Neu im Kino: Schachnovelle

Bartok (Oliver Masucci) tanzt mit seiner Frau Anna (Birgit Minichmayr).
Bartok (Oliver Masucci) tanzt mit seiner Frau Anna (Birgit Minichmayr). Foto: Studiocanal / Julia Terjung

Rotterdamer Hafen. Am Kai liegt ein Ozeanriese, der einen gewissen Herrn von Molln nach New York schippern soll. Dieser wird von einer gewissen Anna überschwänglich als Josef angerufen und umarmt. Sie teilt mit ihm die karge Kabine 402 mit Doppelbett, ist offensichtlich besseres gewohnt, darob aber nicht ärgerlich: „Kein Palast, ist ja nur für ein paar Tage.“ Und beim Abendessen prostet sie ihrem stark zitternden Gegenüber voller Optimismus zu: „Auf unser neues Leben. ‚Enjoy‘ sagt man dort.“

Rückblick, Wien im März 1938: In der Otto-Wagner-Villa lässt sich der Rechtsanwalt und Notar Dr. Josef Bartok (Oliver Masucci) vom Hauspersonal am Telefon verleugnen, um mehr Zeit mit seiner Gattin Anna (Birgit Minichmayr) zu verbringen. Politik ist in dem hochherrschaftlichen Jugendstil-Ambiente nicht das Thema, schließlich will Bundeskanzler Kurt Schuschnigg eine Volksbefragung durchführen lassen, über deren Ausgang pro Österreich und gegen Adolf Hitlers Machtanspruch, seine Heimat „heim ins Reich“ zu holen, es für den Alleininhaber der Kanzlei Bartok & Sohn keinen Zweifel gibt. Die aktuelle „Schwanensee“-Premiere in der Staatsoper ist viel interessanter – und abends geht’s zum Ball.

McConnor (Rolf Lassgård, hinten, rechts) bittet Bartok (Oliver Masucci, vorne, rechts) die Partie mit Czentovic (Albrecht Schuch, vorne links) weiterzuspielen (hinten, links Samuel Finzi in seiner Rolle als Alfred Koller).
McConnor (Rolf Lassgård, hinten, rechts) bittet Bartok (Oliver Masucci, vorne, rechts) die Partie mit Czentovic (Albrecht Schuch, vorne links) weiterzuspielen (hinten, links Samuel Finzi in seiner Rolle als Alfred Koller). Foto: Studiocanal / Julia Terjung

Auf dem Weg dorthin hat der Fahrer der Bartoks zwar große Schwierigkeiten, die Nobelkarosse durch den aufgebrachten Mob mit Hakenkreuz-Binden, einem bislang unter Schuschnigg verbotenen Symbol, zu lenken. Unter den Kronleuchtern des Ballsaals aber ist solches Störfeuer schnell vergessen: „Solange Wien tanzt, kann die Welt nicht untergehn“ zeigt sich Josef überzeugt und setzt noch einen drauf: „Wien hat die Türken überlebt, es wird auch die Deutschen überleben.“

Am Ausgang wartet sein Freund Gustav „Gustl“ Sailer (Lulas Miko) auf ihn, der den ganzen Tag vergeblich versucht hat, ihn zu warnen: der Bundeskanzler hat die Volksbefragung abgesetzt, die Deutschen werden einmarschieren. Gustl übergibt Josef Pässe mit neuer Identität für ihn und Anna, Fahrkarten für den Zug nach Rotterdam und die Schiffspassage nach New York.

Während Anna zusammen mit dem Fahrer ein paar notwendige Sachen und den Schmuck einpacken und schon ‘mal vorausfahren soll, will Josef in der Kanzlei rasch noch wichtige Papiere dem Kaminfeuer übergeben. Dabei wird er vom Geheimpolizisten Franz-Josef Böhm (Albrecht Schuch) gestört, verhaftet und ins Luxus-Hotel Métropole verfrachtet, seit Mitternacht die „Gestapo-Leitstelle Wien“. Als Vermögensverwalter des altösterreichischen Adels soll er den Deutschen die Codes der auf mehreren ausländischen Banken verteilten Depots verraten. Er müsste die Zahlen-Buchstaben-Kombinationen freilich aus dem Kopf rekapitulieren, nachdem es ihm gelungen war, die Depotlisten zu verbrennen.

Da Josef Bartok sich beharrlich weigert, wird ihm eine „Sonderbehandlung“ im Hotelzimmer 402 zuteil: Isolationshaft. Über Wochen und Monate ohne jeden mündlichen Kontakt zur Außenwelt, ohne ein Buch. Konfrontiert nur mit den Schreien offenbar Gefolterter, die er durch den Kaminschacht hört. Er hält sich zunächst mit Homer am Leben, dessen Geschichte vom Fluch beladenen Odysseus, der nach dem Trojanischen Krieg durchs Mittelmeer irrt und die schlimmsten Gefahren auf sich nimmt, um zu seiner Penelope heimkehren zu können, sich wie eine Metapher durch den ganzen Film zieht. Schon will Josef sich mit den Scherben eines Tellers das Leben nehmen, als er auf dem Weg zu Böhm Zeuge des Fenstersturz-Selbstmordes eines anderen Inhaftierten wird. Den Aufruhr kann er nutzen, um einen Band vom zur Vernichtung bestimmten Bücherstapel zu klauben. Doch statt der erhofften Belletristik entpuppt sich dieser als ein Lehrbuch für das Schachspiel – mit den Zügen zahlreicher großer Duelle am Brett.

