur eine Momentaufnahme: Jeder Regisseur bestimmt durch Auswahl und Reihenfolge der Szenen den Charakter des Stücks selbst.

Einmal Zirkusdirektor sein: Der überragende Steven Scharf wurde für seine Rolle als Woyzeck mit dem österreichischen „Nestroy“-Theaterpreis ausgezeichnet.

In Bochum ist, zumindest in den letzten Jahrzehnten, „Woyzeck“ nur ein einziges Mal auf dem Spielplan aufgetaucht: Vor zwölf Jahren brachte Anselm Weber die neunzigminütige Inszenierung seines Hausregisseurs David Bösch von Essen mit an die Königsallee. Darin hatte nicht der Hauptmann das erste Wort, sondern der Marktschreier, den Krunoslav Sebrek noch vor geschlossenem Vorhang als mit Wundmalen übersäte, vollständig bandagierte Verkörperung der „Wunde Woyzeck“ gab, von der Heiner Müller 25 Jahre zuvor in seiner Dankesrede für den Erhalt des Büchner-Preises gesprochen hatte.

Arme Kerle, Mörder und Serienmörder

Die deutsche Geschichte als blutiger Reigen armer Kerle, Mörder und Selbstmörder, als eine flammend-germanische Tragödie des Tötens und des Sterbens – von Kriemhild über Kleist und Kafka bis hin zu Stalingrad und Ulrike Meinhof. Die „Tambourmajore der Welt“, die unseren Planeten verwüsten, so Heiner Müller und David Bösch, seien die Sieger in dieser Tragödie. Sie hätten keine Angst vor jenem von ihnen vielleicht bald entzündeten Feuer, das einst Woyzeck ängstigte: „Ein Feuer fällt um den Himmel und ein Getös herunter wie Posaunen. Wie’s heraufzieht! Fort! Sieh nicht hinter dich.“

Johan Simons hat zusammen mit seinen Ausstattern Stéphane Laimé (Bühne) und Greta Goiris (Kostüme) einen völlig konträren Ansatz gewählt für das sich bei Büchner auch in der Sprache ausdrückende Exzessive und Fragmentarische: Er siedelt seine Parabel über die geschundene Titelfigur, die er „ein Stück des Scheiterns“ nennt, in der Welt des Zirkus an. Was schon beim Prolog beginnt: Der strahlenförmige Vorhang dient als Projektionsfläche für historische Aufnahmen aus einer Zeit, in der in der Manege neben halsbrecherischer Artistik auch heute verpönte Tierdressuren bestaunt werden konnten.

Ensemble-Gast aus Holland

„Hepp!“ (aber ohne Orchester-Tusch): Den schmalen Durchlass passiert zuerst mit Jordy Vogelzang ein weiterer Ensemble-Gast aus Holland als vergleichsweise schmächtiger Hauptmann. Gegen ihn wirkt der Titeldarsteller Steven Scharf geradezu hünenhaft, der erst einmal, einstürzende Zeltbauten, den Vorhang niederreißt und so den Blick freigibt auf die im Halbkreis der Manege sitzenden Mitspieler. Bevor Franz Woyzeck gladiatorenmäßig das Gestänge zum Einsturz bringt – und den bis auf eine über den Bauchnabel gezogene rote Hose und weiße Socken nackten Tambourmajor des Guy Clemens als Poser lächerlich macht.

Kein Familienidyll: Woyzeck (Steven Scharf), Marie (Anna Drexler) und ihr Kind. Im Hintergrund Jordy Vogelzang.

Ein Mann wie ein Baum? Da muss der grazile Irrwisch von Marie, der diese Worte der gestrichenen Margret in den Mund gelegt werden, auf beiden Augen blind sein. Dabei hat sie sich gerade noch scheckig gelacht über einen Taschentuch-Zaubertrick Woyzecks. Während sich ihr Objekt der Begierde zum Affen macht, bewegt sich der Vater ihres hier warum auch immer nur durch ein Drahtgestell symbolisierten Kindes wie ein Dressurpferd: Piaffe rückwärts. Büchners „Woyzeck“ als Circus-Show: klingt so aberwitzig wie Johan Simons stetige Marotte, wenigstens einen männlichen Schauspieler in Frauenkleider zu stecken, hier Lukas von der Lühe als Großmutter.

Krude Erbsen-Tortur

Kann aber auf den zweiten Blick Sinn machen: die Gespräche mit Andres verlieren im circensischen Ambiente ebenso wenig wie die Marktschreier- und Budenbesitzer-Auftritte. Und die Drastik des körperlichen Spiels von Steven Scharf und Martin Horn in der Szene „Beim Doktor“ entspricht exakt der kruden Erbsen-Tortur, der sich Woyzeck für Geld unterzieht. Was auch für den Dialog des auf den Tambourmajor eifersüchtigen Woyzeck mit Marie in ihrer Kammer gilt: „Der Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn man hinunter schaut“. Johan Simons verlegt ihn in die Manege, in der Anna Drexler, Guy Clemens und ein nackter Steven Scharf wie Zirkuspferde an der Longe im Kreis laufen. Und Woyzeck, ursprünglich im Wirtshaus aus der Offenbarung des Johannes zitierend, fragt: „Warum bläst Gott nicht die Sonne aus?“

Dagegen reichen rote Granulatkörner auf dem Rücken Steven Scharfs völlig aus, um die blutige Auseinandersetzung mit dem Tambourmajor anzudeuten. Die in Bochum neunzigminütige Inszenierung ist voller starker Bilder: es wird Theater (vor-)gespielt, weshalb auch Marie am Ende nur scheinbar von Woyzecks – hier auch viel zu kleinem Messer – getötet wird. Und sogar noch in Entsprechung der letzten Szene („Am Teich“) das Tatwerkzeug eigenhändig weiter ins Wasser befördert, damit es im Sommer nicht von Badenden entdeckt wird. So einen „Woyzeck“ haben wir in der Tat noch nicht gesehen!

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Karten unter www.schauspielhausbochum.de oder Tel. 0234/3333 5555. Die nächsten Vorstellungen im Schauspielhaus Bochum:

  • Freitag, 28. April 2023, 19.30 Uhr
  • Samstag, 29. April 2023, 19.30 Uhr
  • Samstag, 20. Mai 2023, 19.30 Uhr
  • Mittwoch, 31. Mai 2023, 19.30 Uhr (mit Einführung um 19 Uhr)
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  • Freitag, 28. April 2023, um 19:30 Uhr
  • Samstag, 29. April 2023, um 19:30 Uhr
  • Samstag, 20. Mai 2023, um 19:30 Uhr
  • Mittwoch, 31. Mai 2023, um 19:30 Uhr
Montag, 17. April 2023 | Autor: Pitt Herrmann