Ein fahles Licht am Ende eines langen Tunnels

Infografik zur Kapazität des Gesundheitswesen in Beziehung zur Ausbreitung des Corona-Virus.Quelle: Landesregierung NRW
Infografik zur Kapazität des Gesundheitswesen in Beziehung zur Ausbreitung des Corona-Virus. Quelle: Landesregierung NRW Foto: Landesregierung NRW

In der Corona-Krise ändern sich die Strategien und Maßnahmen fast täglich. Nicht nur ich selbst, auch die versammelte Expertenriege aus Natur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaft sowie die politisch Verantwortlichen müssen Meinungen und Strategien angesichts täglich neu gewonnener Erkenntnisse ständig revidieren. So würde ich aus heutiger Sicht – um in der Fußballsprache zu bleiben - das engagierte und leidenschaftliche Kampfspiel für einzig angebracht halten. Gemütliches Hin-und-Her-Geschiebe von Flachpässen ist angesichts der Gefährlichkeit des Erregers völlig unvertretbar.

Ein Szenario, wie von der Covid-19-Seuche hervorgerufen, hat es in der Geschichte der Moderne noch nicht gegeben. Bis vor circa 80 – 90 Jahren war ein wissenschaftliches und politisches Management von Seuchen praktisch unbekannt. Bis circa 1950 gab es nur gegen ganz wenige Krankheiten Impfungen. Viruserkrankungen gab es zwar immer schon, Viren als Erreger wurden mangels technischer Mittel – die Elektrone-Mikroskopie gibt es erst seit circa 1930 - aber erst sehr sporadisch seit dem frühen 20. Jahrhundert identifiziert. Noch in den späten 50er und 60er Jahren hat man Grippepandemien einfach ohne nennenswerte Gegenmaßnahmen ertragen. Weltweit fielen der „asiatischen“ Grippe (1957) und der „Hongkong“-Grippe (1968) jeweils rund 1,5 – 2 Millionen Menschen zum Opfer. Eine allgemein verfügbare Grippeimpfung gibt es erst seit den frühen 70er Jahren.

Nun wird die Welt vom SARS-Co-V-2-Virus plötzlich kalt erwischt. Die Krankheit ist völlig neu, kein Mensch auf dieser Erde hat Abwehrstoffe im Körper, Medikamente dagegen sind – noch – nicht bekannt. Erst allmählich bekommt man eine Vorstellung über die Zahl der Infizierten, der Erkrankten, der Geschwindigkeit der Ausbreitung, der Schwere der Erkrankung und der Sterblichkeit. Gerade die letzten beiden Faktoren zeigen, dass unsere Welt in den letzten 50 Jahren aufgrund des medizinischen Fortschritts und der weltweiten Zivilisationsentwicklung eine völlig andere geworden ist. Wir können derartige Seuchen angesichts medizinischer Möglichkeiten und ethisch zivilisatorischer Verantwortung nicht mehr fatalistisch aussitzen. 70 Jahre ohne Weltkriege haben uns – was für ein unbeschreibliches Glück – die Vorstellung davon genommen, dass bis dahin Triage-Systeme, die ein menschliches Leben unter Rentabiltätsaspekten einordneten, üblich waren. Es ist für mich als Arzt undenkbar, schwerkranke Menschen nur noch dann zu behandeln, wenn die Prognose statistisch einigermaßen günstig ist. Wenn es aber nicht gelingt, die Ausbreitung der Infektion zu verzögern, wird diese Situation eintreten nicht nur in Italien. 3 Millionen Intensiv-Patienten innerhalb eines halben Jahres sind für kein Gesundheitssystem dieser Welt zu stemmen.

Zum Glück macht unsere politische Führung da durchweg einen guten Job. Und sie hat es absolut nicht leicht. Sie muss 2 Katastrophen gegeneinander abwägen: Die Katastrophe im Gesundheitssystem einerseits und die wirtschaftliche auf der anderen Seite. Bei der zum Teil dramatisch auseinander klaffenden Datenlage – Italien mit 35.713 Infizierten bei 8,34 Prozent Sterberate einerseits gegen 13.979 Infizierte in Deutschland bei 0,3 Prozent Sterberate andrerseits (Stand 19.03.2020, 17 Uhr) – sind die Entscheidungen im Einzelnen extrem schwierig.

Dennoch gibt es Licht am Ende des Tunnels: Schon jetzt lernen alle mit der Diagnostik betrauten Institutionen ständig dazu. Herrschen jetzt noch manchmal leicht chaotische Zustände bei der Organisation, sowohl was das Gewinnen der Abstriche angeht als auch die Information der Patienten über das Resultat, wird sich in 2 – 3 Wochen eine geordnete Routine eingestellt haben, auch bei den Patienten. Die Disziplin der Bevölkerung wird zur Routine. Die Hysteriker werden einsehen, dass Klopapier und Erbsensuppen-Konserven immer noch erhältlich sind. Die Zahl der Genesenen und somit Immunen wird allmählich steigen, auch unter Ärzten und Pflegekräften.

Laut Mitteilung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verzeichnete sie am 13. März 2020 41 Impfstoffe in der Entwicklung. Dabei hat die deutsche Firma CureVac (die Donald Trump gerne eingesackt hätte, was der von Fußballfans so gescholtene Mehrheitseigner Dietmar Hopp wohl verhindert hat) offensichtlich die Nase vorn. Nach meiner Einschätzung dürfte der Markt für deren Impfstoff zum Ende des Jahres auch dann geöffnet werden, wenn bis dahin noch nicht die bislang üblichen Testverfahren vollständig durchlaufen sind. Angesichts der weltweiten Bedrohung wird man das im „laufenden Betrieb“ nachholen.

Der 93-jährige italienische Soziologe Franco Ferrarotti, der also schon einige Katastrophen selbst erlebt hat, sagt: „...wenn die Krise vorbei ist, werden wir eine enorme Wiederkehr von Lebensfreude und Lust am Wiederaufbau erleben. Ähnlich wie am Ende des Krieges wird es in ganz Europa eine unglaubliche Explosion an Lebensfreude geben" und „...wird danach eine große Lust da sein, wieder loszulegen. Zu arbeiten und zu feiern. Die Zeit danach wird voll sein mit beruflichen Terminen, mit sozialen Ereignissen, mit Konzerten, mit der Lust auszugehen. Es wird diesen Sprungfeder-Effekt geben. Wir wollen dann in die Welt schreien, dass wir zurück sind nach diesem hässlichen Abenteuer.“

hier gibt es noch mehr Kolumnen von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

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