Neu im Kino: Persischstunden

Preview am 13. September 2020 in Essen

Neu im Kino: Persischstunden. im Bild: Nahuel Pérez Biscayart ist eine Idealbesetzung.
Neu im Kino: Persischstunden. im Bild: Nahuel Pérez Biscayart ist eine Idealbesetzung. Foto: Alamode

Frankreich 1942. Auf der Ladefläche eines Kleinlasters kauern Juden, die davon träumen, zur Schweizer Grenze gefahren zu werden. Als der Wagen hält und zuerst Waffen-SS-Soldaten abspringen, ist auch dem Publikum klar, dass dieser Waldweg nicht in die Freiheit führt sondern in den Tod. Nur einer überlebt, der schmächtige Belgier Gilles (berührend: Nahuel Pérez Biscayart). Er hat kurz zuvor mit einem Leidensgenossen sein Baguette gegen ein Buch über persische Mythen getauscht – und gibt sich nun als Sohn eines Persers und einer Belgierin aus.

Zwar bleibt der junge SS-Rottenführer Max Beyer (Jonas Nay) skeptisch, der von sich behauptet, Juden physiognomisch und olfaktorisch identifizieren zu können. Nimmt Gilles aber dennoch zurück ins Lager, hat SS-Hauptsturmführer Klaus Koch (überragend: Lars Eidinger) doch demjenigen zehn Dosen Fleisch versprochen, der ihm einen „echten Perser“ bringt. In kleinsten Verhältnissen aufgewachsen musste er häufig Hunger leiden und hat sich, nomen est omen, zum Koch ausbilden lassen. Nach gewonnenem Krieg, also voraussichtlich in zwei Jahren, will er zusammen mit seinem 1969 nach Griechenland emigrierten Bruder in Teheran ein deutsches Restaurant eröffnen.

Neu im Kino: Persischstunden. im Bild: Knecht und Herr, aber auch Lehrer und Schüler: Nahuel Pérez Biscayart und Lars Eidinger.
Neu im Kino: Persischstunden. im Bild: Knecht und Herr, aber auch Lehrer und Schüler: Nahuel Pérez Biscayart und Lars Eidinger. Foto: Alamode

Gilles, der den Namen des einstigen Buch-Besitzers Reza Joon angenommen hat, ist von Klaus Koch in die ihm unterstehende Küche für die Offiziersmesse befehligt worden. So kann er dem pedantischen Choleriker, der bei jeder Aufregung ins Stammeln gerät, Farsi beibringen – täglich vier neue Vokabeln. Was in 740 Tagen einen beträchtlichen Wortschatz ergäbe. Doch schon die erste Liste mit den vierzig wichtigsten Worten rund um Speisen und ihre Zubereitung bereiten Reza die größten Schwierigkeiten: Wie kann er sich nur all‘ die Vokabeln merken, welche er sich an Hand der Namensregister der Neuankömmlinge im Lager ausgedacht hat?

Gefahr droht auch von der zur Küchenaufseherin degradierten SS-Helferin Elsa Stumpf (Leonie Benesch), die von Koch als „Buchhalterin“ für die Registratur durch den akkurater schreibenden Reza ersetzt worden ist. Max Beyer, der schon lange ein Auge auf Elsa geworfen hat, verspricht, sie zu erlösen: Er schickt Reza in den Wald, um dort das Küchenabwasser zu entsorgen in der berechtigten Hoffnung, dieser werde einen Fluchtversuch unternehmen.

Doch ein betagter französischer Soldat rät ihm zur Rückkehr ins Lager, da bisher alle Ausreißer wieder einkassiert – und getötet werden konnten. Nach sechs Monaten beherrscht Reza 570 Worte seiner aus Silben der Häftlingslisten gebildeten Phantasiesprache. Und scheitert am Rande eines Offiziers-Picknicks des sich schneidig gebenden SS-Standartenführers und Lagerkommandanten (Alexander Beyer) an einer Fake-Vokabel für zwei Begriffe (Brot und Baum). Koch fühlt sich reingelegt, verprügelt Reza und lässt ihn von Max Beyer im Steinbruch schikanieren - bis zum völligen Zusammenbruch.

