Hilsdorfs „Il Trittico“ an der Rheinoper
Verachtet mir die Meister nicht
Giacomo Puccinis unter dem Titel „Il Trittico“ (Das Triptychon) zusammengefassten einaktigen Opern „Il Tabarro“ (Der Mantel), „Suor Angelica“ (Schwester Angelica) und „Gianni Schicchi“, in dieser Reihenfolge uraufgeführt am 14. Dezember 1918 an der Metropolitan Opera New York, waren in Analogie zu den drei Teilen „Inferno“, „Purgatorio“ und „Paradiso“ in Dantes „Divina comedia“ entstanden.
Nachdem nur „Gianni Schicchi“ beim Publikum Erfolg hatte, stimmte der Komponist einer Aufführung einzelner Teile zu. In Gelsenkirchen etwa, wo Dietrich W. Hilsdorf 1981 sein Opern-Regiedebut gab, wurde 2004 „Gianni Schicchi“ mit „Eine florentinische Tragödie“ Alexander von Zemlinskys und 2016 mit „Francesca di Rimini“ Sergej Rachmaninows verbunden. Aber auch, wer das Triptychon komplett aufführt, ändert zumeist die Reihenfolge – mit Ausnahme der Essener Aalto-Oper vor vier Jahren.
Regietheater-Maßstäbe
Verachtet mir die Meister nicht: Dietrich W. Hilsdorf hat mit seinem Mozart-Da Ponte-Zyklus in Gelsenkirchen und seinen nicht weniger spektakulären Verdi-Inszenierungen im Aalto-Theater Regietheater-Maßstäbe gesetzt. Und mit seiner großartigen, weil völlig zurückgenommenen Inszenierung aus dem Jahr 2003, die am 29. März 2026 bei der erneuten Wiederaufnahme im Düsseldorfer Opernhaus stürmisch gefeiert wurde, auf ganz andere Weise überrascht, hat sich der Altmeister doch mit einer Ausnahme in „Suor Angelica“ heute üblichen und zumeist nervigen Überhöhungen, Stilisierungen, Neuinterpretationen und Aktualisierungen enthalten.
Lebewohl Hoffnung
„Addio Speranza“: Lebewohl Hoffnung. Hilsdorf beginnt mit Commedia dell’arte, die sich in der bewusst kalten, karg ausgestatteten Bühne in den bunten Kostümen des Ausstatters Johannes Leiackers spiegelt. In der turbulenten florentinischen Erbschleicher-Komödie „Gianni Schicchi“ sitzen die potentiellen Erben des Buoso Donatis am Bett des Verstorbenen, der sein erhebliches Vermögen der Kirche vermacht hat.
So beauftragen sie den schlitzohrigen Schicchi (der stimmgewaltige usbekische Bariton Alexey Zekenkov brilliert auch als Michele im „Mantel“), in der Rolle des Toten dem herbeigerufenen Notar ein neues Testament zu diktieren. Was der Titelheld zu Gunsten seiner jungen Tochter Lauretta („O mio babbino caro“: die deutsch-griechische Sopranistin Anna Sophia Theil) und ihres Freundes Rinuccio (der deutsch-italienische Tenor Riccardo Romeo) manipuliert, die nun endlich heiraten können.
Großartiges Ensemble
Nach der ersten Pause verwandelt sich das Sterbezimmer in eine spartanische Klosterzelle mit unverputzten Wänden, in die nur wenig Licht von außen dringt: „Suor Angelica“ (die ungarische Sopranistin Sylvia Hamvasi rührt zu Tränen) ist von ihrer vornehmen Familie nach der Geburt ihres unehelichen Kindes verstoßen worden und daher auch unter ihren Mitschwestern nicht wohlgelitten, von der strengen Äbtissin (Ovationen für die russische Mezzosopranistin Maria Gulik als Gast) ganz abgesehen.
Als die eiskalte Fürstin (die rumänische Mezzosopranistin Ramona Zaharia) im Kloster erscheint, ihre Sänfte wird von Kreuzträgern in Ku-Klux-Klan-Vermummung getragen, um Angelica die Nachricht vom Tod ihres Kindes mitzuteilen und im gleichen Atemzug das Erbe neu zu regeln, bricht die Titelheldin zusammen.
Katharsis unterlaufen
Zu ihrem unter die Haut gehenden Gebet „Senza mamma, o bimbo, tu sei morto“ und Puccinis erschütternder (Chor-) Musik mischt sich Angelica ihren Todestrank: als gläubige Christin ist sie von der Vereinigung mit ihrem Kind im Himmel überzeugt. Wofür Hilsdorf eine von manchen Kritikern seinerzeit als so drastisch wie kitschig empfundene Überhöhung erfand, die jedoch bewusst ein kathartisches Mitleiden des Publikums unterläuft und damit zur vorbildllich klaren Inszenierung des Triptychons beiträgt.
Mord aus Sehnsucht
Den Schlussteil bildet die veristische Kurzoper „Il Tabarro“, welche im Schiffermilieu der Pariser Vorstadt Belleville (die Lagerhallen-Bühne nun mit Bullaugen und Eisentür) spielt: Seit sie vor einem Jahr ihr gemeinsames Kind verloren haben, ist die Ehe von Giorgetta (Ovationen für die irische Star-Sopranistin Celine Byrne als Gast) und Michele zerstört.
Während Letzterer sich in Arbeit stürzt, sehnt sich seine Frau nach Zärtlichkeit und Liebe, welche sie bei Luigi (der spanische Tenor Eduardo Aladrén) findet: In „È ben altro il mio sogno!“ singen beide von ihrer Sehnsucht nach einem beschaulichen Leben, das sie sich mit einem feigen Mord erkaufen wollen. Doch Michele kommt hinter das Verhältnis…
Noch mehr Hilsdorf-Puccini
Unter der musikalischen Leitung des italienischen Leonard Bernstein-Schüles Stefanio Ranzani überzeugt eine herausragende Ensemble-Besetzung, ergänzt nur um die beiden genannten, der Weltklasse zuzurechnenden Gäste über die volle Distanz von knapp vier Stunden einschließlich zweier Pausen.
Noch mehr Puccini in der Rheinoper: Dietrich W. Hilsdorfs „Tosca“-Inszenierung aus dem Jahr 2002, die am 16. Januar 2025 als einzige Produktion zum 100. Todestag des Komponisten völlig zu Recht mit stehenden Ovationen gefeierte Wiederaufnahme-Premiere in Düsseldorf feierte (halloherne berichtete), ist wieder ab Freitag, 3. Juli 2026 zu sehen, wobei die Vorstellung am Donnerstag, 16. Juli 2026 bereits ausverkauft ist.
Die weiteren „Il Trittico“-Aufführungen
- Montag, 6. April 2026, 18:30 Uhr
- Samstag, 11. April 2026, 19:30 Uhr
- Sonntag, 10. Mai 2026, 18:30 Uhr
Karten für die Triptychon-Vorstellungen gibt es unter operamrhein.de oder Tel 0211 – 8925211.
Vergangene Termine (3) anzeigen...
- Montag, 6. April 2026, um 18:30 Uhr
- Samstag, 11. April 2026, um 19:30 Uhr
- Sonntag, 10. Mai 2026, um 18:30 Uhr