Neu im Kino: Onoda

10.000 Nächte im Dschungel

Neu im Kino: Onoda - Im provisorischen Unterstand mitten im Dschungel v.l.: Kozuka (Yūya Matsuura), Onoda (Yûya Endô), Akatsu (Kai Inowaki) und Shimada (Shinsuke Katō).
Im provisorischen Unterstand mitten im Dschungel v.l.: Kozuka (Yūya Matsuura), Onoda (Yûya Endô), Akatsu (Kai Inowaki) und Shimada (Shinsuke Katō). Foto: Rapid Eye Movies

Dezember 1944, Japans Niederlage gegen Amerika zeichnet sich am Horizont ab. Der 22-jährige Onoda Hirō (Yûya Endô) wird betrunken in einer Kneipe seiner auf der Hauptinsel Honshū gelegenen Geburtsstadt Wakayama aufgegriffen. Er wollte Pilot für Kamikaze-Einsätze werden, seine Höhenangst machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Major Yoshimi Taniguchi (Issey Ogata) zeigt ihm einen anderen Weg „zu Stolz und Ehre“: In der Nakano-Schule von Futamata erhält Onoda eine Guerilla-Ausbildung. Selbständig denken und handeln ist oberstes Prinzip, keine Selbstmordkommandos.

Von seinem Vater (Nobuhiro Suwa) mit einem Messer ausgestattet, mit dem er sich selbst töten soll, bevor er in die Hände der Feinde fällt, kommt er als Leutnant auf die kleine philippinische Insel Lubang. Wo er bald seinen unter Nierensteinen leidenden Hauptmann Hayakawa (Mutsoto Yoshioka) ersetzt, der Leutnant Suehiro (Kyūsaku Shimada) befohlen hatte, die anrückende US-Marine durch Kamikazeangriffe zu stoppen. Der Philosophie Taniguchis entsprechend holt er sich für sein kleines nachrichtendienstliches Kommando auf einem 900 Meter hohen Berg mit Kozuka (Yūya Matsuura), Shimada (Shinsuke Katō) und dem erst 19-jährigen Aksatsu (Kai Inowaki) die drei zuverlässigsten Gefreiten an seine Seite.

Neu im Kino: Onoda - Da waren es nur noch zwei: Onoda (Kanij Tsuda) schneidet Kozuka (Tetsuya Chiba) die Haare.
Da waren es nur noch zwei: Onoda (Kanij Tsuda) schneidet Kozuka (Tetsuya Chiba) die Haare. Foto: Rapid Eye Movies

„Gut organisiert können wir Hunderte töten“ ist Onoda überzeugt, der den Befehl „Totaler Widerstand“ auch noch erfüllt, als sich die Zeichen mehren, dass der Krieg längst beendet ist und die US-Truppen abgezogen sind: „Feind ist Feind, egal ob er Philippino oder Amerikaner ist.“ Beim Requirieren von Lebensmitteln und Waren des täglichen Bedarfs werden Felder in Brand gesetzt und abschätzig „Donko“ genannte Einheimische wie ein verletzter Gefangener (Jemuel Cedrick Satumba) oder das Mädchen Iniez (Angeli Bayani), das vor dem Taifun unter das Zeltdach der Japaner flüchtete, getötet.

Akatsu kommen früh Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Mission. Onoda (nunmehr Kanji Tsuda) verliert im Lauf der Zeit einen Mitstreiter nach dem anderen, am Ende bleibt nur Kozuka (inzwischen Tetsuya Chiba). Onodas Vater wird auf die Insel geholt, um per Megafon seinen Sohn zur Aufgabe aufzufordern, im zurückgelassenen Radio hören die beiden am 21. Juli 1969 die Live-Reportage der ersten Mondlandung. Als Fischer die beiden mit Harpunen angreifen, bleibt nur noch Onoda zurück. Dem ein junger Rucksacktourist (Taïga Nakano) begegnet, welcher den inzwischen als Buchhändler tätigen Major Taniguchi dazu bewegen kann, Onoda im März 1974 nach 10.000 Tagen in Lubang von seinem damaligen Befehl freizusprechen mit der Verlesung der kaiserlichen Kapitulation aus dem Jahr 1945.

Mit „Onoda“ erzählt der 1981 in Paris geborene Regisseur Arthur Harari zusammen mit Drehbuchautor Vincent Poymiro in klassischer Abenteuerfilm- und Western-Manier die reale Geschichte des japanischen Nachrichtenoffiziers Onoda, der unbeirrt an seiner Mission festhielt und in Japan zum Mythos wurde. Seine Popularität nicht verkraftend wanderte er zwischen 1975 und 1984 nach Brasilien aus. In Japan zurück gründete er die Onoda-Naturschule und starb 2014 in Tokio. Neben Onoda gab es weitere zanryū nipponhei genannte „Nachzügler“, die nach der Kapitulation Japans bei den Waffen blieben. Stets isolierte Soldaten der kaiserlichen Armee, den Kampf fortsetzen, weil sie entweder, von Medien und Nachrichten abgeschnitten, nichts vom Kriegsende erfahren hatten, oder nicht bereit waren, die Kapitulation anzuerkennen.

„Onoda - 10.000 Nächte im Dschungel“ ist am 8. Juli 2021 in Cannes als Eröffnungsfilm der Reihe „Un Certain Regard“ uraufgeführt worden und am 26. Oktober 2021 beim Film Festival Köln erstmals in Deutschland gelaufen. Der in Frankreich bei der César-Verleihung 2022 für das Beste Original-Drehbuch ausgezeichnete, mit 167 Minuten geradezu epische Kampf eines ungebrochenen Helden für Kaiser und Vaterland und gegen die eigene menschliche Natur sowie die Widrigkeiten des Dschungels startet am 2. Juni 2022 in unseren Kinos. Und damit in Kriegszeiten auf europäischem Boden - zwar ganz ungeplant, aber sicherlich nicht unumstritten.

Regisseur Arthur Harari im Rapid Eye-Presseheft: „Es ist unmöglich, Onoda nicht als Held zu sehen, auch wenn sein Abenteuer höchst zweideutig ist. In allen Mythologien, vor allem in der griechischen, sind die Helden oft diejenigen, denen es erlaubt ist, schreckliche Taten zu begehen. Es gibt kein Heldentum ohne Zweideutigkeit, ohne eine dunkle Seite. Onoda ist heldenhaft, weil seine Geschichte Werte verkörpert, die viele Japaner irgendwann einmal erkannt haben. Aber man muss kein Japaner sein oder eine militärische Neigung haben, um von seiner Geschichte beeindruckt zu sein. Onoda entkommt sich selbst. Er steht auf der Verliererseite, aber er vollbringt, fast unfreiwillig, etwas, das weit über das hinausgeht, was er ist.“ In unserer Region zu sehen in der Endstation Bochum-Langendreer sowie im Düsseldorfer Bambi.

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