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Verbotene Liebe: Paolo (Nenad Čiča) und Francesca (Susanne Serfling) in Sergej Rachmaninows Oper „Francesca da Rimini“.

Francesca da Rimini / Gianni Schicchi

Umjubelter Doppelabend in Gelsenkirchen

Dante Alighieris Weltroman „Divina Commedia“ („Die göttliche Komödie“) ist die Verbindung zwischen zwei höchst unterschiedlichen, jeweils nur einstündigen Opern, die das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier nun zu einem hochemotionalen Abend gebündelt hat. Der selten – und am MiR nun erstmals – gespielten Oper „Francesca da Rimini“ von Sergej Rachmaninow folgt nach der Pause Giacomo Puccinis herrlich satirische Familienfarce „Gianni Schicchi“, die vor gut zwanzig Jahren das letzte Mal am Kennedyplatz inszeniert worden ist (zusammen mit Alexander von Zemlinskys „Eine florentinische Tragödie“ nach Oscar Wilde).

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Beiden Titelfiguren begegnet Dante auf seinem Weg durch die Hölle. Unter der musikalischen Leitung von Giuliano Betta hat das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier nun beide Werke zu einem Abend zusammengestellt, völlig zu Recht gefeierte Premiere war am 31. Januar 2026. „No Exit“: Regisseur Manuel Schmitt (am MiR u.a. „Die Perlenfischer“, „Krabat“ und „Salome“) hat sich als verbindendes Motto für beide Stücke das berühmte Dictum Jean Paul Sartres „Die Hölle, das sind die anderen“ gewählt.

Francesca da Rimini

Lauter Erbschleicher im Hause Donati (v.l.): Khanyiso Gwenxane, Sergio Augusto, Yeeun Yeo, Yevhen Rakhmanin, Almuth Herbst, Simon Stricker, Philipp Kranjc und Anke Sieloff.

Klagende Töne aus dem Graben, Projektionen auf dem Eisernen: „Ohne mich bist du nichts.“ Im Prolog der am 24. Januar 1906 im Moskauer Bolschoi-Theater uraufgeführten Oper in zwei Szenen, deren Libretto Modest Tschaikowsky nach dem 5. Gesang des Inferno schrieb, aber auch durch einen realen Mordfall in Florenz um das Jahr 1275 inspiriert wurde, wandert Dante (Khanyiso Gwenxane) gemeinsam mit seinem Dichterkollegen Virgil (Philipp Kranjc) durch schaurige Höllenlandschaften. Frauen in bald blutgetränkten weißen Männer-Oberhemden werden unter Rotlicht von Herren in schwarzen Anzügen gedemütigt und geschlagen: Im Programmheft klärt MiR-Chefdramaturgin Larissa Wiectorek darüber auf, dass weltweit „durchschnittlich alle zehn Minuten eine Frau Opfer eines Femizids“ wird.

Dante und Virgil, von Carola Volles warum auch immer als distinguierte Engländer mit Hut und Schirm kostümiert, entdecken unter ihnen die von ihrem Gatten ermordete Francesca (mit Ovationen gefeiert: die Sopranistin Susanne Serfling als Gast). Sie hatte sich in Paolo (der serbische Tenor Nenad Čiča als Gast vom Theater Bielefeld) verliebt, als dieser stellvertretend für seinen Bruder Lanciotto Malatesta (Simon Stricker) um ihre Hand anhielt. Die auf halbe Höhe gezogene Cinemascope-Bühne Julia K. Berndts bewegt sich beinahe unmerklich, bis sich linkerhand unter dickem Nebel und kaltem Neonlicht tatsächlich ein Höllenschlund auftut: „Ich dachte, wenn ich still bin, hört es auf.“

Schwere Kost: Sergej Rachmaninow hat zu dieser tragischen Liebesgeschichte eine düster-dräuende, dabei aber durchaus farbenreiche Musik komponiert, die das Höllendasein sowohl der Titelfigur (gespeist wird an einer überlangen, an Wladimir Putins Psychospielchen erinnernden Tafel) als auch der ewig gequälten Seelen im Hades mindestens so effektvoll unterstreicht wie die Flammen-Symbolik der Ausstatterin.

Gianni Schicchi

Schicchi (der großartige britische Bariton Benedict Nelson) sorgt für seine Tochter Lauretta (Heejin Kim).

Aus der Ehe- in die Erbschafts-Hölle: Ausgangspunkt für Giovacchino Forzanos Libretto der am 14. Dezember 1918 in der New Yorker Metropolitan Opera uraufgeführten komischen Oper in einem Akt waren lediglich drei Verse aus dem 30. Gesang des Inferno, die von einem anonymen Florentiner des 14. Jahrhunderts fortgesponnen wurden. Der Titelheld (Ovationen für den europaweit gefragten britischen Bariton Benedict Nelson als Gast) nimmt die Rolle des gerade verstorbenen Buoso Donati ein, um dessen erheblichen Nachlass nicht wie im Testament vorgesehen einem Mönchskloster zukommen zu lassen, sondern unter den nächsten Verwandten aufzuteilen.

Dass Schicchi, der wie ein prolliger Strizzi daherkommt, nur bedingt den Wünschen der habgierigen Erbschleicher entspricht und sich selbst das Sahnestück vermacht, kommt zwei Liebenden zugute, womit sich ein weiterer Kreis dieses Gelsenkirchener Doppelabends schließt, diesmal mit glücklichem Ausgang: Rinuccio (der großartige Tenor Khanyiso Gwenxane), Neffe der herrischen Zita (einmal mehr auch darstellerisch eine Wucht: Ensemblekollegin Almuth Herbst), kann endlich Schicchis Tochter Lauretta (eine Bank: die MiR-Sopranistin Heejin Kim) heiraten.

„O mio babbino caro“: Giacomo Puccini zeigt sich als grandioser Komödiant, der die verlogene Trauer der Angehörigen musikalisch entlarvt in Form einer – aus heutiger Sicht – geradezu boulevardesken Gesellschaftssatire. Für die das Einheitsbühnenbild nur um wenige Büromöbel ergänzt werden musste und das MiR-Ensemble u.a. mit Anke Sieloff, Simon Stricker und Sergio Augusto genau die richtigen Gesangssolisten aufbieten kann.

Die weiteren Vorstellungen

  • Sonntag, 8. Februar 2026, 18 Uhr
  • Freitag, 27. Februar 2026, 19:30 Uhr
  • Sonntag, 8. März 2026, 16 Uhr
  • Samstag, 14. März 2026, 19 Uhr (anschl. Bargespräche)
  • Freitag, 27. März 2026, 19:30 Uhr
  • Donnerstag, 2. April 2026, 19:30 Uhr
  • Sonntag, 12. April 2026, 18 Uhr
  • Samstag, 25. April 2026, 19 Uhr
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Karten

Karten unter musiktheater-im-revier oder an der Theaterkasse unter Tel 0209 – 4097200.

Februar
8
Sonntag
Sonntag, 8. Februar 2026, um 18 Uhr MIR - Musiktheater im Revier, Kennedyplatz 1, 45881 Gelsenkirchen
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  • Freitag, 27. Februar 2026, um 19:30 Uhr
  • Sonntag, 8. März 2026, um 16 Uhr
  • Samstag, 14. März 2026, um 19 Uhr
  • Freitag, 27. März 2026, um 19:30 Uhr
  • Donnerstag, 2. April 2026, um 19:30 Uhr
  • Sonntag, 12. April 2026, um 18 Uhr
  • Samstag, 25. April 2026, um 19 Uhr
Montag, 2. Februar 2026 | Autor: Pitt Herrmann