Kirschblüten und Dämonen

Japanisch-deutsche Gespenstergeschichte von Doris Dörrie

Golo Euler und Aya Irizuki.
Golo Euler und Aya Irizuki. Foto: Mathias Bothor/Constantin

Karl (Golo Euler) lebt allein in München, er trinkt zu viel, hat deshalb seinen Job und seine eigene Familie verloren und leidet sehr unter der Trennung von seiner kleinen Tochter, die er laut Gerichtsbeschluss nur sehr selten sehen darf. Im Vollrausch wird er von Dämonen verfolgt. Er erinnert sich an Japan und bessere Zeiten. Eines Tages steht die Japanerin Yu (Aya Irizuki) vor der Tür – mit einer Neuschwanstein-Miniatur als Schneekugel. Sie hat sich vor zehn Jahren um Karls Vater Rudi Angermeier (Elmar Wepper) in Tokio gekümmert, als Karl keine Zeit für ihn hatte. Jetzt ist sie wieder da. Sie möchte das Grab von Rudi sehen und das Haus, in dem er gelebt hat. Und findet, Karl sei seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Widerwillig fährt Karl mit ihr aufs Land, aber er kann sich dem Charme von Yu nicht entziehen. Das Elternhaus, ein idyllisch gelegenes Anwesen im Ostallgäu, steht schon lange leer, die Geschwister Klaus (Felix Eitner) und Karolin (Birgit Minichmayr) sind zerstritten. Yu ruft in den Brunnen vor dem Haus und erklärt Karl, dass dort in der Tiefe die Toten wohnen. Sie übernachten im Haus und Karls Dämonen kehren zurück. Aber Yu weiß, wie man mit ihnen umzugehen hat. Immer mehr wird Karl bedrängt von bedrückenden Erinnerungen an seine Kindheit, die Geschwister, die toten Eltern. Sie sind wieder da und fragen Karl: Was machst du mit deinem Leben? Warum bist du nicht glücklich?

Karl beginnt mit Unterstützung von Yu, in die er sich immer mehr verliebt, um sich selbst und seine Familiengeschichte zu ringen. Um herauszufinden, ob er selbst schon ein Gespenst oder noch am Leben ist, muss er fast sterben und bis nach Japan gehen. Wo er in einem alten Ryokan auf Yus Großmutter (die japanische Kino-Legende Kiki Kirin) trifft und lernt, dass Dämonen auch hilfreich sein können, dass man sich aber von bösen Dämonen trennen muss. Auf der Veranda des Ryokan mit Blick auf einen zauberhaften Garten singt sie das berühmte Lied Gondola No Uta aus Akira Kurosawas Film Ikiru: „Verliebe dich jetzt, Mädchen, bevor deine Lippen blass werden und deine Wangen nicht mehr rot sind, denn das Leben ist kurz, und wer weiß, ob es ein Morgen gibt.“ Doris Dörries knapp zweistündige, arg verzwickte und unter dem Strich sehr düstere japanisch-deutsche Gespenstergeschichte Kirschblüten und Dämonen kommt zehn Jahre nach ihrem großen Erfolg Kirschblüten-Hanami heraus. Und ist doch keine Fortsetzung, obgleich einschließlich Hannelore Elsner als Rudis Gattin Trudi die Protagonisten des überaus erfolgreichen Vorläufers wieder vor Hanno Lentz' Kamera stehen. Mit der Ausnahme, dass Maximilian Brückner als Muttersöhnchen Karl nicht zur Verfügung stand und durch den Münchner Golo Euler ersetzt worden ist: für ein halbes Jahr drehte er für eine Serie im fernen Lappland. Man muss die Geschichte von Trudi und Rudi, die ihre Kinder besuchen und feststellen müssen, dass diese keine Zeit für sie haben, weil sie nur an sich selbst denken, nicht kennen, um die Umkehrung der Perspektive, die Sicht des verlorenen Sohnes Karl auf die mittlerweile verstorbenen Eltern, verstehen zu können.

Entstanden ist die Idee zu Kirschblüten und Dämonen 2015 beim Drehen des eindrucksvollen semidokumentarischen Schwarzweiß-Films Grüße aus Fukushima, der 2016 auf der Berlinale uraufgeführt worden ist: Darin begibt sich die junge Deutsche Marie (Rosalie Thomass) in einer Lebenskrise nach Japan, um mit der Organisation Clowns4Help die Opfer der atomaren Katastrophe von 2011 zu unterhalten. In Fukushima begegnet sie Satomi (Kaori Momoi), einer eigenwilligen älteren Geisha, die trotz aller Warnungen zu ihrem in der Sperrzone gelegenen, verwüsteten Haus zurückkehren will. Gemeinsam machen sie sich daran, es wieder halbwegs bewohnbar zu machen und erkennen dabei auf wundersame Weise, dass sie in mancher Hinsicht von ähnlichen Ängsten und Sorgen getrieben werden…

In Kirschblüten und Dämonen geht es um die Dämonen der Familie Angermeier, um Trudis schwere Depressionen, die in einem Selbstmordversuch gipfelten, und um Rudis wortlose Erstarrung, als er von der SS-Vergangenheit seines Vaters erfährt. In der Familie ein striktes Tabu, dass erst Karls junger Neffe Klaus (Felix Eitner) bricht, indem er sich ein Hakenkreuz auf die Stirn tätowieren lässt. Und es geht um japanische Gespenster, die wie gute Hausgeister zum Lebensalltag dazugehören. Im Grunde genommen aber kreist der Film um stets wiederkehrende Themen im Werk der Regisseurin Doris Dörrie von Männer“(1985) über Bin ich schön? (1998) bis Kirschblüten-Hanami (2007): Es geht um Liebe, Verlust und Familienbeziehungen sowie die Schönheit, Grausamkeit und Poesie des Lebens. Kirschblüten und Dämonen wird im Union und in der UCI Kinowelt Bochum, im Eulenspiegel Essen sowie in der Camera Dortmund gezeigt.

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