Nicht wie ihr

Mittendrin statt nur dabei

v.l. Anpfiff im Wattenscheider „Wohnzimmer“ der SG 09: Anne Rietmeijer, Konstantin Bühler und Karin Moog.
v.l. Anpfiff im Wattenscheider „Wohnzimmer“ der SG 09: Anne Rietmeijer, Konstantin Bühler und Karin Moog. Foto: China Hopson

„Die Frage ist nicht, ob man den Fußball liebt, sondern ob man den Fußball braucht.“ Und: „Um gut zu werden, muss man den Fußball nicht lieben, man muss ihn aushalten.“ Worte eines gestandenen Kickers, der es wissen muss: Ivo Trifunović. Der es von der österreichischen über den Hamburger SV in die deutsche Bundesliga und bei Real Madrid in die spanische „La Liga“ geschafft hat und nun beim Londoner Spitzenclub Chelsea in der Premier League unter Vertrag steht. Mit Zwanzig hat er schon in der Champions League gespielt, später mit der österreichischen Nationalmannschaft an der Europa- und Weltmeisterschaft teilgenommen.

Ivos Familie kommt aus Serbien, er selbst ist in Wien aufgewachsen. Er liebt seine bosnische Oma und seine Kumpels aus den „Käfigen“, den umzäunten innerstädtischen Hartplätzen, in denen alles angefangen hat. Und natürlich liebt er seine Frau Jessy, die beiden Kinder – und den Luxus auf vier Rädern. „Ich hab‘ dir gesagt, du sollst nicht mit dem Bugatti kommen!“ beschwert sich Jessy beim Supermarkt-Einkauf in Fulham über sein provokantes, Neid hervorrufendes Machoverhalten. Dabei ist Ivo mit nunmehr 27 Jahren nicht mehr der Jüngste, und wie lange er noch 100.000 Euro in der Woche kassiert, ist höchst fraglich.

v.l. Live-Musik mit Sampler in der Halbzeitpause: Karin Moog, Konstantin Bühler und Anne Rietmeijer.
v.l. Live-Musik mit Sampler in der Halbzeitpause: Karin Moog, Konstantin Bühler und Anne Rietmeijer. Foto: China Hopson

Apropos Warten auf dem Supermarkt-Parkplatz. Gerade hat er sich noch Gedanken über endlose Besprechungen in ebensolchen Trainings- und Regenerationseinheiten, über wütende Trainer und verfressene Funktionäre gemacht, da läuft ihm urplötzlich die Göttin seiner Jugend vor die Luxuskarosse – Mirna. Er kann fortan nur noch an sie denken, legt heimlich wieder die Cassette mit den Songs der Playlist ein, die Mirna ihm vor zehn Jahren nach ihrem ersten Date geschickt hat – und trifft sich mit ihr im Hotel. Mit Folgen: Ivo, inzwischen bei Roma unter Vertrag, wirkt auch auf dem Platz unkonzentriert, sodass ihm der Schiedsrichter nach einem groben Foul die Rote Karte zeigt…

Der aus einem Uniseminar entstandene 300-Seiten-Roman „Nicht wie ihr“ verschaffte dem Wiener Debütanten Tonio Schachinger eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis 2019 (Shortlist). Seine fiktive Figur Ivo Trifunović hat mit Marko Arnautović, 1989 in Wien geborener Sohn eines Serben und einer Österreicherin, ein reales Vorbild: Der kam, obwohl Jugend-Nationalspieler, in der österreichischen Bundesliga nicht zurecht - zu groß der Eigensinn des Exzentrikers für eine Mannschaftssportart wie Fußball. Das änderte sich im Ausland: Über holländische Clubs kam Arnautović zu Inter Mailand, Werder Bremen, Stoke City und West Ham United schließlich zum FC Bologna - und in die österreichische Nationalmannschaft.

Der Münchner Regisseur Malte Jelden und die Bochumer Dramaturgin Dorothea Neweling haben aus dem Roman, der aus Ivos Perspektive erzählt wird, eine so emotional-spannungsreiche wie hintergründig-witzige 70-minütige Skizze für drei nervenstarke Schauspieler destilliert, die in artifiziellen Sportklamotten Sophia Deimels auf einer kleinen Podiumbühne mitten im Publikum agieren und sich im fliegenden Wechsel die Rollen teilen: Konstantin Bühler, Karin Moog und die auch musikalisch überzeugende Anne Rietmeijer. Der Schwerpunkt liegt nun auf der Liebesgeschichte zwischen Ivo und Mirna, aus der sich die anderen Themen wie die Kommerzialisierung des Profi-Sports, der Narzissmus seiner Protagonisten und letztlich auch der Männlichkeitswahn speziell im Fußball entwickeln.

Nach der heftig umjubelten Uraufführung im „Wohnzimmer“ der SG Wattenscheid 09 tourt diese außergewöhnliche Produktion zunächst durch Bochumer Vereinsheime, wobei das in erzählerischen wie szenischen Passagen ungemein präsente Darsteller-Trio auch gern Einladungen von Fußball-Clubs außerhalb Bochums annimmt. Einzige Voraussetzung: Es müssen mindestens vierzig Zuschauerplätze vorhanden sein.

Die nächsten Aufführungen, für die es noch Karten im Vorverkauf gibt: Am Freitag, 13. Mai 2022, um 19.30 Uhr im Deutschen Fußballmuseum Dortmund, Platz der Deutschen Einheit 1 (am Hauptbahnhof). Anschließend findet ein Publikumsgespräch u.a. mit dem Autor Tonio Schachinger aus Wien und Bochums bis Mitte 2026 frisch verlängertem Schauspielhaus-Intendanten Johan Simons statt. Sowie am Freitag, 10. Juni 2022, um 19 Uhr in der Stadtwerke-Lounge des Bochumer Ruhrstadions, Castroper Straße 145. Karten über die Homepage schauspielhausbochum.de mit Weiterleitung etwa zum Deutschen Fußballmuseum Dortmund.

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Freitag, 10. Juni 2022, um 19 Uhr Bochumer Ruhrstadion , Castroper Straße 145 , Bochum
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