Ein verborgenes Leben

Neu im Kino

Franz Jägerstätter (August Diehl) und Richter Lueben (Bruno Ganz).
Franz Jägerstätter (August Diehl) und Richter Lueben (Bruno Ganz). Foto: Pandora

Franz Jägerstätter (August Diehl) wird am 20. Mai 1907 im oberösterreichischen St. Radegund als Kind der ledigen Bauernmagd Rosalia Huber geboren. Die Mutter heiratete 1917 den Bauern Heinrich Jägerstätter, der bei der Hochzeit das Kind seiner Frau adoptiert. Franz lernt 1935 lernt die Bauerntochter Franziska „Fani“ Schwaninger (Valerie Pachner) aus dem benachbarten Hochburg kennen. Die beiden heiraten am Gründonnerstag des Jahres 1936 und bewirtschaften den Hof gemeinsam. Aus ihrer Ehe gehen die drei Töchter hervor: Rosalia, Maria und Aloisia. Franz, überzeugter Katholik und Mesner in St. Radegund, wird 1940 zum Militärdienst einberufen, aber als unabkömmlich eingestuft und kann nach wenigen Tagen auf den Hof zurückkehren.

Einer weiteren Einberufung will er nicht mehr Folge leisten. Am 1. März 1943 erklärt er gegenüber seiner Stammkompanie in Enns, „dass er auf Grund seiner religiösen Einstellung den Wehrdienst mit der Waffe ablehne (…)“. Jägerstätter wird in das Militärgefängnis im Linzer Ursulinenhof gebracht und Anfang Mai nach Deutschland in das Wehrmachtsgefängnis Berlin- Tegel überstellt. Am 6. Juli 1943 wird Franz Jägerstätter wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt und am 9. August 1943 hingerichtet. Der Richter Werner Lueben (Bruno Ganz in einer seiner letzten Rollen) hat erst nach mehrfach vergeblichen Schlichtungsversuchen das Todesurteil über Franz verhängt. Der von Skrupeln geplagte Richter hätte im folgenden Jahr auch noch drei Priester aus Stettin zum Tode verurteilen sollen – und beging stattdessen Selbstmord.

Fani (Valerie Pachner) mit ihren Töchtern Rosi (Valerie Pachner) und Maridl (Maria Weger).
Fani (Valerie Pachner) mit ihren Töchtern Rosi (Valerie Pachner) und Maridl (Maria Weger). Foto: Pandora

Terrence Malicks historisches Drama „Ein verborgenes Leben“ („A Hidden Life)“ ist nach der 1984 erschienenen Biographie „Er folgte seinem Gewissen. Das einsame Zeugnis des Franz Jägerstätter” des amerikanischen Soziologen Gordon Zahn entstanden. Der mit 173 Minuten überlange Film, der am 19. Mai 2019 in Cannes uraufgeführt wurde und jetzt mit erheblicher Verspätung in die deutschen Kinos gekommen ist, greift zudem auf den Briefwechsel zwischen Jägerstätter und seiner Frau Franziska „Fani“ zurück, den Erna Putz als Buch herausgebracht hat. Kameramann Jörg Widmer hat bis auf die Gefängnis- und Gerichtsszenen in Sappada und Brixen in Südtirol gedreht sowie an Originalschauplätzen in St. Radegund, einer kleinen Gemeinde im Bezirk Braunau am Inn, bekanntlich der Heimat Adolf Hitlers.

Der bis in kleinste Details sehr auf Authentizität bedachte Film, der zu Beginn in dokumentarischen Schwarz-Weiß-Bildern den Aufstieg der Nationalsozialisten und später immer wieder dazwischen geschnittene Propagandastreifen vom „siegreichen Feldzug“ der Wehrmacht zeigt, schildert den Fall eines überzeugten Katholiken, der nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich aus seiner Ablehnung des Nationalsozialismus kein Geheimnis macht. Franz Jägerstetter führt unter kargen Bedingungen in einem kleinen Dorf eines alpinen Hochtals seinen Bauernhof. Hier wird noch per Hand mit Schlegeln gedroschen, von Motorisierung keine Spur. Er fegt die Kirche aus, läutet die Glocke zur Sonntagmesse und erklärt öffentlich, dass er als gläubiger Katholik keinen Wehrdienst leisten dürfe, da es gegen sein religiöses Gewissen verstieße, einen Treueeid auf Adolf Hitler abzulegen.

