Der Krieg war am 8. Mai 1945 nicht zu Ende

LWL-Historiker zum Kriegsende vor 75 Jahren

Die Entlausung gehörte nach der Ankunft der Flüchtlinge und Vertriebenen zur Standart-Prozedur.
Die Entlausung gehörte nach der Ankunft der Flüchtlinge und Vertriebenen zur Standart-Prozedur. Foto: Stadtarchiv Furth im Wald

Westfalen-Lippe (lwl). War das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren eine Niederlage, ein Zusammenbruch oder eine Befreiung? Antworten auf diese und weitere Fragen liefern die Historiker des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) mit ihren Forschungsprojekten. „Die Erinnerung an den 8. Mai 1945 gerät bis heute zur Gretchenfrage, an der sich das demokratische Gewissen der Bundesrepublik Deutschland ablesen lässt“, erläutert Prof. Dr. Malte Thießen, Leiter des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte. „Vor unserer Haustür, in den Städten und in der Provinz, eröffnen sich uns neue Blicke auf das Kriegsende. Die Geschichte wird vor Ort in ihrer Vielfalt und Widersprüchlichkeit greifbar.“

Während ein Teil der Nationalsozialisten - Wehrmacht, Volkssturm und SS - bis zuletzt auf der Straße um den „Endsieg“ kämpfte, versteckten Parteigenossen der NSDAP in den Kellern verschämt ihre Parteiabzeichen und Uniformen. Während die letzten Überlebenden in den Lagern auf einmarschierende Rotarmisten, US-amerikanische und britische Soldaten starrten, starben unzählige Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter im Kugelhagel der Vergeltungsaktionen und auf Todesmärschen. „Niederlage, Zusammenbruch und Befreiung geschahen zeitgleich, häufig sogar am selben Ort. Und der Krieg war am 8. Mai 1945 eben nicht zu Ende. Noch jahrelang tobte er weiter und forderte seine Opfer - in den Verteilungskämpfen zwischen Eingesessenen, Flüchtlingen und Vertriebenen; und in den Köpfen der Opfer, Täter und Zuschauer, die lange Zeit nicht ihren Frieden mit dem Kriegsende machen konnten“, schildert Thießen. „Das Kriegsende vor der Haustür macht uns bewusst, dass wir es uns mit der Vergangenheit nicht zu einfach machen sollten. Und ebenso wenig mit dem Gedenken an diesen Jahrestag, der sich nicht auf einfache Geschichten reduzieren lässt.“

Zwei Beispiele aus Westfalen machen die Ereignisse vor 75 Jahren wie unter einem Brennglas sichtbar:

Ankommen in der neuen Heimat: Reihenuntersuchungen und Entlausungen

Nach den Untersuchungen und Entlausungen lebten die Flüchtlinge und Vertriebenen in Baracken. Die auf dem Foto zu sehende Frau und der Mann wurden aus dem Kreis Hirschberg in Niederschlesien vertrieben und 1946 in das Durchgangslager Coesfeld-Lette gebracht.
Nach den Untersuchungen und Entlausungen lebten die Flüchtlinge und Vertriebenen in Baracken. Die auf dem Foto zu sehende Frau und der Mann wurden aus dem Kreis Hirschberg in Niederschlesien vertrieben und 1946 in das Durchgangslager Coesfeld-Lette gebracht. Foto: Privatbesitz Edith Glasmeyer

Während der Kriegsendphase und nach Ende der Kampfhandlungen kamen rund zwölf Millionen Deutsche aus den eroberten und ausgebeuteten Gebieten im Osten nach Mittel- und Westdeutschland. Bei der Ankunft im Westen wurden die Flüchtlinge und Vertriebenen mehrfach medizinisch untersucht und behandelt. Alle Ankommenden mussten sich in den verschiedenen Stationen - den Durchgangs- und Aufnahmelagern wie in Coesfeld-Lette - der Entlausung unterziehen. Diese Prozedur gehörte zum Standardrepertoire sowohl der deutschen als auch der alliierten Gesundheitsverwaltungen. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts entlausten die preußischen Behörden an Grenzstationen und bei Berlin alle Migranten, die aus dem Osten durch das Deutsche Reich geschleust wurden.

Während die Prozedur heute erniedrigend erscheint, waren die Flüchtlinge durchaus vertraut mit der Behandlung. So wird sie auch in der Rückschau durch die Vertriebenen in Erzählungen und Berichten nur selten thematisiert und noch seltener skandalisiert. Vielmehr scheint es, dass die Entlausungsprozedur als notwendig und normal akzeptiert war. Die medizinische Untersuchung nach Ankunft in den Durchgangslagern war ebenfalls akzeptiert. Frauen wurden in den Lagern zwangsweise auch auf Geschlechtskrankheiten untersucht. Sexuell übertragbare Krankheiten waren bedeutende Fixpunkte gesundheitspolitischer Überlegungen und Maßnahmen von Besatzungsbehörden und deutschen Gesundheitsverwaltungen. Neben der Angst vor der Verbreitung unter alliierten Soldaten und einheimischer Bevölkerung gründeten die Maßnahmen auch auf Vorurteilen gegenüber dem Osten.

Frauen in die Politik: Wiederaufbau in der Nachkriegszeit

Sozialpolitikerin Frieda Nadig kandidierte bei der Bundestagswahl 1949.
Sozialpolitikerin Frieda Nadig kandidierte bei der Bundestagswahl 1949. Foto: Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld

Nachdem sich bereits im August 1945 die großen Parteien der Weimarer Republik wieder beziehungsweise neu gegründet hatten, fand sich nicht selten die Parole: „Nun sind die Frauen an der Reihe.“ Dabei war allerdings von Seiten der Parteien weniger an deren paritätischer Mitwirkung gedacht, als an ihre praktische, meist fürsorgerische Tätigkeit vor Ort in Frauenvereinen oder kommunalen Frauenausschüssen, um kurzfristig die größte Not zu lindern.

Ein solcher Frauenausschuss wurde zum Beispiel am 12. September 1946 in Dortmund ins Leben gerufen. Die britische Militärregierung begrüßte grundsätzlich eine stärkere politische Beteiligung von Frauen. Sie stand nicht nur den Frauenausschüssen positiv gegenüber, sondern befürwortete auch eine angemessene weibliche Repräsentanz in den Stadträten und deren Ausschüssen. So sprachen sich englische Behörden anlässlich der Kommunalwahlen im Oktober 1948 in einem Schreiben an Heinrich Austermann, den damaligen Stadtdirektor von Münster, ausdrücklich für eine stärkere Vertretung von Frauen im Rat und in den Ausschüssen aus. Im Ergebnis blieb der Aufruf der britischen Behörden jedoch ohne Erfolg. Im neugewählten Rat waren unter den 33 Mitgliedern nur zwei Frauen vertreten.

Während sich vielerorts soziale und kulturpolitische Vereine von Frauen gründeten, waren Frauen an der Wiedergründung der demokratischen Parteien nur vereinzelt beteiligt. In Ostwestfalen beispielsweise knüpfte die Sozialpolitikerin Friederike (Frieda) Nadig aus Herford an ihre politische Karriere in der SPD an, für die sie in den 1920er Jahren bereits in den Westfälischen Provinziallandtag gewählt worden war. Nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur beteiligte sich Nadig am demokratischen Wiederaufbau Deutschlands zunächst als Mitglied im Zonenbeirat für die Britische Zone und von 1947 bis 1950 als Landtagsabgeordnete im nordrhein-westfälischen Landtag. Außerdem gehörte sie 1948 zu den „vier Müttern“ des Grundgesetzes im Parlamentarischen Rat.

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