Nun hat Böhms Folterknecht Johann Prantl (Andreas Lust) keine Macht mehr über ihn: Josef Bartok gestaltet aus Brotresten Schachfiguren und nimmt den Fliesenboden des Bades als Schachbrett. Selbst als sein Freund Gustl vor seinen Augen erschossen wird, bleibt er standhaft. Was, so jedenfalls der Augenschein, zu Böhms Kapitulation, zu Josefs Freilassung und Ausreise nach Amerika führt. Doch auf besagtem Ozeanriesen ist plötzlich seine Anna verschwunden, kennt der Barkeeper Willem (Joel Basmann) seine bevorzugte Zigarettenmarke und der Schiffseigner Owen McConnor (Rolf Lassgård) überredet ihn mit einem dicken Scheck zu einem Duell mit dem amtierenden Schach-Weltmeister Mirko Czentovic (ebenfalls Albrecht Schuch), der mit seinem Manager Alfred Koller (Samuel Finzi) vermögende Atlantik-Reisende gleich dutzendweis im Parallel-Wettkampf ausnimmt.

Bei stürmischer See und Dauer-Nebel auf dem Großen Teich beginnt ein Wettkampf um Leben und Tod. Und Josefs Gegner sind plötzlich sein ermordeter Freund Gustl, dessen Mörder Böhm – und am Ende er selbst im eleganten Smoking der finalen Ballnacht in Wien. Nach knapp zwei Stunden sitzt Josef wieder am Schachbrett. Doch das steht in einer Nervenheilanstalt und neben ihm sitzt eine Frau, die ihm aus der „Odyssee“ vorliest. Sie sieht seiner Gattin Anna zum Verwechseln ähnlich, was Josef Bartok aber nicht erkennt…

Stefan Zweig hat sein letztes Werk zwischen September 1941 und Februar 1942 im brasilianischen Exil in Petrópolis verfasst, bevor sich der Sechzigjährige zusammen mit seiner Frau Lotte am 23. Februar 1942 mit einer Überdosis Veronal das Leben nahm. Der Schriftsteller ist durch die Hoffnungslosigkeit seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten depressiv, sein Protagonist „Dr. B“ in der „Schachnovelle“ wahnsinnig geworden. In der Vorlage reist dieser mit seiner Gattin von New York nach Rio de Janeiro und trifft auf einen Schach-Weltmeister, dessen Entwicklung vom tumben Bauernjungen zum Weltstar auf einem Dutzend Seiten ausführlich geschildert und das Schachspiel als Kunst und Wissenschaft diskutiert wird. McConnor ist hier ein verbissen ehrgeiziger schottischer Ingenieur und Dr. B. ein Passagier, der dem Ich-Erzähler seine Isolation im Wiener Hotel Métropole erzählt. Weit weniger spektakulär als im Film: das Schachbuch hat er aus einer Manteltasche gestohlen und sich die Kenntnisse ohne Badfliesen und Figuren angeeignet. Als er am Ende in Gedanken nur noch gegen sich selbst spielen kann, gerät Dr. B. in eine solche manische Erregung, dass er in ein Sanatorium eingewiesen und ihm schließlich die Freilassung und Ausreise gewährt wird. Auf dem Schiff sorgt der Ich-Erzähler schließlich dafür, dass es zu keiner weiteren „Schachvergiftung“ kommt.

Für die Leinwandadaption haben Drehbuchautor Edgar Grigorian und Regisseur Philipp Stölzl die Rolle des Gegenspielers Franz-Josef Böhm hinzuerfunden nach dem Vorbild des österreichischen Staatspolizei-Chefs Franz-Josef Huber, einem ganz normalen Bürokraten ohne Ideologie und ohne Skrupel mit offenbarem Spaß an seiner Arbeit. Auch die Figur der Anna Bartok, bei Stefan Zweig nur kurz in einem Nebensatz erwähnt, hat eine enorme Aufwertung erfahren – als positives, Mut machendes Element. Schließlich die sinnstiftende, bei Zweig freilich nicht angelegte Doppelrolle für den neben Oliver Masucci einmal mehr herausragenden Albrecht Schuch: als preußischer Beamter ein kleines Licht, das sich im Erfolg der „Bewegung“ sonnt und mit bildungsbürgerlicher Attitüde sein Spießertum zu übertünchen trachtet. Und als ungarischer Schachweltmeister ein Analphabet, aber als Kämpfer ein geborener Sieger-Typ.

Stölzl ist es gelungen, zumindest das der Vorlage unkundige Kinopublikum knapp zwei Stunden lang im Labyrinth widerstrebender Empfindungen herumirren zu lassen, indem er die klaustrophobische Gefangenschaft Josef Bartoks im Hotelzimmer mit der – hier nur erträumten - Emigration auf dem Atlantikliner als real empfundene Geschichte miteinander verwoben hat. Oliver Masucci wurde als bester Darsteller, Philipp Worm und Tobias Walker wurden als Produzenten mit dem Bayerischen Filmpreis 2020 ausgezeichnet, während Regisseur Philipp Stölzl den Friedenspreis „Die Brücke“ des deutschen Films 2021(national) erhielt. „Schachnovelle“ kommt am 23. September 2021 in die Kinos, bei uns u.a. im Casablanca und im Union Bochum sowie im Essener Astra.

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