Momente, die mich glücklich machen

Interview mit einer „Zeitschenkerin“

Gabriele Riddermann.
Gabriele Riddermann. Foto: Arne Pöhnert

Die ehemalige KiTaLeiterin Gabriele Riddermann (72) wurde im Ruhestand zur „Zeitschenkerin“. Wer sich ebenfalls entschließt Zeitschenker zu werden, findet hier mehr Infos.

Frau Riddermann, wie wurden Sie ehrenamtliche Sterbebegleiterin beim Hospizdienst?

Nach dem Tod meiner Mutter, die ich lange Zeit und gern im Heim begleitet habe, fiel ich in ein Loch. Ich las, machte schöne Reisen, aber das reichte nicht. Ich suchte etwas, das meinem Leben Sinn und Verantwortung gab. Als Leiterin einer Kindertagesstätte in Herne hatte ich über Jahrzehnte mit Kindern zu tun. Diese Zeit war für mich vorüber. Da fand ich über einen Kontakt zum EvK Herne zum Ambulanten Hospizdienst. 2017 habe ich den Vorbereitungskurs absolviert. Seit 2018 arbeite ich im Hospizdienst mit. Meine erste Sterbebegleitung war ein Mann, der bereits nach 14 Tagen starb. Die zweite Begleitung endete bereits nach drei Treffen. Die dritte Begleitung - eine Frau nach Schlaganfall - begann im Mai 2018 und dauert bis heute an. Ich mag mir kaum vorstellen, wie es sein wird, wenn sie einmal nicht mehr ist.

An welches Erlebnis erinnern Sie sich besonders gern?

Im Pflegeheim meiner Mutter habe ich erfahren, wie viele Bewohner völlig allein sind, ohne Angehörige oder Menschen, die sich interessieren. Niemand sollte im Heim allein sein, deshalb engagiere ich mich dort. Einmal besuchte ich mit der Dame, die ich jetzt begleite, ein Café. Ich bestellte ihr einen Kakao mit Sahne, und sie sagte: „Das habe ich noch nie getrunken.“ Das war für mich unbegreiflich. Sie hat den Kakao so intensiv und so sinnlich genossen, dass ich diesen Moment nie mehr vergessen werde.

Wie schaffen Sie einen Ausgleich zu Ihren Erfahrungen in der Sterbebegleitung?

Nach jedem Besuch reflektiere ich mich, hinterfrage die Situation und schreibe in einer Art Tagebuch auf, was war. Vieles in der Begleitung geht mir nahe, durch das Schreiben jedoch baue ich Distanz auf und kann die Situation von außen in Ruhe betrachten. Zuweilen lese ich in den alten Aufzeichnungen nach und erinnere mich.

Was haben Sie im Ehrenamt gelernt?

Ich habe gelernt, anhand von Mimik und Gestik zu spüren und zu verstehen, was Menschen sich wünschen, wenn sie nicht mehr sprechen können. Ich lese in ihren Gesichtern. Ich habe auch erfahren, dass Rituale helfen und Sicherheit geben. Ich lese ein Märchen vor, ich singe „So nimm denn meine Hände“, ich verabschiede mich immer mit den gleichen Worten. Dann sehe ich plötzlich ein Lächeln auf ihren Lippen.

Was ist Ihnen wichtig?

Die ambulante Sterbebegleitung hat mein Leben reicher gemacht. Ich empfinde Demut und Freude, wenn die Menschen mir so viel Vertrauen entgegenbringen. An Heiligabend habe ich mit der Frau, die ich begleite, an einem Weihnachtskonzert im Heim teilgenommen. Sie saß in einem Palliativstuhl, die Blaskapelle spielte Weihnachtslieder. Sie hielt meine Hand fest, ich sah, wie sie zur Musik lautlos die Lippen bewegte – mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck. Da durchströmte mich ein wohliges, warmes Gefühl. Solche Momente sind es, die mich wirklich glücklich machen.

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