Weil er nachts von Fieberträumen geschüttelt in seiner Fantasiesprache nach der Mutter ruft, lässt Koch ihn in die Krankenstube bringen und das alte und dabei so gefährliche Verhältnis zwischen Schlächter und Opfer, Schüler und Lehrer wird noch intimer: der SS-Offizier hat inzwischen 1.500 Worte gelernt, verfasst ein erstes Gedicht auf „Farsi“ und hat keinen Zweifel mehr an der persischen Identität Rezas. Der beim regelmäßigen Abtransport aller Häftlinge in deutsche Vernichtungslager im von den Nazis besetzten Polen auf einem Bauernhof arbeiten darf, um dem KZ zu entkommen.

Der Krieg nähert sich seinem Ende, aus italienischen Verbündeten sind Feinde geworden, immer mehr italienische Soldaten aber etwa auch abgeschossene alliierte Piloten werden interniert. Als ein Perser in Diensten der Royal Air Force ins Lager kommt, sehen sich Max Beyer und Elsa Stumpf endlich am Ziel. Doch ein Italiener (Giuseppe Schillaci), dem Reza heimlich Lebensmittel für seinen kranken Bruder zugesteckt hatte, opfert sich. Am Ende, das darf verraten werden bei diesem spannenden, hochemotionalen und mit 127 Minuten keinesfalls zu langen Film, kann sich Reza, der wieder Gilles heißen darf, gegenüber einem britischen Offizier an 2.840 Vor- und Nachnamen von vielleicht 25.000 Lagerinsassen überhaupt erinnern, nachdem die SS-Wachmannschaft auf der Flucht vor den Alliierten alle schriftlichen Zeugnisse ihrer Verbrechen verbrannt hat.

„Persischstunden“, am 22. Februar 2020 auf der 70. Berlinale in der Sektion Special statt im Wettbewerb uraufgeführt, sollte ursprünglich am 7. Mai 2020 in die Kinos kommen. Der 1963 im damals sowjetischen Kiew geborene Regisseur Vadim Perelman, der über Wien und Rom in Toronto am Ryerson Film Institute landete, hat in Los Angeles mit „House of Sand and Fog“ ein fulminantes, für drei Oscars nominiertes Debüt hingelegt. Sein dritter Streifen „Persian Lessons“, so der Originaltitel, beruht auf einer Erzählung des Defa-Filmemachers Wolfgang Kohlhaase („Solo Sunny“), die erstmals in der DDR-Zeitschrift „Sinn und Form“ (3/1970) erschien, bevor sie 2005 bei Faber & Faber in Leipzig zusammen mit Lithographien und Federzeichnungen des DDR-Altmeisters Bernhard Heisig ediert wurde – heute nur noch für sehr viel Geld antiquarisch zu haben.

In „Erfindung einer Sprache“, basierend auf einer wahren Begebenheit, ist es ein holländischer Physikstudent, der einem Kapo, so wurden die Hilfspolizisten in Konzentrationslagern genannt, Persisch-Lektionen erteilt und so überlebt. Nach einer Hörspiel-Fassung von Barbara Meerkötter 2008 für den Südwestfunk nun die Leinwand-Adaption von Ilya Zofin und Vadim Perelman: Authentizität genoss oberste Priorität bei den Dreharbeiten im Winter 2018/19 im belarussischen Minsk, für das Lager stand das KZ Natzweiler-Struthof im Nordosten Frankreichs Pate. Die beiden Protagonisten-Rollen sind ideal besetzt mit dem mehrsprachigen, 1986 in Buenos-Aires geborenen Nahuel Pérez Biscayart („Becks letzter Sommer“, „Vor der Morgenröte“), der gerade bei den Salzburger Festspielen im neuen Handke-Stück beeindruckte, und dem deutschen Ausnahme-Schauspieler auf Leinwand, Bildschirm und Berliner Schaubühnen-Brettern Lars Eidinger, der auf der 70. Berlinale auch im Film „Schwesterlein“ von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond an der Seite von Nina Hoss gefeiert wurde, welcher am 29. Oktober 2020 in unsere Kinos kommt.

„Persischstunden“ läuft als Preview am Sonntag, 13. September 2020, um 15 Uhr im Astra Essen und startet bundesweit am 24. September 2020, in unserer Region u.a. im Casablanca Bochum und im Roxy Dortmund.

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Sonntag, 13. September 2020, um 15 Uhr

Weitere Termine:

  • Donnerstag, 24. September 2020, um 18 Uhr
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