Jetzt haben wir den Salat…

Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

...den uns die „Arschlöcher“ eingebrockt haben.

Einsicht und Disziplin - eine der großen Herausforderungen.
Einsicht und Disziplin - eine der großen Herausforderungen. Illustrator: Jörg Lippmeyer

Am 5. Mai veröffentlichte HalloHerne meine Kolumne mit dem Titel: „Der Ritt auf der Rasierklinge“. Ich erlaube mir, mich daraus mal selbst zu zitieren: ...„Das Virus ist in unserem Land, es wird noch monatelang in unserem Land bleiben“, sagt Prof. Wieler vom Robert-Koch-Institut. Das ist eigentlich eine Binsenweisheit. Nur bei vielen scheint sie noch nicht wirklich im Bewusstsein angekommen zu sein. Wenn man jetzt in kopfloser Hast dieses „bissige“ Virus „von der Leine lässt“, ist eine zweite und dritte Infektionswelle, von der die Mehrheit der Wissenschaftler sowieso ausgeht, noch eine ziemlich optimistische Erwartung….

Es war Mai, der Frühling und der Sommer gingen ins Land. Das Infektionsgeschehen war in dieser Zeit saisonbedingt stark rückläufig und wir gewöhnten uns wieder an ein fast normales Leben. Das „bissige Virus“ war dadurch zwar „von der Leine“, man merkte es nur nicht. Es konnte nur wenige „beißen“, weil die frische Luft im Freien es so schnell in alle Winde zerstob, dass infektiöse Konzentrationen fast unmöglich waren. Infektions-Cluster schienen auf Schlachthöfe und die Partymeilen von Mallorca und der Schwarzmeerküste beschränkt zu sein. Naive Gemüter glaubten schon, das Virus hätte eine Mutation erfahren und alles wäre überstanden. Jetzt, ein halbes Jahr später, geht die Post wieder ab. Die Infektionszahlen explodieren, die Krankenhaus-Einweisungen ebenfalls. In vielen Nachbarstaaten stehen die Krankenhäuser schon wieder am Rande des Kollaps und die große Welle ist erst ganz am Anfang. Ein Phantast, wer das überraschend findet.

Dabei haben sich die Bedingungen, denen das Infektionsgeschehen unterliegt, nicht im geringsten geändert. Wenn man sich nicht näher als 1,50 m kommt und wenn man sich nicht in Räume begibt, in denen infektiöse Personen virusbeladene Aerosole produzieren und Superspreading-Events veranstalten, wird die Wahrscheinlichkeit, sich mit Covid-19 zu infizieren, auch im Herbst und Winter sehr gering. Selbst mit Schnupfen oder Grippe kann man sich dann kaum noch anstecken. Wenn man dann noch das geringe Restrisiko durch regelmäßiges Händewaschen oder Desinfektion bekämpft, ist eine Infektion und Erkrankung durch ein Virus, das vorzugsweise die Atemwege betrifft, nahezu ausgeschlossen. Nicht nur in Deutschland ist das so, sondern überall auf der Welt. Inzwischen wissen wir, dass das Verhalten der Menschen der stärkste Motor für die Ausbreitung der Krankheit ist. Es ist dabei völlig gleichgültig, ob die notwendige soziale Distanzierung freiwillig oder gezwungenermaßen erfolgt. Entscheidend ist, dass sie stattfindet. Es ist nicht zielführend, die rechtlichen Grenzen ordnungspolitischer Bestimmungen auszuloten, wie das von den Liberalen bis hin zu den Rechtsradikalen betrieben wird. Es geht darum, dem Virus die Möglichkeit der Verbreitung zu entziehen.

Das müsste doch eigentlich ganz einfach sein, oder? Warum ist es dann in der Praxis so schwer umsetzbar? Die Antwort ist auch hier ganz einfach: Der Mensch ist ein soziales Wesen und ohne ein soziales Miteinander nicht überlebensfähig. Eremiten können die Gattung „Homo sapiens“ nicht erhalten. Der ist nicht nur auf das soziale Miteinander mit seinesgleichen angewiesen. Er braucht auch die ihn umgebende Natur mit allen Mikro- und Makroorganismen. Die Natur könnte ohne Menschen weiterbestehen, der Mensch ohne die Natur nicht. Nähe mit ihresgleichen, aber auch anderen ist für praktisch jede Gattung Lebewesen, egal, ob Tier, Pflanze oder Mensch existentiell. Wenn wir uns aber der Überflutung mit dem Virus SARS-CoV 2 und den sich daraus ergebenden katastrophalen Folgen nicht einfach so ergeben wollen, zwingt uns das ein widernatürliches Verhalten in bislang nicht gekannter Weise auf. Soziale Distanz entspricht nicht unserem angeborenen Spontanverhalten. Das erfordert Einsicht und Disziplin, mit die größten Herausforderungen für den „Homo sapiens“, den angeblich weisen Menschen.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Je größer die zeitliche Distanz zwischen einem Fehlverhalten zu den daraus entstehenden Folgen ist, desto mehr müssen wir unseren Verstand bemühen, um die Kausalität zu begreifen, desto stärker ist der Drang, ein Fehlverhalten zu ignorieren. Niemand setzt sich bewusst mit dem Hintern auf die heiße Herdplatte, die brennt sofort. Bei Covid-19 dauert es deutlich länger und erst recht beim Klimawandel. Wenn der Rest an Verstand dann noch durch Renitenz und Vergnügungssucht vernebelt ist, kann man von vielen Zeitgenossen nicht erwarten, dass ihnen der Zusammenhang ihres Verhaltens mit den Gesetzmäßigkeiten des Infektionsgeschehens vermittelbar ist.

Das Virus wird uns noch viele, viele Monate und wahrscheinlich Jahre auf die Nerven gehen. Professor Wieler vom RKI wusste das schon im Mai, bei Professor Streek ist diese Erkenntnis im Spätsommer ebenfalls durchgedrungen. Eine Herdenimmunität, die die Erkrankung wie die Pocken und zumindest theoretisch auch Masern oder Kinderlähmung ausrotten könnte, wird es bei diesem Virus nicht geben. Eine lebenslange und absolute Immunität werden aller Wahrscheinlichkeit nach weder eine Infektion noch eine Impfung bewirken. Wir werden uns also darauf einrichten müssen und entweder mit SARS-CoV2 leben lernen oder in großer Zahl daran sterben. Ich fände es nicht schlimm, sich zweimal, meinetwegen auch dreimal jährlich impfen zu lassen, wenn dadurch ein schwerer Verlauf zu vermeiden wäre. Dann, aber auch erst dann, würde Covid-19 zu einer Bagatellinfektion schrumpfen und man könnte dieses Virus in die Kategorie der saisonalen Infekte wie die Erkältungen und die normale Feld-, Wald- und Wieseninfluenza einordnen. Bis dahin werden wir mit Einsicht und Verstand das „Social Distancing“ organisieren müssen. Und es wird uns nicht erspart bleiben, diejenigen, denen Einsicht und Verstand nicht zur Verfügung stehen, mit geeigneten Maßnahmen zu disziplinieren – wenn es nicht anders geht, auch mit einem Lockdown.

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