Altmeisterlich: 'Endstation Sehnsucht'
John Neumeier an der Rheinoper
Die Endstation, an der die verarmte Südstaatenschönheit Blanche DuBois (hauchzarte Prinzessin: Sophie Martin) die Straßenbahn verlässt, ist ein ziemlich heruntergekommenes zweistöckiges Haus im Vieux Carre, dem französischen Viertel von New Orleans. Genauer gesagt eine enge Zweizimmerwohnung im Erdgeschoß, in der ihre lebenslustige Schwester Stella (unbedarfte Naive: Clara Nougé-Cazenave) zusammen mit ihrem Gatten Stanley Kowalski (nicht wirklich animalisch: Olgert Collaku) zur Untermiete wohnt.
Blanche sucht Zuflucht bei ihrer jüngeren Schwester, nachdem sie nicht nur den von ihr verwalteten Familienbesitz Belle Rêve verloren, sondern nach einer Affäre mit einem minderjährigen Schüler auch noch ihre Stelle als Lehrerin eingebüßt hat. Doch Blanche hat sich in ihrer Scham vor der eigenen Wahrheit und ihrem Ekel vor dem wie zu erwarten konfliktträchtigen Zusammenleben auf engstem Raum mit dem machohaften „Polacken“ Stanley längst in die Traumwelt einer glücklicheren Vergangenheit zurückgezogen wie in ein Schneckenhaus.
Elfe sucht Schutz
Selbst gegenüber ihrer einzigen Hoffnung auf Sicherheit und männlichen Schutz, Stanleys Kumpel Mitch (kein Mann zum Lieben: Nelson López Garlo), spielt Blanche die ewig junge, unberührte Elfe. Stanley hat Blanches Geschichte vom Verlust des traditionsreichen Familiengutes stets misstraut. Als er jetzt mitbekommt, wie sie sich an ihre Schwester klammert und diese zu beeinflussen trachtet, sich von ihm als einem „Überlebenden der Steinzeit“ zu trennen trotz des Kindes, dass sie erwartet, recherchiert er Blanches Vergangenheit. Mit dem Resultat, dass Mitch sie fallen lässt: Blanche ist endgültig aller Hoffnungen beraubt, zumal sich ihre Schwester ausdrücklich zu Stanley bekennt. Der es sich nicht nehmen lässt, seinen Sieg auszukosten...
Die tragische Geschichte um Verlust, Liebe und Gewalt gehört zu den bedeutendsten Werken des Dramatikers Tennessee Williams. Es ist 1947 unter dem Originaltitel „A Streetcar Named Desire“ in New York von Elia Kazan u.a. mit Jessica Tandy und Marlon Brando uraufgeführt, im Jahr darauf mit dem begehrten Pulitzer-Preis ausgezeichnet und 1951 durch die Verfilmung Kazans mit Vivien Leigh und Marlon Brando weltberühmt geworden.
Meister des Handlungsballetts
Der 1939 geborene US-amerikanische Tänzer und Choreograph John Neumeier, von 1969 bis 1973 Ballettdirektor in Frankfurt am Main und anschließend bis 2024 am Hamburg Ballet, das er zu Weltgeltung geführt hat, gilt als Meister des Handlungsballetts. Seine zweistündige Version der „Endstation Sehnsucht“, 1983 für das Stuttgarter Ballett mit Marcia Haydée als Hauptfigur entstanden, ist ein mit einer Vielzahl von Preisen gewürdigter Klassiker, der bei der Premiere im Opernhaus Düsseldorf minutenlang mit stehenden Ovationen gefeiert wurde.
John Neumeiers Version beginnt in der Irrenanstalt, in die Blanche DuBois eingeliefert worden ist, und erzählt die auf Belle Rêve („Schöner Traum“) spielende Vorgeschichte eines desaströsen Hochzeitstages: Nachdem Blanche ihren Bräutigam Allan Gray (Gustavo Carvalho) inflagranti in den Armen seines Freundes (Dukin Seo) erwischt hat, erschießt sich Allan – ein traumatisches, Blanche immer wieder einholendes tragisches Ereignis, das sie den Kontakt zur Wirklichkeit verlieren lässt. Vergeblich sucht sie mit Männergeschichten in der Rotlicht-Absteige Flamingo-Hotel Erlösung.
Nur in Düsseldorf
Unterlegt ist der 1. Akt kongenial mit Sergei Prokofjews Visions fugitives op. 22, einer Sammlung kurzer „Flüchtiger Erscheinungen“, die abwechselnd vom Band kommen oder live vom Pianisten Aleksandr Ivanov gespielt werden. Im 2. Akt ist, und zwar mit Neumeiers originalen Tonbändern von 1983, Alfred Schnittkes Sinfonie Nr. 1 zu hören, die in ihrer kontrastreichen Polystilistik exakt zur dramatischen Choreographie passt, zumindest für meine Ohren aber die Grenze der Erträglichkeit erreicht. „Endstation Sehnsucht“ ist ein alles andere als in die Jahre gekommenes Ereignis und nur noch bis zum 9. Juli 2026 in der Rheinoper zu sehen ohne Übernahme nach Duisburg in der kommenden Spielzeit 2026/27.
Karten unter operamrhein.de oder Tel. 0211 – 8925211 für die weiteren Vorstellungen im Düsseldorfer Opernhaus:
- Mittwoch, 20. Mai 2026, 19.30 Uhr (anschl. Nachgefragt)
- Montag, 25. Mai 2026, 18.30 Uhr
- Sonntag, 31. Mai 2026, 15 Uhr
- Donnerstag, 18. Juni 2026, 19.30 Uhr
- Freitag, 26. Juni 2026, 19.30 Uhr
- Samstag, 4. Juli 2026, 19.30 Uhr
- Donnerstag, 9. Juli 2026, 19.30 Uhr
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- Samstag, 4. Juli 2026, um 19:30 Uhr
- Donnerstag, 9. Juli 2026, um 19:30 Uhr
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- Mittwoch, 20. Mai 2026, um 19:30 Uhr
- Montag, 25. Mai 2026, um 18:30 Uhr
- Sonntag, 31. Mai 2026, um 15 Uhr
- Donnerstag, 18. Juni 2026, um 19:30 Uhr