Immerhin absolviert er noch in der Burg Enns die Grundausbildung, in der er sich mit dem Kameraden Waldland (Franz Rogowski) anfreundet. Bauern, so beruhigt ihn der Bürgermeister und spätere Major Kraus (Karl Markowics), werden daheim gebraucht, wo noch mit der Sense gemäht und im Winter im hohen Schnee Feuerholz gesammelt werden muss. Als er 1943 dennoch eingezogen wird, kann ihm weder der Bürgermeister noch Pfarrer Ferdinand Fürthauer (Tobias Moretti) helfen. Beide reden vergeblich auf Franz ein, dass er die Folgen seiner Verweigerung aus Gewissensgründen gerade auch für seine inzwischen vierköpfige Familie bedenken soll: Sein Opfer helfe schließlich niemanden. Fürthauer vermittelt eine Audienz bei Bischof Fliesser (Michael Nyqvist): der erinnert Franz unter Verweis auf eingeschmolzene Kirchenglocken an seine vaterländische Pflicht. Weder seine Schwägerin Resie (Maria Simon) noch Freunde wie Eckinger (Wolfgang Michael) können Jägerstätter umstimmen, der zeitweise überlegt, in die Bergwälder zu fliehen, den Plan aber vor dem Hintergrund der zu befürchtenden Sippenhaft für die ganze Familie wieder aufgibt. Allein Fani hält zu ihm, hinterfragt seine Motive nicht, schließt sich nicht den flehenden Bitten aller anderen, einer Kompromisslösung zuzustimmen, an. Und spricht, von ihrem Vater Lorenz Schwaninger (Ulrich Matthes) begleitet, im fernen Salzburg vor.

Der von Amts wegen bestellte junge Anwalt Friedrich Feldmann (Alexander Fehling) geht bis an die Grenzen seiner Möglichkeiten, um Franz vor dem Tod zu retten. Der ihn dann in Tegel, wo er auf seinen ehemaligen Kameraden und jetzigen Leidensgenossen Waldland trifft, erreicht, als bereits Bomber der Alliierten über den Gefängnishof donnern und vom nahen Ende der Nazidiktatur künden. Ein letztes Mal kann Fani in Begleitung des Pfarrers Fürthauer ihren Mann sehen bevor das Todesurteil des Reichsmilitärtribunals verkündet wird. „Sprich den Eid und denke was du willst“: Das Vier-Augen-Gespräch des Richters Lueben mit Franz hat nicht zur erhofften pragmatischen Lösung geführt. Das Fallbeil des Scharfrichters (Alexander Radszun) lässt Eckinger am 9. August 1943 daheim die Totenglocke läuten...

„Ein verborgenes Leben“ setzt einem einfachen, angeblich weitgehend unbekannten Mann ein Denkmal. Einem Widerständler, der aus edelsten Motiven handelt. Einem christlichen Märtyrer, den selbst die Liebe zu seiner Familie nicht vom als richtig und notwendig erkannten Weg abzubringen vermag. Den Papst Benedikt XVI. im Jahr 2007 seliggesprochen hat, was den Filmtitel konterkariert. Es gibt kein richtiges Leben im falschen? Terrence Malicks („The Tree of Life“) allegorisches Widerstandsdrama „Hidden Life“, so der Originaltitel, redet einem Fundamentalismus das Wort, der gerade in allen Teilen der Welt erheblichen Zuwachs erfährt, auch wenn es gerade nicht der christliche ist. Bei uns zu sehen im Sweet Sixteen in Dortmund sowie im Essener Luna im Astra.

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