Nachruf auf den Stadtarchivar

Manfred Hildebrandt

v.l. Thomas Jasper, Manfred Hildebrandt, Jürgen Hagen.
v.l. Thomas Jasper, Manfred Hildebrandt, Jürgen Hagen. Foto: Udo Schwuntek

„Nicht einmal der Archivar, der eine Treppe höher residiert, sieht wie ein Archivar aus. Manfred Hildebrandt, 30 Jahre alt, trägt keine Ärmelschoner und keinen abgewetzten Kittel, zuckt nicht mit den Augen und sieht überhaupt aus wie ein junger Mann in unserer Zeit.“ So stellte die Bürgerillustrierte „Unsere Stadt“ – nicht ganz frei von Vorurteilen gegenüber dem Berufsstand – Anfang 1980 den neuen Leiter des Herner Stadtarchivs vor, der 33 Jahre lang das Gedächtnis von Herne prägen sollte.

Am 24. Mai 1949, dem Tag, an dem das Grundgesetz in Kraft trat, wurde Manfred Hildebrandt in Neukirchen-Vluyn geboren. Sein Vater fand Anfang der 1950er Jahre eine Anstellung als Steiger auf der Zeche Julia, und so zog Familie Hildebrandt nach Herne. Nach Besuch der evangelischen Volksschule an der La-Roche-Straße in Baukau und der Städtischen Realschule für Jungen am Westring wurde Manfred Hildebrandt ab 1965 für den gehobenen Verwaltungsdienst bei der Stadt Herne ausgebildet. Es folgten Tätigkeiten in verschiedenen Ämtern. Der lern- und wissbegierige Verwaltungsbeamte besuchte von 1976 bis 1979 das Städtische Abendgymnasium in Gelsenkirchen und holte - neben seinem Vollzeitjob bei der Stadt – das Abitur nach.

v.l. Manfred Hildebrandt, Egon Steinkamp, Horst Schiereck.
v.l. Manfred Hildebrandt, Egon Steinkamp, Horst Schiereck. Foto: Rüdiger Ungebauer

Am 1. November 1979 schließlich wurde Manfred Hildebrandt das Amt übertragen, das für ihn wie geschaffen war: Leiter des Stadtarchivs Herne. Die Stadt ermöglichte ihm durch eine besondere Dienstzeitregelung ein Studium der Ur- und Frühgeschichte, Geschichte, Kunstgeschichte und Geologie an der Universität Bochum. Auch diesmal meisterte er die Doppelbelastung bravourös. Trotz Vollzeitdienst schaffte er das Studium in der Mindestsemesterzeit mit dem Abschluss „Magister artium“.

Manfred Hildebrandt setzte sein erworbenes Wissen im Sinne der Herner und Wanne-Eickeler Bürgerschaft ein. Viel frischer Wind durchwehte das Stadtarchiv und die Öffentlichkeitsarbeit nahm einen gehörigen Aufschwung, sei es nun durch Vorträge, Ausstellungen, Stadtteilrundgängen und Stadtrundfahrten oder stadtgeschichtlichen Veröffentlichungen. Der direkte Kontakt zu den verschiedenen Gruppen von Bürgern und Institutionen war ihm bis zum Ende seiner aktiven Zeit im August 2012 ein großes Anliegen.

Sein Steckenpferd galt der Archäologie und so lag es nahe, dass das Gründungs- und Vorstandsmitglied des Fördervereins des LWL-Museums für Archäologie sich nach seiner aktiven Zeit als Stadtarchivar verstärkt dort ehrenamtlich einbrachte. So arbeitete er an der aktuellen Sonderausstellung über die Geschichte der Pest mit.

Aber auch die „normale Stadtgeschichte“ verlor Manfred Hildebrandt nie aus den Augen. So verfasste er zusammen mit mir einen Aufsatz über die Stadtwerdung von Wanne-Eickel, der im Dezember 2019 veröffentlicht wurde. Auch erarbeiteten wir gemeinsam einen Vortrag über Märchen, Mythen, Legenden und Unwahrheiten in der Herner und Wanne-Eickeler Geschichte. Ein Thema, das dem stets präzise arbeitenden und auf Fakten bedachten Historiker sehr am Herzen lag.

Der Vortrag, der am 1. April 2020 seine Premiere finden wird, wird ohne Manfred Hildebrandt auskommen müssen, der - für viele überraschend - am 13. November 2019 gestorben ist.

Im Geiste wird Manfred aber dabei sein.

Quelle: