Die Befristeten

Elias Canetti am Schauspielhaus Bo

Die Befristeten. v.l. Jing Xiang und Marius Huth.
Die Befristeten. v.l. Jing Xiang und Marius Huth. Foto: Birgit Hupfeld

Der „Prolog über die alte Zeit“ beginnt mit einem „Ammenmärchen“, nach dem ein Mann nur schnell 'mal zum Zigarettenholen die Wohnung verlässt. Als er die Straße überquert, wird er von einem Auto erfasst: doppelter Schädelbruch, Tod. Er stirbt völlig ahnungslos, wie selbst Philosophen und große Geister nach ihm. Diese Zeiten sind vorbei. „Jeder anständige Schuster bei uns ist ein größerer Philosoph“, weiß „Der Andere“, „denn er weiß, was mit ihm geschehen wird. Er kann sich seine Lebenszeit genau einteilen. Er kann planen ohne Angst, er ist seiner Spanne sicher, er steht sicher auf seinen Jahren wie auf seinen Beinen.“

„Wir sind dankbar“: In Elias Canettis Dystopie „Die Befristeten“, geschrieben 1952 nach dem Tod seiner Geliebten Friedl Benedikt, weiß jeder genau, wie lange er zu leben hat. Der eigene Name zeigt es unumstößlich an: „Achtundachtzig“ oder „Fünfzig“ heißt man – oder auch nur „Zehn“. Jeder kann sich darauf einstellen. Wer alt wird, genießt Privilegien, wer jung sterben wird, bleibt niedrig gestellt. Wächter über diese Ordnung ist der Kapselan (Jing Xiang). Allein er darf in die „Kontrakt“ genannten Kapseln schauen, die jeder um den Hals trägt und in denen, so scheint es jedenfalls, Geburts- und Todesdatum, hier als „Augenblick“ verklärt, eingeschlossen sind.

Die Befristeten. v.l. Stefan Hunstein und Elsie de Brauw.
Die Befristeten. v.l. Stefan Hunstein und Elsie de Brauw. Foto: Birgit Hupfeld

„Wir haben keine Angst, denn wir wissen, was uns bevorsteht“: Angst vor dem Sterben kennen die Menschen nicht mehr. Weil es weder tödliche Unfälle noch Mordanschläge gibt. „Man wächst unter seinen Mitmenschen auf, man lebt unter ihnen. Man lässt sich die Vorteile dieses gemeinsamen Lebens gern gefallen“ erklärt der Kapselan. Der diejenigen Mörder nennt, welche ihre Kapsel zum Zweck der Manipulation des Augenblicks öffnen. Es ist eine statische Gesellschaft mit voraussehbaren Werdegängen und ohne Risiken, denn: fünfzig sichere Jahre, so der Kapselan, „sind mehr wert als eine unbestimmte Anzahl unsicherer.“ Der so angesprochene Fünfzig (Stefan Hunstein) zweifelt jedoch an der Unfehlbarkeit des Systems: Irrtümer sind immer möglich. Und könnte es nicht sein, dass eine junge Mutter (Anne Rietmeijer) daran verzweifelt, wenn ihre Tochter nur sieben Jahre bis zum Augenblick bleiben?

Woraufhin Fünfzig von der kompakten Majorität der Ja-Sager sogleich als „Lästerer“ und „Verführer“ beschimpft wird. Mit Hilfe des seiner toten Schwester nachtrauernden Freundes (Elsie de Brauw) gelingt es ihm, einige Kapseln zu öffnen – mit verblüffendem Ergebnis. Nur nicht für den Tod (Mercy Dorcas Otieno) - und für den Kapselan. Letzterer zwingt Fünfzig zum Widerruf seiner Erkenntnis wie einst 1633 die römische Inquisition Galileo Galilei zwang, dem von ihm entdeckten Kopernikanischen System abzuschwören. „Wo soll das enden?“ fragt Fünfzig am Schluss, worauf der Kapselan konstatiert: „Es gibt kein Ende.“

Elias Canetti (1905 – 1994), der für seinen Roman „Die Blendung“ 1981 den Literatur-Nobelpreis erhielt, zweifelt in seinem 1956 im Playhouse Oxford uraufgeführten und 1964 von Hanser zusammen mit seinen beiden anderen Dramen „Hochzeit“ und „Komödie der Eitelkeit“ edierten Gedankenspiel den Erfolg der von Fünfzig angezettelten Revolte an: Werden die Menschen wirklich glücklicher sein, wenn sie aus der Vorbestimmtheit entlassen sind? Am 10. Juni 2020 öffnete das Schauspielhaus Bochum nach 13-wöchigem Corona-Shutdown mit dieser im übrigen gar nicht so selten aufgeführten Szenenfolge kurzer Dialoge wieder seine Pforten – mit stets ausverkauften Vorstellungen. Was sich, obwohl nun bei bestehender Maskenpflicht auch im Parkett die doppelte Zahl an Zuschauern erlaubt ist, in der Spielzeit 2020/21 fortgesetzt hat.

Denn „Die Befristeten“ könnten in unseren Pandemiezeiten aktueller nicht sein, fragt Bochums Schauspielhaus-Intendant Johan Simons in seiner pausenlos neunzigminütigen Inszenierung einer etwas gekürzten Fassung der Dramaturgin Angela Obst doch nach dem Stellenwert des Alters in unserer Gesellschaft, nach den Auswirkungen der medizinisch gebotenen Abstandsregelungen auf das menschliche Grundbedürfnis nach Nähe und Geborgenheit, nach der unter Ansteckungs- und damit Todesangst wachsenden Vereinzelung und Vereinsamung der Menschen. Aber auch nach der Opferbereitschaft des Einzelnen für die Gesellschaft - und schließlich auch nach dem schwindenden Vertrauen bzw. wachsenden Misstrauen eines Teils der Bevölkerung gegenüber staatlichen Maßnahmen.

Aus reiner Freude, dass der Lappen wieder hochgeht, haben Andreas Bartsch, Jan Hördemann, Fabian Hoffmann, Christoph Waßenberg und der Lichtdesigner Denny Klein eine bühnentechnische Choreographie entwickelt, die dem gesprochenen Prolog vorangestellt ist: Lichtleisten jagen über die leere Bühne zu Tönen, die eine thrillerhafte Spannung hervorrufen. Dann setzt ein Ballett der Schnürboden-Züge und der Hubpodien ein, eine Windmaschine fährt von der Unterbühne hoch und bläst reichlich Theaternebel für das grandiose Laserstrahl-Finale über die danach endlich wieder belebten Bretter. Mit reichlich Abstand versteht sich, wofür nicht zuletzt rot-weiße Stäbe in unterschiedlicher Länge sorgen.

Gespielt wird freilich, daher die Mund-Nasen-Schutz-Pflicht auch während der Aufführung, auch zu beiden Seiten des zusammengerückten Parketts: Britta Brodda und Sofia Dorazio Brockhausen haben sieben Schauspieler des vom dankbaren Publikum mit Ovationen förmlich überschütteten neunköpfigen Ensembles ganz orwellhaft in einheitlich rotfarbene Klamotten gesteckt. Noch zu nennen Dominik Dos-Reis sowie, in einer Anspielung auf Polizeigewalt nicht nur in den USA hautnah im Clinch, die WG-Partner Gina Haller und Risto Kübar. Die beiden Ausnahmen: die gebürtige Berlinerin Jing Xiang, die kürzlich im Monodram „Robinson Crusoe“ im Fiege-Brauhof begeisterte, das bei Gelegenheit wiederaufgenommen werden sollte, steckt als Kapselan in einem asiatisch anmutenden Kostüm irgendwie zwischen Samurai und Ninja. Sie darf wie auch die Niederländerin Anne Rietmeijer ein paar Worte in fremder Sprache artikulieren - bei Johan Simons ein stets wiederkehrender Multikulti-Verfremdungseffekt. Und die in Kenia geborene Mercy Dorcas Otieno gibt die „Schwester des Freundes“ als rothaarigen schwarzen Tod, der – auch als Erzähler - einen tiefen Graben zwischen der Vorbühne und der Brandmauer überwindet, aus dem kurzzeitig ein Höllenhund ins Publikum blickt.

Auch die beiden nächsten Vorstellungen am 24. und 25. Oktober 2020 sind ausverkauft, frühestens im Dezember steht „Die Befristeten“ wieder auf dem Spielplan. Näheres auf der Homepage schauspielhausbochum.de oder unter Tel 0234 – 33 33 55 55.

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