Ruhrtriennale startet am 21. August 2019

Schon über die Hälfte der Karten verkauft

Der „Third Space“ wird gebaut.
Der „Third Space“ wird gebaut. Foto: Pitt Herrmann

Am Mittwoch, 21. August 2019, startet die Ruhrtriennale mit Christoph Marthalers neuer Kreation Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend im Auditorium Maximum der Ruhr-Universität Bochum. Im zweiten Jahr der Intendantin Stefanie Carp werden 35 Produktionen und Projekte in 14 unterschiedlichen Spielstätten in Bochum, Duisburg, Essen und Gladbeck gezeigt, davon 14 Ur- und Deutsche Erstaufführungen. Das aufwändigste Projekt des sechswöchigen Festivals der Künste hat am 5. September in der Bochumer Jahrhunderthalle Premiere: Evolution ist die Koproduktion mit den Bochumer Symphonikern unter Steven Sloane, dem Proton-Theater Budapest und dem Lettischen Staatschor betitelt, in deren Mittelpunkt György Ligetis Requiem aus dem Jahr 1965 steht.

Von den 36.000 Tickets, die in den Verkauf gelangen, sind eine Woche vor dem Beginn bereits mehr als die Hälfte vergeben. Zu den besonders stark nachgefragten Produktionen gehört der Auftakt von Christoph Marthaler (Regie), Stefanie Carp (Konzeption, Texte) und dem musikalischen Leiter Uli Fussenegger: Nach den letzten Tagen stellt Kompositionen unter anderem von Viktor Ullmann, Jósef Koffler, Fritz Kreisler und Erwin Schulhoff vor, die zum großen Teil im Konzentrationslager Theresienstadt entstanden sind. In Fortführung eines vor sieben Jahren in Wien begonnenen Projektes verwebt Marthaler die Werke von Komponisten, die während des Nationalsozialismus deportiert, ermordet und in die Emigration gezwungen wurden, zu einer dystopischen Zukunftsvision. Zum Ensemble gehören auch die Schauspieler Josef Ostendorf und Bettina Stucky sowie die Sängerin Tora Augestad. Weitere Aufführungen im imaginierten Parlament des Audimax bis einschließlich 1. September 2019.

Stefanie Carp, Intendantin der Ruhrtriennale 2018-20.
Stefanie Carp, Intendantin der Ruhrtriennale 2018-20. Foto: Daniel Sadrowski

Der Schauspiel-Bereich startet am 22. August 2019 in der Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck mit einer Uraufführung: Der belgische Theatermacher Jan Lauwers und seine Brüsseler Needcompany erzählen in All the good biografische Geschichten um Verlust und Hoffnung. Im Mittelpunkt steht der ehemalige israelische Elitesoldat und Kriegsveteran Elik Niv, der nach einem schweren Unfall und langer Rehabilitation professioneller Tänzer wurde (Aufführungen bis 7. September 2019).

Mit der europäischen Geschichte der letzten einhundert Jahre setzt sich Heiner Goebbels in seinem Musiktheater Everything that Happened and Would Happen auseinander, das in Manchester uraufgeführt wurde und seine Deutsche Erstaufführung am 23. August 2019 in der Jahrhunderthalle Bochum erlebt: Tänzer, Performer und Musiker setzen den Text Europeana des tschechischen Autors Patrik Ouředník multimedial um (Aufführungen bis 26. August 2019).

In der Trichterebene der Mischanlage auf Zeche Zollverein in Essen (Areal C, Arendahls Wiese/Ecke Fritz-Schupp-Allee) beschäftigt sich der US-amerikanische Künstler Tony Cokes mit Sound und anderen Medien in seiner Multimedia-Installation Mixing Plant, die am 22. August 2019 um 17 Uhr eröffnet wird und bei freiem Eintritt bis zum 29. September 2019 (Di-So 12-20 Uhr) besichtigt werden kann. Cokes setzt sich mit den politischen Bezügen regionaler und internationaler Clubmusik auseinander und verwebt animierten Text, gefundenes Bildmaterial, monochrome Farbflächen und Popmusik zu einer Mehrkanal-Installation. Auch zu den sonntags um 15 Uhr beginnenden Gesprächen über Kunst und dem musikalischen Rahmenprogramm ist der Eintritt frei.

Stichwort freier Eintritt: Zahlreiche Veranstaltungen, allein mehr als dreißig im „Third Space“, der gerade auf dem Vorplatz der Bochumer Jahrhunderthalle entsteht, sind kostenlos. Insgesamt stehen während der sechswöchigen Ruhrtriennale 30.000 kostenlose Plätze zur Verfügung! Für Third Space hat das hauptstädtische Künstler- und Architektenkollektiv raumlaborberlin Teile des bei der Bundeswehr nur „Jumbo“ genannten Transall-Transportflugzeugs neu angeordnet, um einen Ort für Kunst und Begegnungen zu schaffen. Zum vielfältigen Programm gehören Workshops, Performances, Konzerte, Lesungen und Partys, aber auch das neue kulinarische Format Dialog am Schneidebrett, bei dem auch ein Kirgisischer Räucherofen zum Einsatz kommt.

Im Third Space ist auch ein Teil der Video-Installation Solidarität - Archive of Messages: Words in Motion der Bühnenbildnerin Barbara Ehnes zu finden, die eine Brücke zwischen dem krisenerfahrenen Griechenland und dem mitten im Strukturwandel befindlichen Ruhrgebiet schlägt. Ihre Interviews mit Einzelpersonen und subkulturellen Initiativen sind als beständig wachsendes Archiv während des Festivals auch im Glaspavillon des Modehauses Baltz an der Bongardstraße 42-56 in der Bochumer Innenstadt und sowie an fünf Stationen entlang der Rottstraße am Rande des Bermuda-Dreiecks zu sehen.

Ebenfalls frei zugänglich ist die architektonische Sound-Installation Bergama Stereo des türkischen Künstlers Cevdet Erek, die eine Nachbildung des berühmten und wegen Restaurierungsarbeiten derzeit nicht zugänglichen Pergamon-Altars auf der Berliner Museumsinsel zeigt. Dabei wird der Gigantenfries des Altars ersetzt durch monumentale, vom Berliner Kult-Klub Berghain her bekannte Lautsprecher, die den Raum – auch bei speziellen Performances – im 34-Kanal-Sound beschallen. Auf der Vernissage bespielen Cevdet Erek, Deneç und Saba Arat traditionelle Davul-Zylindertrommeln.

Zu den Höhepunkten der Ruhrtriennale zählt zudem Henry Purcells Barockoper Dido and Aeneas in einer Remembered-Fassung der Opera de Lyon (ab 28. August 2019 im Landschaftspark Duisburg-Nord), die um eine Variation der Arie „Remember me“ des finnischen Jazz-Gitarristen Kalle Kalima ergänzt wurde und von David Marton inszeniert wird. Auch wenn einige Vorstellungen bereits ausverkauft sind, gibt es für die meisten Produktionen noch Karten unter ruhrtriennale.de oder Tel. 0221 – 28 02 10.

Autor: