Risikogruppe ohne erhöhtes Risiko?

Rheumapatienten erkranken offenbar nicht häufiger an Corona

Prof. Dr. Jürgen Braun.
Prof. Dr. Jürgen Braun, Ärztlicher Direktor des Rheumazentrum Ruhrgebiet. Foto: St. Elisabeth Gruppe

Ein meist höheres Lebensalter, verschiedene Vorerkrankungen, eine Therapie mit Medikamenten, die das Immunsystem hemmen: Rheumapatienten gelten aufgrund dieser Risikofaktoren als besonders gefährdet an Covid-19 zu erkranken. In einer Studie haben Prof. Dr. Jürgen Braun, Ärztlicher Direktor des Rheumazentrum Ruhrgebiet, und sein Team daher eine große Zahl von Patienten der Fachklinik befragt, ob diese sich mit dem Coronavirus infiziert haben und wie die Infektion verlaufen ist. Die Ergebnisse legen nahe, dass für Patienten mit einer chronisch-entzündlichen rheumatischen Erkrankung kein erhöhtes Risiko besteht, an Covid-19 zu erkranken. Das Ergebnis bestätigt Studien aus anderen Ländern, teilte die St. Elisabeth-Gruppe am Donnerstag (10.9.2020) mit.

Zwischen April und Juni 2020 wurden im Rahmen der Studie 917 Patienten aus Nordrhein-Westfalen, die im Rheumazentrum behandelt werden, befragt. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer lag bei 54 Jahren, die durchschnittliche Dauer der rheumatischen Erkrankung betrug 12 Jahre, 60 Prozent der Befragten waren weiblich. Ein Großteil der Patienten leidet an axialer Spondyloarthritis, Psoriasisarthritis oder rheumatoider Arthritis – Erkrankungen, bei denen Gelenke in Händen und Füßen sowie die Wirbelsäule von Entzündungen betroffen sein können.

„Zur Behandlung der Erkrankung nehmen diese Patienten sogenannte Basis­medikamente ein, deren Wirkung das Immunsystem beeinflusst, um die Entzündungen zu unterdrücken“, erklärt Prof. Braun. Auch Kortison-Präparate werden zur Behandlung der rheumatischen Entzündungen eingesetzt – in höherer Dosis kann das Immunsystem dadurch geschwächt werden. Dies ließ vermuten, dass immunsuppressiv behandelte Rheumapatienten ein höheres Risiko haben, sich mit dem Coronavirus zu infizieren und einen schwereren Krankheitsverlauf der Covid-19-Infektion zu haben.

Nur wenige Infizierte unter den Befragten

Bei der Auswertung der Telefoninterviews stellten die Forscher hingegen fest, dass sich nur drei der befragten Patienten im untersuchten Zeitraum mit dem Coronavirus infiziert hatten – alle mit milden Symptomen. Bei 62 Befragen war im Zeitraum der Befragung ein Coronatest gemacht worden. 352 Patienten hatten sich auf Antikörper testen lassen – nur bei fünf von ihnen konnten Antikörper gegen das Virus festgestellt werden.

Vergleicht man die Zahlen der Rheumapatienten mit denen von ganz Nordrhein-Westfalen, fällt auf, dass die Befragten kein höheres Infektionsrisiko aufweisen als die Gesamtbevölkerung. „Unsere Zahlen stehen damit in Übereinstimmung mit den meisten Studien aus anderen Ländern – nur in einer spanischen Studie haben die Ergebnisse gezeigt, dass Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen eine höhere Infektionsrate aufwiesen“, so Prof. Braun.

Behandlung an Pandemie angepasst

Einen Hauptgrund für die niedrigen Infektionszahlen in der untersuchten Patientengruppe sehen die Herner Forscher darin, dass die Patienten einfach besonders vorsichtig waren. So hatten bereits im April etwa 30 Prozent der Befragten in Rücksprache mit ihrem Arzt vorsichtshalber ihre Medikation reduziert oder sogar komplett eingestellt. Dabei wurden vor allem die biologischen Basismedikamente wie z. B. die sogenannten TNF-Blocker reduziert. Dem gegenüber steht ein anderer Teil der Patienten, der die Medikation nicht verändert oder sogar erhöht hat, weil die Krankheitsaktivtät es nicht anders zuließ. Um das Ergebnis dieser Änderungen der Medikation genauer einschätzen zu können, planen Prof. Braun und seine Kollegen weitere Studien, die auf den ersten Ergebnissen aufbauen.

Die rheumatologische Fachgesellschaft DGRh empfiehlt inzwischen eindeutig, die Medikation wegen der Pandemie nicht zu verändern. Dass immunsuppressive Medikamente für die niedrigen Infektionszahlen verantwortlich sind, ist immunologisch sehr unwahrscheinlich. „Dennoch ist es aber durchaus möglich, dass bestimmte entzündungshemmende Medikamente vor schweren Verläufen einer Infektion wie bei Covid-19 schützen, weil sie eine zu starke Entzündungs­reaktion des Körpers unterdrücken können“, erklärt Prof. Braun. Starke Kortison-Präparate wurden bereits erfolgreich in der Therapie von sehr schweren Covid-19-Infektionen eingesetzt. Auch bei anderen Infektionserkrankungen wie etwa bei der bakteriellen Meningitis kommen solche Präparate zum Einsatz.

Die Studie wurde in der Zeitschrift „Annals of the Rheumatic Diseases“, dem international wichtigsten rheumatischen Fachmagazin, veröffentlicht. Vor der Veröffentlichung werden solche Studien durch unabhängige Experten überprüft, um die Qualität zu sichern.

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