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Nicht nur Sheriff Jack Rance (Massimo Cavalletti, vorn) ist fasziniert vom aufregenden Cowgirl Minnie (Ilaria Alida), hat bei ihr aber – im wahren Wortsinn – die schlechteren Karten.

'La fanciulla del West' in Essen

Der Wilde Westen in der Oper

Sie steht gar nicht so selten auf den Spielplänen nicht nur der „Großen Häuser“ wie der Staatsoper und der Deutschen Oper Berlin, wie in Hamburg oder München, wo der Filmregisseur Andreas Dresen das 1910 in der New Yorker Metropolitan Opera uraufgeführte Werk inszenierte, auch Hagen und mit Detmold sogar ein Landestheater haben sich an den Dreiakter gewagt, von der ihr Komponist Giacomo Puccini schrieb: „‚La fanciulla del West‘ ist mir von allen Opern am besten gelungen.“

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Jubelsturm im Aalto-Theater

Dennoch gehört „Das Mädchen aus dem Goldenen Westen“, so der deutschsprachige Titel, nicht wie etwa „Tosca“ oder „Bohème“ zum Standard-Repertoire, und bei uns tief im Westen schon gar nicht. Weshalb die Neuinszenierung Dirk Schmiedings, die am 28. März 2026 einen Jubelsturm des Premierenpublikums im Essener Aalto-Theater evozierte wie schon lange nicht mehr, ein Ausrufezeichen setzt zum Ende der Intendanz von Dr. Merle Fahrholz.

In der stimmungsvoll ausgestalteten Saloon-Kulisse von Ralf Käselau vertreiben sich die Goldgräber mit Kartenspiel und Whiskey die Zeit. Sie warten auf ihren größten Schatz, der ihr Heimweh stillt und den Feierabend nach einem harten Arbeitstag versüßt: Minnie (das blonde Cowgirl scheint gerade der „True Grit“-Leinwand entstiegen zu sein: die feurige italienische Sopranistin Ilaria Alida Quilico) gibt den harten Kerlen nicht zuletzt mit mahnenden Worten aus der Bibel ein warmes, familiäres Gefühl in der kalten Fremde.

Geheimnisvoller Fremder

Als ein geheimnisvoller Fremder den Saloon „Polka“ betritt, zeigt sich nicht nur Sheriff Jack Rance (der international gefragte italienische Bariton Massimo Cavalletti als Gast) von seiner eifersüchtigen Seite. Denn Minnie scheint den Mann zu kennen, der sich als Dick Johnson (der dritte Großkaräter dieser Produktion wechselte zu Saisonbeginn von der Deutschen Oper Berlin nach Essen: der venezuelanische Tenor Jorge Puerta) ausgibt, in Wahrheit aber der gesuchte Verbrecher Ramerrez ist, der mit seiner Bande das von den Minenarbeitern geschürfte und von Minnie bewachte Gold rauben will…

Nach Vollendung seiner „Butterfly“ war Puccini auf der Suche nach „etwas Neuem, Bewegendem und nie Gesehenem“. Seine Muse, die wohlhabende und überdies verheiratete Londonerin Sybil Seligman, besorgte ihm die italienische Übersetzung des Dramas „The Girl Of The Golden West“, in dem David Belasco den kalifornischen Goldrausch der 1850er Jahre aufgreift. Zusammen mit den Librettisten Guelfo Civinini und Carlo Zangarini entstand so die wahrscheinlich erste „Wildwestoper“ der Musikgeschichte, eine spannende, hoch emotionale Mischung aus Western-Romantik („Lucky Strike!“), Krimi-Spannung sowie Liebes- und Eifersuchtsdramatik.

Nicht zuletzt aus Eifersucht kennen Trin (Rainer Maria Röhr, l.) und Bello (Karel Martin Ludvik, r.) bei Dick Johnson (Jorge Puerta, Mitte) keine Gnade.

Puccinis Musik ist vergleichsweise arm an Arien, aber voll wunderbarer, mit amerikanischer Musik unterlegter Melodien, vom melancholischen Lied „Che faranno“ des heimwehkranken Jake Wallace über Minnies zarte Auftrittsarie „Dove eravamo?“ und Liebeslieder wie „Oh, se sapeste“ und „Ma non vi avrei rubato!“ bis hin zu Johnsons Arie „Ch’ella mi creda“, in der er darum bittet, dass Minnie nichts von seinem Tod erfahren soll.

Große Puccini-Momente

Das sind große Puccini-Momente, die unter der musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Andrea Sanguineti voll zur Geltung kommen. In den Folgevorstellungen wird auch die armenische Sopranistin Astrik Khanamiryan aus dem Aalto-Ensemble in der Partie der Minnie zu erleben sein.

Das Aalto-Regiedebüt Dirk Schmedings fällt zwiespältig aus. Auf der einen Seite sein vom Broadway und von Charlie Chaplins Film „The Gold Rush“ inspiriertes Konzept, eine Western-Filmkulisse zum Schauplatz zu machen, in der Charlie Chaplin in seiner 1915er Rolle als „The Tramp“ auf einem Dolly genannten Kamerawagen auf Schienen hereinfährt und der Videograf Johannes Kulz für Marlboro-Atmosphäre auf der Leinwand sorgt. Im Chaplin-Kostüm steckt übrigens Jihoon Kim, der gleich nach dem kollektiven „Hallo“-Auftakt des 1. Aktes das berührende Lied des Jake Wallace singt.

„Humorvolle Setzung“

Und im Bären-Kostüm steckt Jana Marković, die bisweilen wie ein flauschiges Nummerngirl über die Szene tapert. Womit wir bei der anderen Seite des Regiekonzeptes angekommen sind, das Puccinis Happy End (Minnie und Johnson sitzen auf Kinosesseln statt in Freiheit das Land zu verlassen) für unvermittelbar hält: Die Rollenbezeichnung Wowkle und Billy Jackrabbit verweisen auf das in der Oper vorkommende Indigenen-Paar (um das andere „I-Wort“ zu vermeiden).

Das geht heute natürlich ebenso wenig wie die mexikanische Herkunft der Räuberbande. Also haben sich das Regieteam und die Aalto-Dramaturgin Savina Kationi auf eine „humorvolle Setzung“ verständigt, die über knapp drei Stunden wie ein Fremdkörper wirkt.

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Karten unter theater-essen.de oder unter Tel 0201 - 81 22 200.

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Samstag, 20. Juni 2026, um 18 Uhr Aalto-Musiktheater, Opernplatz 10, 45128 Essen
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Donnerstag, 16. April 2026 | Autor: Pitt Herrmann