Tatort „Verbrannt“ erschreckend real

Wotan Wilke Möhring bezieht Position

Falke (Wotan Wilke Möhring) macht sich große Vorwürfe.
Falke (Wotan Wilke Möhring) macht sich große Vorwürfe. Foto: WDR/NDR/Alexander Fischerkoesen

Verbrannt, der vor der TV-Premiere am 11. Oktober 2015 im „Ersten“ bundesweit in 160 Kinos gezeigte „Tatort“ des Norddeutschen Rundfunks mit dem Herner Schauspieler Wotan Wilke Möhring, erzählt eine unglaubliche Geschichte vor leider sehr realem Hintergrund: Ein afrikanischer Flüchtling ist nach seiner irrtümlichen Festnahme unter ungeklärten Umständen in der Gefängniszelle einer Polizeiwache qualvoll verbrannt.

In einer niedersächsischen Kleinstadt, gedreht wurde in Salzgitter, beschatten die Bundespolizisten Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) einen afrikanischen Asylbewerber, der verdächtigt wird, für eine Schleuserbande mit gefälschten Pässen zu handeln. Beim Versuch der Festnahme wird Bashiir (Alois Moyo) gegen Katharina Lorenz handgreiflich, sodass es zu einer heftigen körperlichen Auseinandersetzung zwischen Falke und dem Verdächtigen kommt. Der vermeintliche Schleuser wird über Nacht in Polizei-Gewahrsam genommen, um am nächsten Tag verhört zu werden.

Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) und Falke (Wotan Wilke Möhring) betreten die Zelle des Verstorbenen.
Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) und Falke (Wotan Wilke Möhring) betreten die Zelle des Verstorbenen. Foto: WDR/NDR/Alexander Fischerkoesen

Am Morgen erfahren Falke und Lorenz, dass es nachts zu einem Unglück gekommen ist, bei dem der Mann unter noch ungeklärten Umständen starb. Die Polizisten um den Dienststellenleiter Martin Werl (Werner Wölbern) behaupten, dass er sich selbst angezündet hat, obwohl er durchsucht und an Händen und Füßen gefesselt worden war. Auch wenn sie für den Fall eigentlich nicht zuständig sind, beginnen Falke und Lorenz auf eigene Faust mit den Ermittlungen. Die sich für ihre Vorgesetzten in Hamburg allzu lange hinziehen, denn es wartet bereits der nächste Fall auf das inzwischen nicht nur beruflich gut aufeinander eingestimmte Team – im dänischen Aarhus, der zweitgrößten Stadt des nördlichen Nachbarn.

Lorenz und Falke, der sich eine gewisse Mitschuld am Tod Bashiirs gibt, weil er seiner Kollegin mit allzu heftigen Mitteln beigesprungen ist, verhören die beiden Beamten, die in der Nacht Dienst hatten. Und stoßen bei Mehmet Mutlu (Taner Sahintürk) und seiner Kollegin Maria Sombert (Annika Kuhl) auf eine Mauer eisigen Schweigens. Der Tote soll sich selbst angezündet haben? In der Tat wird in der Zelle ein verkohltes Feuerzeug gefunden. Aber Ronny Kaminski (Max Hopp), der Bashiir am Abend vor der Einweisung durchsucht hat, ist sich sicher: „Da war kein Feuerzeug.“

Während sich Katharina Lorenz auf dem Grillabend, den der Dienststellenleiter regelmäßig gibt, um das Gemeinschaftsgefühl der Wache zu stärken, umhört und selbst aus Andreas Kohler (Julius Feldmeier), den sie von einem gemeinsamen Seminarbesuch kennt, nichts herausbekommt, macht sich Thorsten Falke im Asylantenwohnheim auf die Suche nach Angehörigen des Toten. Und wird überraschend fündig: Bashiir hatte ein Kind zusammen mit der Tochter des Polizeiarztes Dr. Arnold (Peter Jordan), das sie auf Geheiß des Vaters abgeben musste. Als Falke vor der Tür seines Hotelzimmers eine Computer-Speicherkarte findet, kommt der inzwischen zum Felsbrocken angewachsene Stein endlich in Rollen...

Der NDR-Tatort „Verbrannt“ von Stefan Kolditz (Buch) und Thomas Stuber (Regie) bezieht sich auf den realen Fall von Oury Jalloh aus Sierra Leone, der 2005 in Dessau/Sachsen-Anhalt im Polizeigewahrsam verbrannt ist. Ein Skandal, der bis heute nicht aufgeklärt ist. Die involvierten Beamten wurden nur wegen unterlassener Hilfeleistung „zu obszön lächerlichen Strafen verurteilt“, so Stefan Kolditz. „Wenn ich dann lese, wie sich die Beamten verhalten haben, und ihre Ausflüchte höre, warum sie den Mann nicht gerettet haben, packt mich wirklich die kalte Wut“, so der Autor. Was nicht weiter verwundert, ist dieser Fall doch nur ein Glied einer langen Kette von Vorfällen, die den Rechtsstaat Deutschland auf Bananenrepublik-Niveau drücken.

„Ich brauch' niemanden, der mich anstiftet, Neger anzuzünden“ wird am Ende der Täter verkünden, bevor er seinem Leben selbst ein Ende setzt. „Verbrannt“ ist ein authentischer, wenn auch nicht gerade über die volle Distanz spannender „Tatort“, der seinen besonderen Reiz auch aus der im übrigen aus meiner Sicht bedauernswerten Tatsache gewinnt, dass das Duo Wotan Wilke Möhring und Petra Schmidt-Schaller nun eigene Wege geht und der Herner mit Franziska Weisz eine neue Partnerin an die Seite gestellt bekommt. Stefan Kolditz hat diesen Abschied erfreulich unspektakulär und doch nicht ohne Hintergrund ins Drehbuch geschrieben: angesichts des Ermittlungsverlaufes tief in der niedersächsischen Provinz kommen Katharina Lorenz starke Zweifel an ihrem Beruf.

Wotan Wilke Möhring bezieht Stellung: „Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass keiner gern seine Heimat verlässt, um sich in Deutschland irgendwie durchzuschlagen. Uns geht es so gut, dass wir die Möglichkeiten haben, für andere eine Heimat zu sein. Diese Szenen sind deshalb wichtig, weil man sieht, dass hinter dem Fall ein menschliches Schicksal steckt. Der Mann hat Familie gehabt, auch in Deutschland, er träumte von einem anderen Leben, er wollte Fußball spielen. Tausende Flüchtlinge kommen zu uns, aber diese Zahlen sagen nichts darüber aus, was Flucht und Asyl für den Einzelnen bedeutet. Vielleicht kann unser Film ein wenig dazu beitragen, dass wir, statt der Zahlen, mehr die persönlichen Lebensgeschichten in den Blick nehmen.“

Der Tatort „Verbrannt“ wird am Donnerstag, 16. April 2020, um 20:15 Uhr im WDR-Fernsehen (3. Programm) ausgestrahlt und ist zudem ab sofort in der ARD-Mediathek abrufbar.

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Donnerstag, 16. April 2020, um 20:15 Uhr
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