Krank oder nicht krank, das ist die Frage

Begrifflichkeiten 5 –Infektiosität und Virulenz

Die Infektiosität (gemessen in Prozent) beschreibt, in wie vielen Menschen, die einem Virus ausgesetzt werden (=100 Prozent), dieses auch „repliziert“( x Prozent), also vermehrt wird. Es handelt sich also um die Fähigkeit eines Virus, einen Wirt zu befallen und sich durch ihn zu vermehren. Um das feststellen zu können, müsste eine bestimmte Zahl an Menschen experimentell einer bestimmten Infektionsdosis ausgesetzt werden. Danach überprüft man, wie viele von diesen das Virus auch wieder ausscheiden und an wie vielen diese Infektion gewissermaßen abgeprallt ist. Das wiederum hängt ab von der Infektionsdosis. Es ist ein wesentlicher Unterschied, ob man nur ganz wenig infektiösem Material ausgesetzt ist, mit dem die Oberflächenabwehr eines Organismus noch fertig wird, oder ob man von einer vollen Breitseite getroffen wird. Die Infektiosität eines Virus ist somit verantwortlich für die Größe der Basisreproduktionszahl R0.

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.
Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey. Foto: Wolfgang Quickels

Es ist natürlich aus naheliegenden Gründen nicht möglich, mit dem SARS-CoV2-Virus derartige Experimente zu veranstalten. Hier kann man nur aus retrospektiven Studien auf das Infektionsgeschehen rückschließen. Die so ermittelten Werte erlauben es dann, relativ genaue Aussagen zu dem Erreger zu machen. Derzeit laufen zum Beispiel Studien in Heinsberg, die unter anderem diese Frage näher beleuchten sollen.

Virulenzfaktor

Es ist aber noch nicht zwingend, das der Wirt, in dem das Virus repliziert, der also das Virus wieder in die Umwelt abgibt, auch tatsächlich krank wird. Das wird durch den Virulenzfaktor bestimmt, also die Fähigkeit eines Virus, sich nicht nur in einem Wirt zu vermehren sondern diesen auch krank zu machen. Beim SARS-CoV2-Virus könnte dieser Virulenzfaktor durchaus unter 50 Prozent liegen. So genau weiß man das nicht, weil die Gesamtzahl derer, die angesteckt und infektiös wurden, derzeit nicht erfasst werden kann. Demzufolge hat man aus der noch kurzen Geschichte von Covid-19 auch nur relativ vage Vorstellungen von der Virulenz dieses Erregers.

Im Vergleich zum SARS-CoV2-Virus besitzt zum Beispiel der Erreger der Lepra nur eine geringe Infektiosität, gleichzeitig aber einen relativ hohen Virulenzfaktor. Das heißt, es ist in der Regel ein langer Kontakt zu Erkrankten notwendig, um sich zu infizieren. Wenn allerdings eine Infektion stattgefunden hat, der Keim sich also in dem Wirt vermehren kann, wird dieser auch in einem hohen Prozentsatz krank. Bei Covid-19 ist das genau umgekehrt: Der Kontakt zur Infektionsquelle (das ist fast zu 100 Prozent ein Virusausscheider, nicht die Griffstange vom Einkaufswagen) muss nicht sonderlich intensiv sein, um zu einer Ansteckung mit Virusvermehrung zu führen. Der Kontakt zwischen Besuchern einer Disco wie in Ischgl, einer Karnevalssitzung oder eines Fußballstadions wie in Bergamo reicht völlig, um eine landes- und europaweite Epidemie loszutreten. Gleichzeitig werden aber nur circa 50 Prozent der Angesteckten auch wirklich krank.

Morbidität und Prävalenz

In der Epidemiologie bezeichnet man als „Morbidität“ (von lat. morbidus „krank“) die Häufigkeit einer Krankheit bezogen auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe. Die Morbidität ist ein Überbegriff für die Prävalenz - Anteil der bereits Erkrankten - und die Inzidenz - Rate der Neuerkrankungen innerhalb einer gegebenen Zeitperiode (siehe Kolumne vom 8.4.) - einer Krankheit.

Nehmen wir das Beispiel Zuckerkrankheit: In Deutschland leben derzeit etwa 7,9 Mio Typ 2-Diabetiker (Prävalenz). Außerdem erhalten jedes Jahr rund 500.000 Menschen zum ersten Mal die Diagnose Diabetes mellitus Typ 2 (Inzidenz).

Also: Prävalenz plus Inzidenz = Morbidität. Unter dem Strich haben wir dann die Gesamt-Morbidität an Diabetes mellitus Typ 2. Die ist von 2009 bis 2015 um 1 Prozent, also 830.000 Personen, gestiegen.

Bei Covid-19 müssten wir die Zahl der tatsächlich klinisch Erkrankten erfassen, um dieses Verhältnis herstellen zu können. Wir sehen aber nur die gemeldeten, positiven Laborergebnisse – nicht die tatsächlichen Fallzahlen. Diese liegen in Deutschland schätzungsweise circa sieben mal höher und damit gehören wir zu den Besten weltweit. Die auf der Basis der gemeldeten Toten hochgerechnete Zahl der Infizierten liegt in Italien beim 30-fachen, in Spanien und Frankreich beim 27-fachen, in USA und sogar in Schweden bei etwa dem 10-fachen, während Island und Norwegen offenbar annähernd alle Infizierten entdeckt haben.

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